Publiziert 29. Juni 2022, 08:06
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Männerstricktreffen in Winterthur

Stricken ist (auch) Männersache

Das Bild vom alten «Grossmüeti», das im Schaukelstuhl Enkeln zu Weihnachten Socken strickt, ist nicht mehr ganz zeitgemäss. Das zeigen die Veranstalter des Männerstricktreffens am kommenden Wochenende in der Neustadtgasse.

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red
Herr von Strick und Mirjam Ziebart wollen mit zwei Events in Winterthur bewiesen, dass Stricken auf ein Hobby für Männer ist.

Herr von Strick und Mirjam Ziebart wollen mit zwei Events in Winterthur bewiesen, dass Stricken auf ein Hobby für Männer ist.
zvg

Es gebe wenig Schöneres, als eine Grossmutter, die Socken strickt, stellt Herr von Strick – bürgerlich Markus Hurley – klar. «Daneben stricken sich aber Investmentbanker Skipullover», ergänzt Hurley. «Bilder im Kopf hinterfragen!» Herr von Strick ist seit seiner Jugend ein begeisterter Stricker und verkörpert das neue Bild vom Stricken.

Der 54-Jährige führt am Samstag, 2. Juli, ein «Yarntasting» in der Neustadtgasse in Winterthur durch. Besucher können verschiedene Woll- und Garnqualitäten anfassen, testen und fürs «Lisme» mit nach Hause nehmen. Mitorganisatorinnen der Veranstaltung sind auch Mirjam Ziebart und Mirjam Laib, die gemeinsam erfolgreich das Woll-Lädeli «Neustadtgasse 13» führen.

Kein «Frauending» mehr

Am darauffolgenden Sonntag findet dann ein Männerstrick-Event statt. «Das braucht immer noch einen geschützten Raum», bestätigt Herr von Strick. Es werde nicht als völlig normal angesehen, wenn Männer im Zug oder in Warteräumen stricken. «Die Zeit ist noch nicht reif, auf komplette Männerstrickrunden zu verzichten», beschreibt Hurley die vorhandene Hemmschwelle und den benötigten Schutz für den Geschlechterwechsel des Hobbys. Der studierte Psychologe kennt sich nebst dem Stricken auch mit Emotionen aus und weiss um die männliche Scham zur Hingabe des Noch-Altfrauen-Hobbys.

«Wir denken, es ist einfacher, die Männer zu mobilisieren, wenn sie unter sich sind», erklärt Organisatorin Mirjam Ziebart das Sonntagsprogramm. Wie viele «Lismer» anwesend sein werden, wisse man nicht, zumal der Event zum ersten Mal durchgeführt werde. Die Idee von Männerstrickevent ist allerdings kein Novum. Markus Hurley organisiert in seiner Heimatstadt in Wiesbaden Deutschland jeweils solche Treffen, die gut besucht sind. Nun kommt das Konzept zusammen mit Ziebart nach Winterthur. Sie wiederum führt in ihrem Laden Stricktreffen durch, die auch von Männern besucht werden. Diese gemeinsamen Erfahrungen werden also nun zu einem gemeinsamen Event gebündelt.

Entschleunigt und nachhaltig

«Stricken ist immer im Trend», sagt Herr von Strick. «Nur verändern sich die Gründe dafür.» In der modernen Welt wird Nachhaltigkeit grossgeschrieben. Stricken ist ein Hobby, das diesem Trend entspricht. Wenn auch Hurley meint, Nachhaltigkeit sei ein wenig überstrapaziert in der Wahrnehmung. Ziebart entgegnet humorvoll: «Warme Wollpullover sparen Heizkosten im Winter.» Auch könne man Selbergestricktes immer wieder nachflicken oder gar demontieren und die Wolle erneut verwenden.

  • «Yarntasting», Samstag, 2. Juli 11 bis 14 Uhr
    Männerstricken Sonntag, 3. Juli 11 bis 14 Uhr
    Neustadtgasse 13, 8400 Winterthur
    Männerstricken nur mit Anmeldung.

Herr von Strick kennt mit seinem Wissen als Psychologe den positiven Effekt des Hobbys in der modernen Welt: «Stricken hat absolut positive therapeutische Auswirkungen bei den unterschiedlichsten Beschwerden. Besonders zur Stressreduktion bei chronischen Unruhezuständen ist das Stricken oder Handarbeiten sehr zu empfehlen.» Zudem sei bei Menschen mit psychischen Einschränkungen das kreative Arbeiten mit Wolle wenigstens eine Möglichkeit, ein beispielsweise geringes Selbstwertgefühl zu steigern, ergänzt er.

Gemeinsam «Innesteche, umeschlah, durezieh und abelah» bringe einfach auch Menschen aller Art zusammen, so Hurley: «Ein Freiraum über die eigene Komfortzone zu schauen und neue Kontakte zu knüpfen, die definitiv nicht virtuell sind.» Auch Ziebart lobt den verbindenden Effekt des Strickens: «Ich habe dadurch die interessantesten Menschen kennengelernt, die ich sonst nicht getroffen hätte.»

Von Gaël Riesen

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