Publiziert 23. Sep. 2022, 07:00
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Wo ältere Herren schrauben, fluchen und lachen

Wenn die Diesler-Werkstatt temporär zum Museum wird

Wenn immer wieder dienstags in einer Industriehalle in Neuhegi ein paar ältere Herren schrauben, fluchen und lachen, kommt jeweils ein riesiger Dieselmotoren-Erfahrungsschatz der goldenen Sulzer-Jahre zusammen. Der Verein Diesel Motoren Winterthur bringt beeindruckende Zeitzeugen der Winterthurer Maschinenindustrie seit 2011 wieder zum Laufen.

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George Stutz
Vor wenigen Wochen durften Heiner Comminot (Foto) und seine Vereinskollegen vom Uni-Spital Zürich einen 6BAF22-4-Takt-Motor entgegennehmen.

Vor wenigen Wochen durften Heiner Comminot (Foto) und seine Vereinskollegen vom Uni-Spital Zürich einen 6BAF22-4-Takt-Motor entgegennehmen.
George Stutz

Hinter der Fassade des «Turm Ost» in Neuhegi – einem ehemaligen Versuchturm der Sulzer ChemTech – wird auch am heutigen Dienstagnachmittag wieder geschraubt, geschweisst, behutsam gehämmert, manchmal gelacht, manchmal auch geflucht. Als wäre die Zeit der Winterthurer Industriehochblüte stillgestanden, werden hier in einem fabrikähnlichen Ambiente mit hohem Nostalgiefaktor vornehmlich Maschinen-Raritäten mit Sulzer- und SLM-Vergangenheit restauriert, gereinigt, poliert, getestet und ausgestellt. «Wir haben hier Diesel-Maschinen die allesamt im Zeitfenster zwischen 1898 und 1960 gebaut wurden. Beispielsweise der 6TW24-Dieselmotor der auf dem Vierwaldstättersee verkehrenden MS Schwyz, oder der 4RKW15, der ab 1928 das Schleppschiff Gambrinus der Brauerei Wädenswil AG auf dem Zürichsee antrieb, aber auch unser ‹Klostermotor›, ein aus dem Kapuzinerkloster Stans stammender Motor mit eindrücklichem Schwungrad, der per Riemen einst einen Licht-Generator antrieb», erklärt Heiner Comminot.

Statt für Schrott tief in die Taschen gegriffen, einen Verein gegründet

Der ehemalige Versuchsmotoren-Ingenieur bei Sulzer, später Wärtswila, präsidiert den Verein der pensionierten Diesler seit dessen Gründung am 14. April 2011. Er erinnert sich an die Anfänge: «Mit beruflichen Weggefährten traf ich mich auch nach der Pensionierung ab und zu. Statt nur in früheren Zeiten mit etwa unvergesslichen Schiffsmotoren-Revisionen auf den Weltmeeren zu schwelgen, weckte ein ausgedienter Einzylinder-Dieselmotor der Pfannenfabrik Kuhn in Rikon in uns den Tatendrang, selbst wieder hin und wieder zu schrauben.» Weil aber bei Kuhn wichtige Komponenten nicht mehr zu finden waren, liessen sie ihre Beziehungen spielen und kamen so in den Kontakt mit dem Technorama Winterthur. Dieses war im Begriff, sich neu auszurichten und die Sammlung alter Motoren aufzulösen. «Für deren Übernahme wurden wir vor die Wahl gestellt, den entsprechenden Schrottpreis zu entrichten oder aber Statuten eines Vereins vorzulegen. Weil uns das nötige Kleingeld fehlte, entschlossen wir uns zur Gründung des Vereins Diesel Motoren Winterthur», so Heiner Comminot.

Prachtsexemplar aus dem Uni-Spital

Elf Jahre später besteht dieser aus acht bis zehn schraubenden «aktiven Aktiven», wie Heiner Comminot schmunzelt. Dazu weitere 48 Aktive, die primär mit ihren Jahresbeiträgen mithelfen, etwa die Mietkosten zu tragen und gut 90 Passiven. Und obwohl das Gros der ehrenamtlich schraubenden Diesler weit über 60 Jahre alt ist, sind die Projekte in den letzten Jahren keineswegs weniger geworden, im Gegenteil. Zumal bisher nur der eigentliche Gründer-Motor veräussert wurde, alle anderen wie der jüngste «Patient» – ein Sulzer 6BAF22 4-Takt-Motor, der bis vor kurzem im Universitätsspital Zürich einen Generator angetrieben hatte – Eigentum des Vereins geblieben sind, ist der Bestand stetig angewachsen. Dazu kommen Schulungsmodelle und Vitrinen mit beispielsweise Prototypen des einstigen Winterthurer Turbolader-Erfinders Albert Büchi.

Eine elfjährige Erfolgsgeschichte

«Natürlich wollen wir diese Zeugen der Winterthurer Dieselmotoren-Geschichte einem breiteren Publikum zugänglich machen. Deshalb freuen wir uns, wenn wir wie zuletzt etwa am Dampfmaschinenfest des Dampfzentrums Winterthur ausstellen dürfen oder eben an unserem Dieseltag am 24. September viele Interessierte begrüssen dürfen.» Heiner Comminot und seine Mit-Diesler stehen auch für Führungen von Gruppen oder auch Schulklassen jederzeit zur Verfügung. Er lacht: «Weil unsere Werkstatt immer wieder zum temporären Museum wird, verlassen wir die Halle dienstags jeweils nur im tipptopp aufgeräumten Zustand.»

Das Erbe der Diesler-Generation

Ein bisschen bereitet dem Vereinspräsidenten aber Sorgen, dass die Werkhalle eines Tages nur noch Ausstellungszwecken dienen könnte, zumal die schraubende Diesler-Zunft nicht jünger wird: «Jüngere für unsere freiwillige Tätigkeit zu begeistern, ist schwierig. So gesehen wäre es wunderbar, wir könnten unsere mit Herzblut gepflegten und restaurierten Raritäten eines Tages in passenden Museumsräumlichkeiten unserer Nachwelt überlassen, zumal der Dieselmotorenbau die Winterthurer Industriegeschichte massgebend mitgeprägt hat.»

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