Publiziert 28. Apr. 2022, 16:00
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Gewalt als Endprodukt von zuvor Schiefgelaufenem

Jugendinfo Winterthur will Jugendkriminalität vorbeugen

Die Kriminalität unter Zürcher Jugendlichen hat erneut zugenommen. Mit ihrer Arbeit leistet die Jugendinfo Winterthur ihren Beitrag, um diesem Trend entgegenzuwirken. Ihr Rezept: für Teenager da sein und ihnen zuhören. Das klingt einfacher als es tatsächlich ist.

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Michael Hotz
Engagieren sich bei der Jugendinfo Winterthur für Jugendliche: Andrea Portmann  und Benji Leuthold.

Engagieren sich bei der Jugendinfo Winterthur für Jugendliche: Andrea Portmann und Benji Leuthold.
Michael Hotz

2021 hat die Anzahl an von Jugendlichen verübten Straftaten erneut zugenommen. Das geht aus der neusten Statistik hervor, welche die fünf kantonalen Jugendanwaltschaften jeweils jedes Jahr veröffentlichen. Damit hat ein unschöner Trend seine Fortsetzung gefunden: Seit 2013 lässt sich ein kontinuierlicher Anstieg der Jugendkriminalität im Kanton Zürich beobachten. Zum sechsten Mal in Folge sind auch die Gewaltstraftaten, die von Jugendlichen verübt werden, angestiegen.

Der Corona-Effekt

Psychologinnen und Psychologen haben jüngst Alarm geschlagen, dass gerade Kinder und Jugendliche im besonderen Masse unter den Corona-Massnahmen gelitten haben. Und wenn die Gefühlswelten durcheinandergeraten, dann kann es dazu führen, dass ein junger Mensch kriminell wird. So stellt zumindest Benji Leuthold einen Zusammenhang zwischen der wiederum angestiegenen Jugendkriminalität und der grösseren Anzahl an psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen fest: «Zurzeit fehlt es an genügend allgemeinen und stationären Therapieplätzen, um diese behandeln zu können. Wird einigen ein solch wirkungsvolles Mittel verwehrt, dann tragen sie vielleicht ihren Frust nach aussen.»

Leuthold ist einer von drei Mitarbeitenden im Team der Jugendinfo Winterthur. Diese steht unter der Trägerschaft des Vereins Offene Soziale Arbeit Winterthur und ist Dienstleister sowie Anlaufstelle für Menschen im Alter zwischen 13 und 25 Jahren in Winterthur. Einerseits entwickelt und erprobt die Jugendinfo neue Formate für die Jugendförderung. Ein Beispiel dafür ist etwa das Projekt «Engage», eine Art Schnitzeljagd per App in der Stadt. Andererseits ist sie auch eine Triagestelle in den Bereichen Jugendinformation und Beratung. Je nach Komplexität des Anliegens werden Jugendliche an entsprechende Fachpersonen weitervermittelt.

Selbstwertgefühl steigern

Aktuell bietet die Jugendinfo keine klassische Gewaltprävention an. Mit ihrer Arbeit, Beziehungen zu Jugendlichen zu knüpfen und diese zu intensiveren, werde aber Vorschub geleistet, betont Andrea Portmann, die wie Leuthold seit Anfang Herbst 2021 bei der Jugendinfo arbeitet. «Gewalt ist das Endresultat von dem, was vorher schiefgelaufen ist. Darum setzen wir vorher an, indem wir einen Zugang zu verschiedenen Angeboten schaffen.» Dabei sollen Teenager in dem bestärkt werden, was sie gut können. Und gleichzeitig dürfen sie sich durch Ausprobieren neue Kompetenzen aneignen. Dies werde etwa mit der Jugendjobbörse erreicht, macht Kollege Leuthold ein Beispiel: «Wir fördern das Selbstwertgefühl der Jugendlichen und zeigen ihnen, dass sie in der Gesellschaft partizipieren können.»

Indem sie Jugendlichen zuhören und ihre Anliegen ernst nehmen, bauen sie über die Zeit eine Beziehung auf Augenhöhe zu ihnen auf.

Indem sie Jugendlichen zuhören und ihre Anliegen ernst nehmen, bauen sie über die Zeit eine Beziehung auf Augenhöhe zu ihnen auf.
Michael Hotz

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von der Jugendinfo ist es, bedürfnisbezogen zu agieren. Schliesslich ist ihr Angebot freiwillig. «Es nützt nichts, wenn wir uns ein super Projekt ausdenken, dieses die Jugendlichen aber nicht interessiert. Darum ist es sehr wichtig, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen.» Man müsse für die Jugendlichen da sein und ihnen zuhören. Die grosse Schwierigkeit dabei: «Beziehungsarbeit braucht Zeit. Wenige erzählen sofort von ihren Problemen», betont Portmann.

Wunsch nach mehr Cliquenräumen

Als grosse Thematik bei Jugendlichen – neben der im Teenie-Alter besonders ausgeprägten Identitätsfindung – macht Leuthold ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis aus: «2005 geborene Teenager haben schon zwei Wirtschaftskrisen, eine Pandemie sowie Krieg in Europa erlebt und gleichzeitig bedrückt sie die Klimaerwärmung. Da kommt ziemlich viel zusammen», führt er aus. Umso mehr bräuchten die Jugendlichen Räume, wo sie mal unter sich sein könnten: sogenannte «Safe Spaces». «Im öffentlichen Raum werden Jugendliche oft als Störfaktor wahrgenommen», stellt Portmann fest. Darum seien die Jugendtreffs in den Quartieren so wichtig. Diesbezüglich hat sie noch einen Wunsch: «Cliquenräume, über die eine Jugendgruppe für einen gewissen Zeitraum Verantwortung übernehmen kann, sind Mangelware. Da hätte die Stadt noch Luft nach oben.»

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