Publiziert 30. Dez. 2022, 06:30
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Der 84XO-Jahresrückblick

Von Januar bis Dezember: Was 2022 in Winterthur für Schlagzeilen sorgte

Auch im Jahr 2022 hat sich in Winterthur so einiges zugetragen, was für Aufregung und Angst, für Freude und Frust sorgte. 84XO blickt zurück auf die letzten zwölf Monate.

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Ramona Kobe

Januar: Bereit für die nächsten 100'000 Geburten

350 Millionen Franken, 13 Stockwerke, 213 Zimmer, sieben Operationssäle und 95 Behandlungsräume. Der Neubau des Kantonsspitals Winterthur ist vor allem eins: imposant. Und seit dem 21. Januar 2022 offiziell eingeweiht. Entsprechend hoch war der Besuch bei der Eröffnung. Die kantonale Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli, die selbst das Licht der Welt im KSW erblickt hatte, durfte das blaue Band durchschneiden, gemeinsam mit Baudirektor Martin Neukom. Auch er erinnerte sich in seiner Rede, ebenso wie Stadtpräsident Michael Künzle, an einen Eingriff im Spital und nannte weitere eindrucksvolle Eckdaten des Neubaus: 40 Kilometer verlegte Heizleitungen, 285 Kilometer Netzwerkkabel, 90'000 Kubikmeter Aushubmaterial. Im neuen Betten- und Operationstrakt befindet sich auch eine Spitalkirche. Diese weihte das KSW am Sonntag, 6. März, dem «Tag der Kranken», mit einer interreligiösen Feier ein.

Februar: Die Masken fallen

Die Maskenpflicht fiel am 17. Februar, zumindest an den meisten Orten.

Die Maskenpflicht fiel am 17. Februar, zumindest an den meisten Orten.
Symbolfoto: Pixabay.com

Es war ein historischer Moment: Am 16. März 2020 rief der Bundesrat den ersten schweizweiten Lockdown aus. Das Coronavirus wütete, das Leben aller wurde auf den Kopf gestellt, Masken gehörten zum Alltag. Am 16. Februar 2022 dann die Überraschung: Gesundheitsminister Alain Berset hebt fast alle Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus auf. Der Mund- und Nasenschutz musste nur noch im öffentlichen Verkehr getragen werden, nicht aber mehr in Restaurants, Läden und an Veranstaltungen. Auch ein Zertifikat war nicht mehr nötig – die Schweiz durfte sich wieder frei bewegen.

Die Freude über die zurückgewonnene Freiheit war auch in Winterthur gross. «Lange herrschte tote Hose – jetzt wird wieder gefeiert!», sagte Hänse Schegg, Besitzer des Bolero Clubs Winterthur. «Jede Lockerung hat mindestens emotional einen positiven Einfluss», fand Pascal A. Werner, damaliger Wirt des Restaurants Stadtrain und Vorstandsmitglied von Gastro Winterthur. «Das ist ein positiver Vibe, der verbreitet wird», betonte Bea Linder, Geschäftsführerin der City-Vereinigung Junge Altstadt.

März: Doch eine fünfte Jahreszeit für die Kleinsten

Die Hoffnung war längst aufgegeben: Dieses Jahr gibt es keinen Kinderumzug. Diesen Entscheid wollten die beiden Altstadt-Unternehmer und leidenschaftlichen Fasnächtler Ruedi Weigold und Daniel Helbling allerdings nicht akzeptieren und sorgten dafür, dass die Winterthurer Kinder am Fasnachtssonntag doch ihr buntes Konfetti streuen konnten. Die Grossen machten es ihnen tags darauf nach. Und zwar mit all der Pracht, wie man es aus der Vor-Corona-Zeit kannte. Winterthur war nach dem närrischen Treiben vor allem eins: farbenfroh.

April: Winterthur leuchtet blau und gelb

Mit den ukrainischen Flaggen wollte die Untertor-Vereinigung ein Zeichen für die Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine setzen.

Mit den ukrainischen Flaggen wollte die Untertor-Vereinigung ein Zeichen für die Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine setzen.
zvg

Was viele für nicht möglich hielten, wurde bittere Realität: Krieg in der Ukraine, Krieg in Europa, nicht weit von uns entfernt. Nach dem ersten Schock kam die grosse Welle an Solidarität. Verschiedene Winterthurer Örtlichkeiten leuchteten in den Nationalfarben der Ukraine, vor dem Stadthaus wurde die ukrainische Nationalflagge gehisst, und auch das Untertor bezog Stellung. Hilfsgelder im sechsstelligen Bereich wurden gesprochen, mehrere Unterkünfte für Geflüchtete vorbereitet. Die Stadt Winterthur brachte Einzelpersonen und Familien unter, Privatpersonen nahmen sie in ihren Wohnungen auf, Flüchtlingskinder wurden eingeschult. Und ein Winterthurer unterstützte gar mitten im Kriegsgebiet.

