Publiziert 12. Mai 2022, 08:00
8400

Am Freitag ist der Weltüberlastungstag

«Klima-Grosseltern» rufen zum Konsumverzicht auf

Die Schweiz hat am Freitag bereits alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die ihr für eine nachhaltige Lebensweise fürs ganze Jahr zur Verfügung stehen würde. Es brauche einen Wandel in der Einstellung und im Konsumverhalten der Menschen, findet Peter Maly von den Winterthurer «Klima-Grosseltern».

M
Michael Hotz
Gemeinsames Engagement: Die «Klima-Grosseltern» drückten am nationalen Klimastreik im September 2020 ihre Unterstützung der Klimajugend auf dem Bäumli mit Plakaten aus.

Gemeinsames Engagement: Die «Klima-Grosseltern» drückten am nationalen Klimastreik im September 2020 ihre Unterstützung der Klimajugend auf dem Bäumli mit Plakaten aus.
«Klima-Grosseltern» Winterthur

Die Uhr tickt, das Ende naht: Am 13. Mai ist alles weg, alles aufgebraucht. Zumindest für dieses Jahr. An diesem Datum ist für die Schweiz nämlich der sogenannte Weltüberlastungstag – auch «Overshoot Day» genannt. Dieser Tag markiert den Zeitpunkt, an dem die hiesige Bevölkerung pro Person so viele natürlichen Ressourcen verbraucht hat, wie unser Planet pro Kopf im ganzen Jahr erneuert. Das geht aus Berechnungen des ökologischen Fussabdrucks hervor. Gemäss dem Bundesamt für Statistik liegt dieser für unser Land bei 2,8. Mit anderen Worten: Beinahe dreimal die Erde wäre erforderlich, wenn alle wie Herr und Frau Schweizer leben würden.

«Das Datum überfordert mich nicht»

Ob dieses Fakts könnte man es mit der Angst zu tun bekommen. Oder wütend werden, was die Klimajugend an ihren Demonstrationen jeweils propagiert. «I want you to panic», sagte Greta Thunberg 2019 am World Economic Forum in Davos. Emotional nüchtern gibt sich jedoch Peter Maly. Nicht, weil die Umwelt den bald 70-jährigen Winterthurer nicht bewegt – im Gegenteil. Früher war er im Bereich der Luftreinhaltung tätig. Nun, als Rentner, ist er bei der Winterthurer Umweltschutzorganisation Myblueplanet für das Klimawissen zuständig und engagiert sich bei den «Klima-Grosseltern», deren hiesigen Ableger seine Partnerin Elsbeth Wobmann 2020 ins Leben rief.

Angesprochen auf den bald anstehenden Weltüberlastungstag in der Schweiz, sagt Maly: «Ich weiss ja, dass dieser Tag kommt, darum überfordert mich das Datum auch nicht.» Er argumentiere, indem er sich auf rationale Fakten berufe. Die derzeitige Klimasituation fordere ihn aber sehr heraus. «Sie berührt mich zutiefst.» Darum will sich der Pensionär mit der aktuellen Situation auch nicht abfinden, das wäre für ihn eine «Bankrotterklärung», wie er es ausdrückt. «Würde nach etwas mehr als einem Drittel Jahr kein Geld mehr reinkommen, würde man in Panik geraten», zieht Maly ein Vergleich zur Finanzwelt.

Sich die Kirchen vorgenommen

Getreu dem Motto «handeln miteinander für eine enkeltaugliche Zukunft» haben die «Klima-Grosseltern» beschlossen, den Weltüberlastungstag zu behandeln. In der Vergangenheit führten die Mitglieder schon mehrfach Standaktionen in Winterthur durch, etwa um Menschen davon zu überzeugen, in eine Photovoltaik-Anlage zu investieren. Auch an Klimademos sind sie jeweils mit von der Partie, meistens im hinteren Teil des Umzugs.

Fühlt sich vom Klimaproblem herausgefordert: Peter Maly von den «Klima-Grosseltern».

