Publiziert 27. Jan. 2022, 08:59
8400

Kampf um die Existenz

Samaritervereine beleben sich wieder

Immer mehr Samaritervereine lösen sich auf, zu gross sind die Probleme. Gerade beim Nachwuchs. Anders sieht es in Winterthur aus. Die hiesigen Samaritervereine sind gut aufgestellt – auch dank der gegenseitigen Unterstützung. Fusionen sind aber trotzdem unumgänglich

R
Ramona Kobe

Samaritervereine in der Schweiz kämpfen um ihre Existenz. Erst kürzlich haben sich die Samaritervereine Murgenthal (AG) und Obergösgen (SO) aufgelöst, 2020 ebenso jener in Oberdorf (SO) nach über hundert Jahren. Der Samariterverein Engstringen (ZH) hat sich 2018 aufgelöst, jener in Schattdorf (LU) ist kurz davor. In den letzten 20 Jahren sind allein im Aargau 45 Samaritervereine verschwunden. Das zeigte die «Spurensuche» von Radio SRF Anfang Januar. Die Gründe für das langsame Aussterben der Schweizer Tradition? Vielfältig. Nachwuchsprobleme, steigende Konkurrenz, fehlendes Gehör, verbandsinterne Unstimmigkeiten. Wie steht es um die Samaritervereine in Winterthur und der Region? Haben auch sie mit diesen Problemen zu kämpfen? 84XO hat sich umgehört.

«Uns geht es sehr gut», sagt Brigitte Ochsner, Präsidentin des Samaritervereins Winterthur-Stadt. «Das strahlen wir auch aus.» Der Nachwuchs rücke seit zehn Jahren stets nach, was viele erstaune. Selbstverständlich sei das aber nicht. «Wir bemühen uns, spannende Kurse anzubieten, haben ein professionelles Auftreten und werben für unseren Verein», erzählt Ochsner. Die Arbeit der freiwilligen Helferinnen und Helfer werde an Anlässen wie dem Albanifest oder dem Frauenlauf von der Bevölkerung sehr geschätzt. «Sie weiss auch, was ein Samariterverein heutzutage leistet», fährt die Samariterin fort. «Wir sind nämlich längst kein ‹Pflästerliverein› mehr.»

Samaritervereinigung aufgelöst

Bis vor kurzem war der Samariterverein Winterthur-Stadt mit den Partnervereinen aus Oberwinterthur, Seen und Wülflingen in der Dachorganisation Samaritervereinigung der Stadt Winterthur zusammengeschlossen. Diese wurde per Ende 2021 aufgelöst – im Sinne von allen Vereinen, wie Ochsner erklärt. «Vor 30 Jahren haben wir uns gegenseitig konkurrenziert. Die Vereinigung war damals notwendig, um etwa die Zuständigkeiten der einzelnen Stadtteile klar zu regeln.»

Heute sei die Zusammenarbeit so gut, dass es keinen zusätzlichen Vorstand mehr brauche. Die Kurse auf Stadtgebiet werden zusammen geplant und im gemeinsamen Kursprogramm ausgeschrieben, der Sanitätsdienst wird koordiniert. Und jedes Jahr findet eine gemeinsame Übung für die Mitglieder aller vier Winterthurer Vereine statt. «So können wir Ressourcen sparen», erklärt die Samariterin.

Stolpersteine kommen von «oben»

Doch auch die hiesigen Samaritervereine haben Probleme. «Der Schweizer Dachverband, der Samariterbund, legt uns Steine in den Weg», erzählt Brigitte Ochsner. Die Ausbildungskosten würden stetig zunehmen, während immer mehr Vereine verschwinden. «Finanziell geht das irgendwann nicht mehr auf.»

  • In der Schweiz engagieren sich knapp 20’000 Samariterinnen und Samariter in den rund 900 lokalen Samaritervereinen sowie rund 2800 Jugendliche in 129 Samariter Jugendgruppen. Ihre Kantonalverbände bilden den Samariterbund, gegründet 1888, der als Dachverband der Schweizer Samaritervereine fungiert und eine Rettungsorganisation des Schweizerischen Roten Kreuzes ist.
    Wie der Verband auf seiner Website schreibt, leisteten Samariterinnen und Samariter im Jahr 2021 weit mehr als 100’000 freiwillige Einsatzstunden: in der Ersten Hilfe als Lebensretter, bei der Bewältigung der Pandemie oder beim Leiten von Jugendgruppen oder Weiterbildungskursen. Um diesen «wichtigen, vielseitigen Samariteraufgaben» nachgehen zu können, müsse der Nachwuchs gefördert werden. Dafür brauche es Spenden.