Mai: Der FCW steigt auf. Und mit ihm die ganze Stadt.

37 Jahre hat es gedauert. Am 21. Mai 2022 dann die grosse Erlösung: Der FC Winterthur ist zurück in der obersten Liga. Die Mannschaft von Alex Frei behielt im allerletzten Spiel der Saison die Nerven und siegte auswärts gegen Schlusslicht Kriens gleich mit 5:0. Zwar hatten Schaffhausen und der FC Aarau gleich viele Punkte, doch der FCW das beste Torverhältnis, das ihm den Aufstieg in die Super League sicherte. Die Freude im gesamten Team: riesig. Fast noch grösser war sie allerdings bei den Fans. Gefeiert wurde der Triumph mit einer Freinacht, die in Worten kaum zu beschreiben ist. Doch die Bilder sprechen für sich.

Juni: Im sechsten Monat wird «gfäschtet»

Corona ist vorbei, die Feste zurück. 7000 Turnerinnen und Turner massen sich vom 11. bis 19. Juni mitten im Feld bei Wiesendangen. Die vier regionalen Turnvereine Hegi, Oberwinterthur, Thalheim und Wiesendangen organisierten das Regionalturnfest, Mini-Open-Air inklusive. Jegliche Erwartungen der Organisatoren wurden übertroffen: «Vielleicht waren es die heissen Temperaturen, vielleicht die zweijährige Corona bedingte Turnfestpause – auf alle Fälle war die Stimmung ausgelassen und friedlich.»

Wer vom Festen noch nicht genug hatte, fand kurz darauf die nächste Gelegenheit: Am letzten Juni-Wochenende fand das 49. Albanifest nach zwei pandemiebedingten Ausfällen wieder statt. Über 150'000 Besucherinnen und Besucher strömten in die Winterthurer Altstadt und erfreuten sich der zahlreichen Festbeizen, Live-Musik und der grossen Chilbi. Die Pandemie schien keine tieferen Spuren hinterlassen zu haben, zeigte sich der scheidende OK-Präsident Daniel Frei erleichtert. «Wir freuen uns für die teilnehmenden Vereine, Marktfahrer und Schausteller, dass das Albanifest in gewohnter Form durchgeführt werden konnte und dass die Besucher zurückgekehrt sind.»

Das «Chinder-Albani» im Stadtgraten organisierte erstmals das Familienzentrum mit der Regiogruppe «Doula rund um Winterthur». Sie setzen auf altbewährte Attraktionen, überraschten aber auch mit einem neuen Angebot: Still- und Wickelplätze sowie mehr gedeckte Plätze, die für zusätzlichen Komfort sorgten.

Juli: Das Thermometer klettert höher und höher

Heiss, heisser, Schweizer Sommer: Das Thermometer kletterte im Juli auf bis 40 Grad.

Heiss, heisser, Schweizer Sommer: Das Thermometer kletterte im Juli auf bis 40 Grad.
Symbolfoto: zvg

Letztes Jahr prägten heftige Unwetter den Sommer in der Schweiz. Das Gegenteil war 2022 der Fall: Es war heiss und trocken. Europa litt unter einer Hitzewelle. Mitte Juli wurden hierzulande die höchsten Temperaturen des Jahres gemessen, das Thermometer kletterte auf 37 Grad und mehr. Die Winterthurerinnen und Winterthurer schafften es, dennoch einen kühlen Kopf zu bewahren – mit «Iiskafi» am Morgen, Ventilator im Schlafzimmer oder einem kühlen Bierchen am Abend an einem schönen Schattenplätzchen.

August: Die Musik ist zurück auf der «Steibi»

Sie waren auch schön, die Winterthurer Musikfestwochen 2021, die für einmal im Rychenberg-, Büelpark und auf dem Viehmarkt stattfanden. Doch sie waren eben nicht die Musikfestwochen, die man kennt und liebt. Umso schöner war die diesjährige Rückkehr in die Altstadt. Rund 60'000 Besucherinnen und Besucher besuchten die gut 100 Konzerte und Veranstaltungen und verwandelten Steinberggasse, Kirchplatz und Graben wieder in zauberhafte Kulissen. Die «Steibi» war permanent voll, ja pumpenvoll, sodass die Eingänge an fünf Abenden zeitweise gar geschlossen werden mussten. Das hiesige Musikfestival trumpfte an der 47. Ausgabe gleich mit mehreren Neuheiten: ein Awareness-Team, ein Nachhaltigkeitskonzept, ein Konzert für Gehörlose in Gebärdensprache. Zusammengefasst lässt sich sagen: Es war eine Heimkehr nach Mass.

September: Von der Gemeinde zur Grossstadt

Das Luftbild von 1966 zeigt die Ausdehnung des Mattenbachquartiers bis zur Endlikerstrasse und das sich im Bau befindliche Schulhaus Gutschick.

