Publiziert 10. Sep. 2022, 07:00
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Winterthurer unterwegs im Post-Kastenwagen

Nur die nächste Fähre und die Geburtstagsfeier als fixe Ziele

Mirjam und Florian Riekmann sind seit drei Monaten mit ihrem selbst umgebauten Post-Kastenwagen auf Europareise. Ein Update.

G
George Stutz
Das freie Campieren, aber auch die Vorzüge eine Campingplatzes prägen den Reisealltag mit.

Das freie Campieren, aber auch die Vorzüge eine Campingplatzes prägen den Reisealltag mit.
zvg

Seit vergangenem Mai ist das Winterthurer Paar Florian und Mirjam Riekmann mit ihrem umgebauten Kastenwagen «Stan» unterwegs. Die Reise führte sie bisher durch die Bretagne und die Normandie an den französischen Fährhafen von Cherbourg.

Nach der Überfahrt nach Portsmouth eroberten die beiden die Schottischen Highlands und kehrten via Süden Englands auf das europäische Festland zurück. In Deutschland sind sie über Hamburg nach Berlin und dann hoch an die Ostsee nach Kühlungsborn gefahren. Der Ostsee entlang ging es weiterüber Wismar nach Schleswig Holstein und Nordfriesland und schliesslich nach Dänemark, wo sie sich zurzeit im obersten Zipfel in Skagen befinden.

Ein Jahr früher als geplant

Und das alles ein Jahr früher als ursprünglich geplant. Denn: Den grossen Traum einer ausgedehnten Europareise im fahrenden Zuhause hatten die Happiness-Coach und Social-Media-Trainerin und der Erwachsenenbildner im Gastronomiebereich erst auf 2023 geplant. Doch dann kam alles anders. Kurz nach der Hochzeit 2019 war Florian krank geworden und erhielt vor zwei Jahren die Diagnose Multiple Sklerose (MS). Einige Wochen danach – im Mai 2020 kurz nach dem Lockdown – beschlossen die beiden auch aufgrund der Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufs spontan, den Reisewunsch ein Jahr vorher umzusetzen. Eigenhändig hatten sie den einst in Postdiensten stehenden Renault Master im vergangenen Winter so umgebaut, dass er auch einmal pro Monat als Krankenzimmer irgendwo draussen in der Pampas hätte dienen können. Denn zu jenem Zeitpunkt war klar, dass das Hauptaugenmerk auf einem autarken Kühlschrank gerichtet werden musste, sodass Mirjam ihrem Mann im Bus regelmässig eine Infusion mit gekühlter Arznei stecken könnte oder dies aber in einem nahgelegenen Spital zu erfolgen hätte.

Just bevor sie im Mai losfahren wollten, wurde das von Florian Riekmann benötigte Medikament zur Verabreichung mit Spritzen zugelassen. «Ein Glücksfall», schaut Mirjam Riekmann zurück, «seither kann er sich diese selber setzen. Wir schauen einfach, dass wir jeweils in der Nähe eines Krankenhauses sind, das macht vieles einfacher.»

«Stan» liess sie bis anhin nicht im Stich

Abwechslungsweise übernachten sie – dort wo es die örtlichen Vorschriften erlauben – wild oder ab und an auch wiedermal auf einem Campingplatz. «Da geniessen wir es, ohne Umstände die Haare waschen zu können und jeweils unsere Wäsche zu waschen», so Florian Riekmann. Auch Wohnmobil «Stan» scheint die Reise zu behagen. Nicht ganz selbstverständlich, unternahmen die Riekmanns doch vor ihrer Abreise in Winterthur kaum eine Testfahrt. «Die eigentliche Probefahrt absolvieren wir jetzt», lacht Mirjam. Die «Pièce de Résistance» absolvierte der Kastenwagen in England, wo die Strassen gemäss den beiden Reisenden teils echt abenteuerlich waren. «Stan und wir scheinen für die Expedition in den Norden gerüstet zu sein», meint Florian Riekmann, zumal auch er und Mirjam sich zuletzt abgehärtet hatten.

Vor ein paar Tagen besuchten sie ihre ersten Surfstunden in der kalten Nordsee vor dem westdänischen Hafenort Hvide Sande. Gleichzeitig bauten sie unterwegs auch die Heizung fertig ein, sodass sie in den kommenden Wochen und Monaten auch kühlere Temperaturen problemlos wegstecken werden können, «ohne dass wir uns gegenseitig ständig wärmen müssen», sagen beide lachend. Obwohl: Sich auf ein paar wenigen Quadratmetern stets so nahe zu sein, bereitet ihnen keine Probleme, wie Mirjam Riekmann bestätigt: «Das werden wir oft gefragt, aber wir fühlen uns total wohl zusammen, es gibt keine Reibungspunkte.»

Stockholm zum 37. Geburtstag

Spontan werden sie nun auch die nächsten Ziele teils erst am Vorabend gemeinsam planen. Sicher ist in der momentanen Reiseplanung nur, dass sie am 21. September zum 37. Geburtstag Florians in Stockholm sein wollen. Da freuen sie sich zudem auf Florians Eltern, denn: «Wenn wir bisher irgendetwas vermisst haben, dann einzig unsere Familien und Freunde.»

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