Publiziert 15. Apr. 2022, 12:30
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Sehbehinderter Winterthurer startet am Heimmarathon

«Meinem Guide kann ich stets blindlings vertrauen»

Stefan Hofmann zählt zu den 50 Menschen mit Beeinträchtigung, die am Winterthurer Marathon starten. Zusammen mit seinem Laufguide Andreas Wisler trainiert der 53-Jährige intensiv auf geplante Langdistanzläufe hin.

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George Stutz

Der Winterthurer Stefan Hofmann hatte als Neugeborener auf einem Auge eine Sehkraft von gerade einmal einem Prozent, auf dem anderen Auge war er damals schon blind. Was zu gross ist, um es abzutasten, hatte ihm sein Vater etwas später als Modell nachgebaut. Er erinnert sich: «Als ich mit meinen Brüdern zusammen Häuser mit Legos baute, hatte ich diese immer mit Flachdach konstruiert. Mein Vater hat mir sodann mit Legoklötzen eines mit Giebeldach gebaut oder auch unsere Wohnung im Grundriss nachgebaut, sodass ich mir dies und vieles mehr räumlich vorstellen konnte.»

Schwierige Suche nach Laufguides

Heute ist Stefan Hofmann 53-jährig, lebt mit seiner Partnerin zusammen und geht so selbständig durchs Leben, wie nur möglich. Der gelernte Klavierstimmer und -Bauer hat mit «Tools4theBlind» seit über 14 Jahren ein eigenes Unternehmen, das sich auf elektronische Hilfsmittel für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen spezialisiert hat. Sportlich hatte er sich lange mit Tischball, eine Art Air-Hockey, fit gehalten, «bis ich mir vor rund vier Jahren vorgenommen hatte, meine Kondition zu verbessern und mit Joggen zu beginnen», so Hofmann.

Seine Sekretärin verfasste ein Mail, um bei diversen Laufvereinen nachzufragen, ob Trainings für Blinde angeboten würden. Beim Lauftreff Limmattal durfte Stefan Hofman dann ins Training. «Bereits da wurde mir aber bewusst, wie schwierig es ist, einen passenden Guide zu finden, der durch ein Textilband verbunden, mit mir trainieren würde», erzählt Hofmann. Weil er zudem gerne in Winterthur trainieren wollte, wurde auch ein Mail an den LSV Winterthur gesandt. Gemeldet hatte sich alsdann Andreas Wisler. Der heute 47-Jährige, der mitunter Medienchef des Winterthur Marathons ist und bei einigen Langdistanzläufen auch schon Pacemaker war, hatte zwar keine Guide-Ausbildung. «Stefan war aber von Beginn weg unkompliziert und sagte mir, er könne mir in einer halben Stunde beibringen, was ich beim Führen eines Blinden wissen müsse», erinnert sich Wisler. Gesagt, getan.

Die Laufumgebung «einsaugen»

Die Chemie zwischen den beiden stimmte von Beginn weg. Stefan Hofmann lobt seinen Guide: «Er läuft sehr regelmässig, weist mich nur auf die wichtigsten Hindernisse hin, alles andere atme ich ein, höre dem Plätschern der Töss oder dem Vogelgezwitscher, dem Rauschen der Bäume nach und erfühle mit den Füssen den Untergrund – es passt ausgezeichnet.» Die Natur auf sich einwirken zu lassen, geniesst Stefan Hofmann mit jedem Schritt. «Für mich kommt deshalb das Laufen mit einem Kopfhörer mit Musik nicht in Frage. Geht das Laufen aber mal ziemlich an die Substanz, so stelle ich mir in meinem Kopf einen Reggea Beat vor, der mich von den Strapazen etwas ablenkt und nach vorne treibt.» Hofmann lacht.

Für Stefan Hofmann ist eine Teilnahme an einem Marathon über 42,195 Kilometer im Moment noch ein Traum: «Solche darf man ja haben, wer weiss, vielleicht erfülle ich mir den irgendwann.»

Für Stefan Hofmann ist eine Teilnahme an einem Marathon über 42,195 Kilometer im Moment noch ein Traum: «Solche darf man ja haben, wer weiss, vielleicht erfülle ich mir den irgendwann.»
George Stutz

Zusammen mit Andreas Wisler absolvierte er am Samstag einen leichten Abschlusslauf auf den Halbmarathon hin, den er tags darauf in Zürich mit einem anderen Guide bestritt. Am Winterthur Marathon, am 22. Mai, werden Hofmann und Wisler aber zusammen über die 21 Kilometer starten und auch der Luzerner Halbmarathon steht noch auf dem Plan. «Gerne würde ich dieses Jahr zudem erstmals den Greifenseelauf absolvieren, jedoch müssen wir dort erst einmal checken, ob die Wege für uns genug breit sind», sagt Stefan Hofmann. Entscheiden werden dies seine Guides. «Er gibt das Tempo vor, wir haben aber die Verantwortung», sagt Andreas Wisler dazu. Stefan Hofmann entgegnet: «Ich habe tolle Guides und bin ihnen sehr dankbar. Ich kann ihnen voll vertrauen. Sie wissen aber auch, dass, sollte ich trotz allem mal über eine Wurzel oder dergleichen stürzen, ich ihnen niemals böse sein würde.»

Über 50 Laufende mit Beeinträchtigung

Andreas Wisler freut sich, dass Stefan Hofmann am Winterthur Marathon nicht der einzige Läufer mit Beeinträchtigung sein wird, der an den Start gehen wird: «Wir konnten die Fachstelle für Behindertensport PluSport für unseren Lauf gewinnen, sodass rund 50 Teilnehmende mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen vom kleinsten Lauf bis hin zum Marathon an den Start gehen werden.»

Für Stefan Hofmann ist eine Teilnahme an einem Marathon über 42,195 Kilometer im Moment noch ein Traum: «Solche darf man ja haben, wer weiss, vielleicht erfülle ich mir den irgendwann.» Sein hochgestecktes Ziel diesen Sommer lautet jedoch, seinen ersten Halbmarathon unter zwei Stunden absolvieren zu können. Hofmann lacht: «Es wäre natürlich wunderbar, würde mir das ausgerechnet in Winterthur gelingen und ich könnte so auch Andreas noch zusätzlich etwas fordern.»

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