Das Luftbild von 1966 zeigt die Ausdehnung des Mattenbachquartiers bis zur Endlikerstrasse und das sich im Bau befindliche Schulhaus Gutschick.
ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Com F66-07208

In der Nacht vom 31. Dezember 1921 auf den 1. Januar 1922 fand offiziell zusammen, was zusammengehört: Die Stadtgemeinde Winterthur schloss sich mit ihren bisher eigenständigen Vororten Töss, Veltheim, Wülflingen, Oberwinterthur und Seen zusammen. Aus knapp 27'000 Einwohnerinnen und Einwohnern wurden 50'000, aus Winterthur wurde Gross-Winterthur. Doch die Eingemeindung vor hundert Jahren war keine Liebesheirat. Sie war eine längere Leidensgeschichte mit unzähligen Grundsatzpapieren, epischen Kantons- und Gemeinderatsdiskussionen und einer letztendlich überraschend deutlichen Abstimmung im Kanton Zürich, wie das Neujahrsblatt 2023 der Stadtbibliothek Winterthur aufzeigt.

Zur Feier des runden Geburtstags lancierte der Stadtrat zudem das Kulturprojekt «Winterthurerstrasse». Seit Mai wurden in fünf «Stadtlaboren» gemeinsam mit ausgewählten Bevölkerungsgruppen Beiträge zum Wandel und zur Vielfalt in der Stadt erarbeitet. Am Jubiläumswochenende vom 10. und 11. September wurden die gesammelten Ergebnisse im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung präsentiert.

Oktober: Der Strom wird knapp

Wer nicht bald im Dunklen sitzen will, muss frühzeitig handeln: Der Stadtrat ruft zum Energiesparen auf.

Wer nicht bald im Dunklen sitzen will, muss frühzeitig handeln: Der Stadtrat ruft zum Energiesparen auf.
Symbolfoto: zvg

Bereits im Sommer, als niemand an heizen dachte, informierte der Stadtrat, dass in den kommenden Wintermonaten auch Winterthurerinnen und Winterthurer in ihren Wohnungen frieren und zudem zumindest zeitweise vom Stromnetz getrennt werden könnten. Im Oktober dann wurden die ersten Massnahmenbündel vorgestellt, um Energie zu sparen: die Beleuchtung öffentlicher Gebäude wurde ausgeschalten, Brunnen aus dem Betrieb genommen, städtische Verwaltungsgebäude auf maximal 20 Grad beheizt. Auch die Weihnachtsbeleuchtung brannte in diesem Jahr aufgrund der Energiemangellage reduziert. Anfang November kamen die nächsten Sparmassnahmen: kühlere Schulhäuser und Sporthallen, weniger WLAN, tiefere Wassertemperatur in den Hallenbädern. Die Kirchen und zahlreiche Privatpersonen zogen mit. Good News: Bislang ist der Strom noch nicht ausgegangen...

November: Die Stadtpolizei im Spotlight

Das Kapitel Obertor ist Geschichte: Die Stadtpolizei hat ein neues Zuhause an der Obermühlestrasse. Sorgte der Umzug für einen Schlussstrich der Negativschlagzeilen?

Das Kapitel Obertor ist Geschichte: Die Stadtpolizei hat ein neues Zuhause an der Obermühlestrasse. Sorgte der Umzug für einen Schlussstrich der Negativschlagzeilen?
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Es war nicht das Jahr der Stadtpolizei Winterthur – trotz des Umzugs vom verschachtelten Altstadtgebäude am Obertor in den topmodernen Neubau an die Obermühlestrasse. Es waren die negativen Schlagzeilen, die dominierten. Der Stadtrat gab nach zwei Suiziden im Februar eine Administrativuntersuchung in Auftrag, Kommandant Fritz Lehmann tritt vorzeitig zurück. Ende November lag der Untersuchungsbericht vor: Die Führungskultur der Stapo stand in der Kritik, ihr wurden gravierende Mängel vorgeworfen. Der Stadtrat ist sich einig: Ein Kulturwandel muss her. Ob der neue Kommandant Anjan Sartory, der im Februar 2023 übernimmt, diesen bewirken kann, wird sich zeigen.

Dezember: Ein Kindergarten in Schutt und Asche

Glück im Unglück: Zum Zeitpunkt, als der Brand im Kindergarten Schützenwiese kurz vor Weihnachten ausbrach, befanden sich keine Personen im Gebäude. Der Schock sass dennoch tief, handelte es sich doch um einen «Chindsgi» mit langjähriger Geschichte. Seit 1875 gehen im ehemaligen Schützenhäuschen, das vor fast 300 Jahren ursprünglich in der Nähe des heutigen Stadthauses errichtet wurde, Kinder ein und aus. Doch zu retten war nichts mehr: Der Kindergarten erlitt durch das Feuer, das für eine riesige Rauchwolke über ganz Winterthur sorgte, Totalschaden.

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