Fühlt sich vom Klimaproblem herausgefordert: Peter Maly von den «Klima-Grosseltern».
Michael Hotz

Für den diesjährigen «Overshoot Day» haben sich die «Klima-Grosseltern» aber etwas Neues ausgedacht: «Wir haben uns die Kirchen vorgenommen», sagt Maly mit einem verschmitzten Lächeln. Sie hätten alle Winterthurer Kirchgemeinden angeschrieben mit dem Aufruf, diese mögen doch den Weltüberlastungstag im kirchlichen Alltag behandeln. «Als ethische Institutionen haben die Kirchen eine Verantwortung», betont Maly. Durch diese Anfrage hat die rüstige Gruppe erreicht, dass sie für einen Abend einen Theologiekurs für Laien gestalten darf. Und bereits vergangenes Wochenende waren die «Klima-Grosseltern» aktiv. Sie unterstützten letzten Samstag ihre Zentralschweizer Kolleginnen und Kollegen, die auf dem Bahnhofplatz in Luzern den Passantinnen und Passanten reale Klimasituationen mittels Installationen veranschaulichten.

Mitmenschen zum Handeln bewegen

Mit Aktionen wie dieser sei zumindest erreicht worden, dass die Bevölkerung um die Klimakrise wisse, sagt Maly. Aber: «Es sind leider nur sehr wenige Menschen, die effektiv etwas dagegen machen. Die wenigsten sind dazu bereit, für klimafreundlichere Produkte mehr zu bezahlen.» Als Beispiel erwähnt er eine Studie, wonach die durch einen Flug verursachten CO2-Emissionen fast nie kompensiert würden. Dazu kommt, dass der Konsum gemäss Erhebungen der Stadt Winterthur rund zwei Drittel der Treibhausgas-Emissionen ausmacht.

Peter Maly

«Würde nach etwas mehr als einem Drittel Jahr kein Geld mehr reinkommen, würde man in Panik geraten»

«Weniger ist das neue Mehr», postuliert deshalb Maly und nennt auch gleich die drei wirkungsvollsten Handlungsfelder, bei denen jede Einwohnerin und jeder Einwohner sofort etwas ändern kann: Ernährung, Feriengestaltung und Mobilität. Konkret: Weniger Fleisch essen, weniger fliegen, weniger Auto fahren. Er selber ernähre sich als ehemals «leidenschaftlicher Fleischkonsument», wie er sich bezeichnet, hauptsächlich vegetarisch. Und auf Flugreisen verzichtet er genauso wie auf einen eigenen Personenwagen.

Keine Kapitalismuskritik

Entstanden sind die «Klima-Grosseltern» aus Sympathie mit der Klimajugend. Was die älteren Mitstreitenden von den jüngeren Aktivistinnen und Aktivisten abhebt, ist die bei den Jugendlichen stets mitschwingende Kapitalismuskritik. Der Klimastreik Winterthur fordert offen einen Systemwandel. Als einer, der schon die 68er-Bewegung miterlebt hat, zeigt Maly Verständnis dafür, wenn auch die «Klima-Grosseltern» einen anderen Ansatz verfolgen: «Wir setzten lieber auf pragmatische und konkrete Aktionen. Es braucht vor allem einen Wandel in der Einstellung der Menschen.» Die Freude an einem neuen Produkt sei vergänglich, hingegen könne der Verzicht auch Spass machen. «Mir geht es mit meinen bald 70 Jahren blendend. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas vermisse.»

  • Worauf basiert der Weltüberlastungstag?
    Der Weltüberlastungstag wird jedes Jahr für alle Länder und die Welt bestimmt. 2021 war der «Earth Overshoot Day» am 29. Juli, für dieses Jahr ist das exakte Datum noch nicht bekannt. Klar ist aber: Die Schweiz erreicht die Marke diesen Freitag, 13. Mai. Das geht aus den ökologischen Fussabdruckberechnungen hervor, die jeweils von der Footprint Data Foundation, der York University und vom Global Footprint Network veröffentlicht werden. Noch schlechter sieht es aus, wenn für unser Land nur die hiesige Biokapazität berücksichtigt wird: Derzeit braucht die Schweiz 4,4-mal mehr, als ihre eigenen Ökosysteme regenerieren können. Angesichts dieser Fakten fordern am «Overshoot Day» Klima- und Umweltorganisationen sowie aktivistische Gruppierungen, dass die Energie- und Ressourcenwende schneller vorangetrieben werden müsse. «Der Schweiz scheint die Entschlossenheit zu fehlen, sich angemessen auf die voraussehbare Zukunft des Klimawandels und der Ressourcenknappheit vorzubereiten», urteilt etwa Mathis Wackernagel, Präsident der internationalen Forschungsgruppe Global Footprint Network. Der gebürtige Basler hat im Rahmen seiner Doktorarbeit gemeinsam mit dem Ökologen William Rees das Konzept des ökologischen Fußabdrucks entwickelt.

Das könnte Sie auch interessieren