Publiziert 25. Nov. 2022, 06:30
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Gehörlose im Tempodrom

Vielsagendes Lächeln mit Langzeitwirkung

Konnten für ein paar Stunden aus dem Alltag ausbrechen: Bewohnende des Gehörlosendorfs in Turbenthal durften im Tempodrom ihre Runden drehen. Möglich machte die Aktion eine Stiftung.

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George Stutz
Los gehts (von links): Zako, Thomas Dinkel und Sandro Altorfer.

Los gehts (von links): Zako, Thomas Dinkel und Sandro Altorfer.
George Stutz

Am Mittwochmorgen kurz nach zehn Uhr lädt Tempodrom-Geschäftsführer Thomas Dinkel zum Fahrer-Briefing. Die angehenden Piloten sind Zako, Gabriel, Petra und Sandro. Die vier sind nicht Freunde, die wie die meisten untereinander einen Wettbewerb um die schnellsten Rennrunden austragen. Sie sind in der Gokart-Arena in der Steig, um für ein paar Stunden aus ihrem Alltag im Gehörlosendorf Stiftung Schloss Turbenthal auszubrechen. Bis auf Betreuer Sandro Altorfer werden sie sich heute erstmals in einen Kart setzen. «Sie freuen sich bereits seit Tagen auf diesen Moment», erzählt Altorfer, während er seinen Schützlingen die Hauben und jenen, die sich zuerst in die Schalensitze der zweiplätzigen Karts wagen, die Helme aufsetzt.

Spezial-Karts seit 2018 im Einsatz

Zusammen mit einem Tempodrom-Mitarbeiter setzt sich Altorfer auch gleich hinter jenes Steuerrad des Special-Go-Karts, das auch tatsächlich mit der Lenkung verbunden ist. «Auch die Brems- und Gaspedale sind auf den Beifahrerplätzen vorhanden, die Menschen mit Beeinträchtigung sollen ja auch wirklich das Gefühl erhalten, ihren Anteil an schnellen Runden leisten zu dürfen», erklärt Thomas Dinkel. Vor fast vier Jahren war er von der damals vor allem in der französischen Schweiz tätigen, 2004 gegründeten Stiftung Just for Smiles kontaktiert worden. «Das Konzept, Menschen mit Behinderung an Sport-Events wie beispielsweise Skifahren, Segeln oder eben Kartfahren von ihren Handicaps abzulenken und ihnen ein neues Selbstwertgefühl zu geben, hat mich fasziniert. Seither haben wir regelmässig solche aufgestellte Gruppen, wie diese aus Turbenthal bei uns», so Dinkel.

Begeistert von der Zusammenarbeit mit dem Tempodrom-Team zeigt sich auch die Geschäftsführerin von Just for Smiles, Emmanuelle Schatzmann: «Unser Ziel war es damals, mithilfe des Angebots im Tempodrom, auch in der Deutschschweiz breiter Fuss zu fassen. Corona hat uns zuletzt etwas ausgebremst. Nun freuen wir uns aber auf noch mehr Momente des Lächelns auch hier in Winterthur.» Just for Smiles setzt auf ein auch in der Deutschschweiz stetig grösser werdendes Netzwerk. «Unser Angebot, wie eben das Kartfahren, steht Wohnheimen offen, die Menschen mit Beeinträchtigung betreuen und sich nicht weiter als eine Autostunde vom Veranstaltungsort weg befinden. Diese können ihre Bewohnenden anmelden und sind sodann für den Transport und die Betreuung vor Ort selbst verantwortlich», erzählt Schatzmann.

Dann könnte die Winterthurer Brühlgut Stiftung ebenfalls Bewohnende anmelden? Thomas Dinkel bestätigt, dass auch schon mal einzelne Bewohnende von anderen Stiftungen ein paar Runden mitfahren durften. «Es ist aber so, dass die Gokarts der Stiftung gehören und diese dementsprechend Institutionen aus ihrem Netzwerk berücksichtigt.» Emmanuelle Schatzmann sagt, dass der Kontakt mit der Brühlgut Stiftung gesucht wird. «Wir sind für solche wichtige Institutionen keine Konkurrenz, sondern wollen mit unserem Event-Angebot den Menschen mit Beeinträchtigung zusätzliche Aktivitäten ermöglichen.»

Zum Schluss einen Sonderwunsch erfüllt

Während Schatzmann und ihr kleines Team im Tempodrom-Bistro eine nächste Gruppe begrüssen, fährt die Turbenthaler Gruppe bereits ihren zweiten Block. Nach jeder Runde werden dabei die vorbeifahrenden Zako, Petra und Gabriel im Bereich der Boxen von ihren Kolleginnen und Kollegen frenetisch angefeuert, bis dass die beiden Spezialkarts zum Nachladen an die Steckdose müssen. Zako zieht sich mit Sandro Altorfer etwas zurück. Mit eindeutigen Gesten beantwortet er die Fragen seines Betreuers: Er möchte zum Abschluss alleine mit einem Kart noch zwei, drei Runden drehen. Nach kurzer Rücksprache ermöglicht Thomas Dinkel den Wunsch.

Auf der niedrigsten Tempostufe fährt Zako los, lenkt den Kart immer wieder einhändig, da er mit der einen Hand regelmässig die Faust begeistert in die Luft stösst. Mit einem breiten Lachen stösst er etwas später wieder zur Gruppe. Mit Ausnahme eines kurzen Stopps hatte er den Kurs bravourös gemeistert. Sandro Altorfer klatscht seinen Schützling ab. Er weiss, seine ganze Gruppe und vor allem Zako haben sich selbst bewiesen, für einen kurzen Moment auf Augenhöhe mit all den anderen Gokart-Fahrern zu sein: «Das sind sehr wichtige und lang anhaltende Momente für sie.»

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