Publiziert 26. Apr. 2022, 16:18
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Winterthurerin arbeitet auf Spitalschiff

«Viele der Patienten haben noch nie ein WC gesehen»

Senegal statt Schweiz, Meer statt Land: Linda à Porta arbeitet während zehn Wochen ehrenamtlich als Pflegefachfrau auf einem Spitalschiff. Mit ihrem Einsatz bei «Mercy Ships» geht für die Winterthurerin ein Kindheitstraum in Erfüllung.

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Ramona Kobe

Medikamente verabreichen, Infusionen legen, Verbände wechseln – als Pflegefachfrau stehen diese Arbeiten an der Tagesordnung. Auch für Linda à Porta. Doch wenn sie Feierabend hat und ihren Kasak bis zur nächsten Schicht in den Schrank hängt, tritt sie nicht aus dem Kinderspital Zürich, ihrem letzten Arbeitgeber. Die Winterthurerin befindet sich seit Ende März im Hafen von Senegals Hauptstadt Dakar. Ihr Arbeitsort ist für zehn Wochen ein schwimmender: das Spitalschiff «Africa Mercy» der internationalen, christlichen Hilfsorganisation Mercy Ships, die von Don und Deyon Stephens in Lausanne gegründet wurde und sich für einen besseren Zugang der Bevölkerung zur Gesundheitsversorgung einsetzt, seit 1990 vor allem auf dem afrikanischen Kontinent.

Für à Porta geht mit dem Einsatz auf dem Spitalschiff ein Kindheitstraum in Erfüllung. «Als ich als kleines Mädchen davon hörte, wusste ich: Das will ich auch machen», erzählt die heute 25-Jährige. Auch deshalb hat sie sich am KSW zur Fachfrau Gesundheit ausbilden lassen und anschliessend an der ZHAW Pflege studiert. «Ich will das Privileg, eine Ausbildung zu geniessen und sich Wissen anzueignen, mit anderen teilen», sagt sie. «Nächstenliebe auszuleben, liegt mir auf am Herzen.»

Zwischen Angst und Dankbarkeit

Über 100’000 chirurgische Eingriffe wurden seit 1978 an Bord des Spitalschiffs durchgeführt. Viele davon, wie etwa grosse Tumore, meist im Gesicht, zu entfernen oder verkrümmte Glieder zu richten, sind lebensverändernd, wie die Pflegefachfrau erzählt. Als Beispiel nennt sie eine 32-jährige Mutter, deren angeborene Lippen-Gaumenspalte nach so vielen Jahren endlich geschlossen wurde. «Ihre Kinder haben sie kaum wieder erkannt. Die ganze Familie war unglaublich dankbar über diese Operation, die sie sich nie hätte leisten können.»

Nebst Dankbarkeit erlebt à Porta aber auch Angst und Unsicherheit bei den afrikanischen Patientinnen und Patienten. «Viele von ihnen haben noch nie ein WC gesehen, geschweige denn eine Tablette geschluckt.» Auch die piepsenden und blickenden Geräte seien für sie neu und deshalb beängstigend. Hinzu komme, dass besonders Männer sich nicht gewohnt sind, von Frauen behandelt zu werden. «Die afrikanische Kultur ist einfach eine ganz andere», erzählt die gebürtige Ossingerin.

Das Spitalschiff «Afrika Mercy» ist noch bis im Dezember in Dakar, ehe es weiter der westafrikanischen Küsten entlang fährt.

Das Spitalschiff «Afrika Mercy» ist noch bis im Dezember in Dakar, ehe es weiter der westafrikanischen Küsten entlang fährt.
Mercy Ships

Ansonsten aber ist vieles so, wie es sich à Porta aus der Schweiz gewohnt ist: Acht-Stunden-Schichten, tagsüber sowie nachts, Wochenendeinsätze. Und auch die medizinische Ausstattung des Mercy-Schiffs sei keine andere als an Land. «Wir haben verschiedene Abteilungen wie in einem gewöhnlichen Spital.» Nebst OP-Sälen gebe es etwa Aufwachräume, Labore und eine Blutbank. «Das Schiff verfügt sogar über eine Intensivstation», führt à Porta aus. Dass sie sich auf dem Meer befinde, merke sie daran, dass sie schonend mit Ressourcen umgehen müsse. «Weil die Wasservorräte beschränkt sind, können wir unsere Patienten nicht zehn Minuten duschen lassen.» Zudem sei alles ein bisschen enger. So auch ihre Kabine, die sie sich mit drei weiteren Freiwilligen teilt. Aber auch daran gewöhne man sich schnell. Und ans Wackeln? «Weil wir im Hafen stehen, spüren wir die Wellen kaum.»

Mehr als medizinische Behandlung

Rund 300 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus unterschiedlichen Ländern sind in den Gängen und dem Deck des Spitalsschiffs unterwegs. Nebst Arbeitsplätzen im medizinischen Bereich braucht es auch andere Mithelfende wie Reinigungspersonal, Köchinnen und Elektriker, um die Betreuung bestmöglich zu organisieren. «Wir sind ein kunterbunter Haufen», beschreibt à Porta die Besatzung. «Es gibt auch einige Lehrerinnen und Ingenieure.» Diese würden einheimische Mediziner fortbilden oder landwirtschaftliche Entwicklungshilfe betreiben. «Gemeinsam werden Felder bepflanzt und bewässert. So kann die Organisation dem Land etwas hinterlassen, wenn das Schiff im Dezember weiterfährt», sagt die Krankenpflegerin begeistert.

Auf dem Spitalschiff verabreicht die Winterthurerin (Mitte) den Patientinnen und Patientinnen – wozu auch viele Kinder zählen – Medikamente, legt Infusionen und wechselt Verbände.

Auf dem Spitalschiff verabreicht die Winterthurerin (Mitte) den Patientinnen und Patientinnen – wozu auch viele Kinder zählen – Medikamente, legt Infusionen und wechselt Verbände.
zvg

Noch bis Anfang Juni ist sie auf dem Spitalschiff, ehe sie zurück in die Schweiz kommt, um den Sommer zu geniessen. Aber: «Es wird nicht bei diesem Einsatz bleiben. Ich werde zurückkommen, womöglich auch gleich für ein ganzes Jahr.»

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