Publiziert 01. Mai 2022, 09:00
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Thomas Gerber fängt Fussball-Emotionen ein

Mit Schützi TV den einstigen Beruf zum Hobby gemacht

Thomas Gerber vermittelt in seinen Videos Winterthurer Fussball-Emotionen. Und zwar bereits seit 13 Jahren und 173 Folgen. Dabei hatte der ehemalige Fernseh-Journalist vorerst keinen Bezug zur Eulachstadt.

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George Stutz

Fussball hatte den in der Ostschweiz aufgewachsenen Thomas Gerber bereits als Junior des FC Amriswil geprägt. «Bis ich als A-Junior aus dem Kader geschmissen wurde, weil ich mich weigerte, meine Haare abzuschneiden. Das gab es damals tatsächlich noch», lacht der heute 65-Jährige. Kurzerhand wechselte er danach die Sportart und schloss sich den Volleyballern an. Der heutige Spitzenverein Volley Amriswil stand damals in den Anfängen seiner Erfolgsgeschichte. Der für Volleyball-Verhältnisse eher kleingewachsene Gerber profitierte von seiner im Fussball antrainierten grossen Sprungkraft und spielte deshalb auch später beim damaligen Winterthurer NLB-Verein VC Smash als Angriffsspieler.

Nach seinem Studium mit Oberseminar in Zürich arbeitete Thomas Gerber neun Jahre als Lehrer und kickte nebenbei in einer Firmenmannschaft. «Dort vernahm ich von einem Mitspieler über eine Stelle beim SRF», erinnert er sich. Am 2. August 1990 trat er seinen neuen Job am Leutschenbach an und arbeitete fortan im Sportbereich für Sendegefässe wie Timeout. «Bald schon war ich für SRF auch als Visual Jockey unterwegs, begleitete etwa einen Bodybuilder ins Ausland, um mit versteckter Kamera zu dokumentieren, wie einfach Spitzensportler an Anabolika kommen», so Gerber. Später wechselte er die Abteilung, produzierte unter anderem Beiträge für das TV-Magazin «Reporter».

Vorerst kein Bezug zu Winterthur

Mit Winterthur hatte er in all jenen Jahren «nicht viel am Hut», wie er erzählt. «Die Stadt war für mich in meiner sportlichen Aktivzeit eher ein schwarzes Tuch. Hatten wir Spiele in Winterthur, war anschliessend kaum eine offene Beiz zu finden.» Trotzdem zog er später mit seiner Familie in die Eulachstadt. Als eines Tages sein Sohn von der Schule nach Haus kam und darum bat, mit seinen Freunden zu einem Match des FCW in die Sirupkurve zu dürfen, begleitete er ihn auf die Schützenwiese.

Der tolle Kontakt mit anderen Eltern, später mit Vereinsvertretern wie Andreas Mösli, aber auch das Ambiente auf der «Schützi» sagten ihm, der den Fussballsport als solchen zwar liebte, aber bis dahin mit Ausnahme des Bundesligavereins Schalke 04 nie leidenschaftlicher Fan eines Vereins war, zu. So sehr, dass er 2008 beschloss, den FCW und sein Umfeld mit seiner professionellen Videokamera zu begleiten.

Thomas Gerber: «Grundsätzlich hatte ich einmal gesagt, ich würde Schützi TV bis zum Aufstieg betreiben. Sollte es diese Saison wirklich klappen, wäre es so gesehen der richtige Augenblick, um aufzuhören. Ich will mich aber nicht festlegen, ich lasse es auf mich zukommen.»

Thomas Gerber: «Grundsätzlich hatte ich einmal gesagt, ich würde Schützi TV bis zum Aufstieg betreiben. Sollte es diese Saison wirklich klappen, wäre es so gesehen der richtige Augenblick, um aufzuhören. Ich will mich aber nicht festlegen, ich lasse es auf mich zukommen.»
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Über 170 Filme sind seither entstanden, Interviews mit Timo Konietzka oder eine Reportage, in der er die Mannschaft 2021 vor, während und nach dem historischen 6:2-Cupsieg gegen den FC Basel fünf Tage begleitete, zählen mit zu den Highlights, die vor allem auf Youtube (unter «Schützi TV»), aber auch auf verschiedenen Social-Media-Kanälen des FCW immer wieder regen Zuspruch erhalten.

Aus dem TV-Berufsjournalisten ist vor zwei Jahren ein reiner Hobby-VJ geworden, denn Thomas Gerber hatte sich vor zwei Jahren frühpensionieren lassen. «Nun habe ich noch mehr Zeit, um Material von drei und mehr Kameras zu sichten, zusammenzuschneiden, teils zu untertiteln und in Mundart zu vertonen», so Gerber. Bis zwei Tage arbeitet er an seinen animierten Videos, die immer wieder mit überraschenden Perspektiven, spontanen Statements und Fan-Eindrücken grosse Fussball-Emotionen Revue nochmals erleben lassen.

Nach dem Aufstieg wäre Schluss

«Grundsätzlich hatte ich einmal gesagt, ich würde Schützi TV bis zum Aufstieg betreiben. Sollte es diese Saison wirklich klappen, wäre es so gesehen der richtige Augenblick, um aufzuhören. Ich will mich aber nicht festlegen, ich lasse es auf mich zukommen», schmunzelt Gerber. Ihn, der auch bei seinen früheren Jobs immer wieder neue Herausforderungen suchte, immer dann einen Tapetenwechsel anstrebte, wenn Bisheriges sich zu wiederholen begann, könnte die Super League schon noch interessieren, lassen seine Aussagen vermuten. «Aber nur dann, wenn abgesehen von den Auflagen des Verbandes, das Erlebnis Schützenwiese und das Einzigartige des FCW so bleibt wie bisher. Hinzu kommt, dass einige Super-League-Spitzenclubs bezahlte Profis für Filmbeiträge engagieren. Das käme für mich aber nicht in Frage, den Schützi TV ist und bleibt mein Hobby», versichert er.

Thomas Gerber

«Grundsätzlich hatte ich einmal gesagt, ich würde Schützi TV bis zum Aufstieg betreiben. Sollte es diese Saison wirklich klappen, wäre es so gesehen der richtige Augenblick, um aufzuhören. Ich will mich aber nicht festlegen, ich lasse es auf mich zukommen»

Gerber geniesse so die Freiheit, auch mal nach Gelsenkirchen an ein Schalke-Spiel zu reisen, während zuhause der FCW ein Heimspiel austrage oder im Herbst für ein Filmprojekt für längere Zeit nach Indien. Auch habe er sich als Deutschlehrer für ukrainische Flüchtlinge angemeldet, aber auch dies würde er nur als Assistent machen, wie er betont: «Ich brauche keinen Arbeitsalltag mehr, aber das, was ich noch an die Hand nehme, mache ich mit grosser Leidenschaft und viel Herzblut.»

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