Publiziert 09. Apr. 2022, 09:00
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Crowdfunding lanciert

Winterthurer Verein sammelt Geld für sein Ferienhaus

Seit über 70 Jahren gehört der «Säntisblick» im Toggenburg dem Eisenbahner Ferien-Verein Winterthur. Um das Ferienhaus für die nächsten Generationen zu erhalten, startet der Verein nun ein Crowdfunding.

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Ramona Kobe

104 Jahre sind seit der Idee des Winterthurers Albert Romann vergangen. Sein Traum: den Arbeitskollegen günstige Ferientag mit ihren Familien zu ermöglichen. Der Eisenbahner-Gewerkschafter wollte in den Sommermonaten Alphütten in den Bergen mieten, so dass auch der Arbeiterstand einige Tage in der Natur verbringen konnte. «Durch die Beobachtungen bei den Wanderungen durch unsere schöne Gebirgswelt wurde in mir der Wunsch wach, auch meine Leidensgenossen, den Arbeitskategorien, die Schönheiten der Natur wo möglich zugänglich zu machen», schrieb er im Bericht der ersten Versammlung, an der acht weitere Eisenbahner-Kollegen teilnahmen.

Aus den Alphütten wurde letztendlich nichts. Doch der 1918 gegründete «Eisenbahner Ferien-Verein Winterthur» schaffte es trotzdem, den damals finanziell nicht gut gestellten Eisenbahnern bezahlbaren Urlaub zu bieten. Und zwar im Toggenburg, wo der Verein ein Haus für knapp 13’000 Franken kaufen konnte.

Crowdfunding soll Sanierung ermöglichen

Der «Säntisblick» in Alt St. Johan ist nun seit über 70 Jahren in den Händen des Vereins. Allerdings kostet eine Übernachtung mittlerweile nicht mehr 50 Rappen wie zu Anfangszeiten, sondern zwischen 16 und 27 Franken – je nach Saison. Auch wenn der Verein heute keinen direkten Bezug mehr habe zur SBB oder der Gewerkschaft des Verkehrspersonals, halte man am Konzept fest, wie Vereinsmitglied Claudia Maurer erzählt: «Es soll jedem möglich sein, auch Nichtmitgliedern, günstige Ferien an einem schönen und erholsamen Ort zu verbringen.»

Doch der Verein steht vor einem Problem, wie Vorstandsmitglied Christian Leu sagt. «Die Witterung hat dem Haus ziemlich zugesetzt. Eine Fassade und ihre Fenster sind morsch und es ist höchste Zeit, etwas zu machen. Unser Ziel ist, dieses Jahr die Dorfseite sanieren zu können.» Allerdings würden die finanziellen Mittel nicht für alle notwendigen Arbeiten ausreichen. «Wir haben in den letzten Jahren bereits die Küche sowie die Terrasse und deren Fassade renoviert», fährt Leu fort. Dabei seien mehrere Arbeiten auch in Eigenregie ausgeführt worden. Letztes Jahr kam es zudem zu einem Rohrbruch am Boiler, wodurch einiges nass wurde und erneuert werden musste. «Betroffen war leider auch ein Teil der neuen Küche.» Seine Kollegin Maurer ergänzt: «Aufgrund der Pandemie hatten wir zudem nur wenige Gäste im Haus und dadurch eine beträchtliche Ertragseinbusse.»

Gäste beleben das Ferienhaus

Der Verein hat sich deshalb entschieden, Mitte April ein Crowdfunding zu starten. Andere Projekte in Winterthur, die auf diese Weise finanziert werden konnten, hätten die beiden motiviert, es auch zu versuchen. «Verlieren können wir schliesslich nichts», erzählt Maurer, die im Ferienhaus als Hüttenwartin amtet.

Mindestens 70’000 Franken sollen in vier bis sechs Wochen über die Plattform Lokalhelden.ch zusammenkommen – so viel wird die Sanierung ungefähr kosten. Das hänge unter anderem vom verfügbaren Baumaterial ab, dessen Preise stark angestiegen seien. Es gebe eine günstige sowie eine etwas teurere Variante, erklärt Leu. «Wollen wir wieder eine Original-Schindelfassade machen, wie es im ‹Toggi› üblich ist, kostet uns das einiges mehr.» Weniger kostspielig sei hingegen eine Bretterfassade. Für eine solche hat sich der Verein vor einigen Jahren bei der Rückseite des Hauses entschieden. Der grösste Kostenpunkt sind aber die Fenster. Wie Maurer sagt, ist es den beiden wichtig, mit Handwerkern aus der Region zusammenzuarbeiten und das lokale Gewerbe auf diese Weise zu unterstützen.

Das Crowdfunding solle auch Aufmerksamkeit generieren für den Verein, der heute aus circa 120 Mitgliedern besteht. Viele davon sind seit Jahrzehnten und bereits in zweiter oder dritter Generation dabei, wie die Winterthurerin erzählt. Die Mehrheit würde aus der Ostschweiz stammen, aber auch Familien aus Deutschland oder Holland zählten dazu. «Wir kennen aber gar nicht alle Leute», sagt Leu. «Schliesslich sehen wir uns nicht wöchentlich zum Fussballtraining. Der einzige Vereinszusammenhalt ist das Ferienhaus.» Und dieses wolle man für die nächsten Generationen erhalten, so Maurer. «Das gemeinsame Kochen und gemütliche Beisammensein im ‹Säntisblick› soll auch in Zukunft weiter gepflegt werden können.» Insbesondere im Winter, wenn jeweils fast alle Betten belegt sind und Leben ins Haus einkehrt. «Ich kenne viele Familien, die sich im ‹Toggi› kennenlernten, Freundschaften schlossen und nun ihre Skiferien jedes Jahr gemeinsam verbringen», sagt Maurer. Sie hofft, dass künftig im Sommer noch mehr Gäste im «Säntisblick» übernachten werden. «Schön und erholsam ist es nämlich auch dann.»

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