Bereits der Samariterverein Murgenthal im Kanton Aargau äusserte gegenüber SRF Kritik am Dachverband; die Abgaben seien zu hoch, das Material zu teuer. Der Samariterbund konterte: Man bekenne sich klar zur Freiwilligkeit und dem Samariterwesen. Es sei aber ein Professionalisierungsschub im Gange, schrieb er auf die Anfrage von SRF. Es brauche schweizweite Normen, damit Laien-Samariter mit Profi-Rettungskräften zusammenarbeiten könnten.

Gemeinsam überleben

Trotz der Unstimmigkeiten zeigt sich auch der Samariterverein Seen zuversichtlich, der 2019 sein 100-jähriges Bestehen feierte. «Wir haben in den letzten Jahren immer zwischen 25 und 30 Mitglieder gehabt», sagt Präsident Urs Okle, der seit 40 Jahren im Verein ist, 30 davon im Vorstand. Mit dem Hilfsmittelverleih habe man ein zweites Standbein, das insbesondere von der Spitex geschätzt und gut genutzt werde, wie Okle erzählt. Es sei allerdings immer schwieriger, Leute zu finden, die sich zum Samariterlehrer oder zur Samariterinstruktorin ausbilden liessen. Deshalb arbeitet Seen seit einigen Jahren mit dem Samariterverein Wiesendangen und Umgebung zusammen, der über keine eigenen ausgebildeten Personen verfügt, die Vereinsübungen oder Kurse geben dürfen.

Auf diese Zusammenarbeit sei man angewiesen, gerade bei grösseren Sanitätsdiensten wie es sie am Grümpel- oder Hallenfussballturnier braucht, schreibt Ursina Spörri, Präsidentin des Samaritervereins Wiesendangen und Umgebung, auf Anfrage. «Ich glaube, es ist schwierig, als Samariterverein zu überleben, wenn man nicht regional zusammenarbeitet.» Im Moment bereite man gerade die Fusion mit dem Samariterverein Räterschen und Umgebung vor, der mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kämpfen habe. «Und weil die langjährige Präsidentin dieses Jahr zurücktritt, erschien eine Fusion als beste Lösung», so Spörri.

Samariterverein als Lebensschule

Bereits vor drei Jahren mussten Hettlingen, Seuzach und Dägerlen zusammenlegen. Eine grosse Herausforderung, wie Präsidentin Melanie Manser aus Hettlingen sagt. «Weil die Vereine in unseren Nachbarsdörfern Dägerlen und Seuzach aufgeben mussten, sind wir in die Bresche gesprungen und haben diese Gebiete mit unserem kleinen Verein übernommen.» Die Gemeinden hätten unterschiedliche Bedürfnisse, und auch die Bevölkerung der verschiedenen Dörfer hätten nicht überall denselben Bezug zum Samariterverein. «Diese Diversität und die vielen unterschiedlichen Anfragen bedeuten für den Vorstand sowie für mich als Präsidentin und Samariterlehrerin sehr viel Mehraufwand.»

Dem Samariterverein Winterthur-Stadt geht es gut, die Mitgliederzahlen sind stabil und die Wertschätzung der Bevölkerung nach wie vor gross.

Dem Samariterverein Winterthur-Stadt geht es gut, die Mitgliederzahlen sind stabil und die Wertschätzung der Bevölkerung nach wie vor gross.
zvg

Ein Mehraufwand, der sich in den Augen von Manser lohnt. Sie trat dem SV Hettlingen, wie er damals noch hiess, im Alter von 16 Jahren bei und ist ihm bis heute treu geblieben. «Es ist nicht immer einfach, die Verantwortung zu tragen. Aber der Samariterverein ist eine Lebensschule, von der ich sowohl privat aber vor allem auch im Beruf profitieren kann», sagt die 34-Jährige. Der Verein zähle heute viele junge Mitglieder zwischen 16 und 30 Jahren. Dieses Engagement sei zwar toll, allerdings seien die jüngeren Generationen heute sehr mobil und deshalb lange nicht mehr so vereinstreu wie früher.

Zudem habe die Pandemie das Vereinsleben eingeschränkt, was an Zugehörigkeit und Motivation nage. «Es war eine herausfordernde und gleichzeitig spannende Zeit», sagt Manser. Altersheime, Testcenter und andere Vereine seien auf die Hilfe der Samariterinnen und Samariter angewiesen gewesen. Doch das Coronavirus brachte auch Gutes mit sich: «Die Pandemie hat dazu geführt, dass die Wertschätzung für Freiwilligen- und Vereinsarbeit wieder gestiegen ist.»

Das könnte Sie auch interessieren