Publiziert 12. Mai 2022, 16:30
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Ukrainerin arbeitet im Coiffeursalon

Haareschneiden, um den Krieg zu vergessen

Geflüchtete Ukrainerinnen wollen arbeiten. So auch Amalia Bulhakova. Sie ist seit kurzem im Coiffeursalon einer Winterthurerin angestellt. 84XO hat sie getroffen.

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Ramona Kobe
Die Ukrainerin Amalia Bulhakova ist froh, im Coiffeursalon arbeiten zu dürfen. So könne sie zumindest vorübergehend nicht daran denken, was in ihrer Heimat zurzeit passiert.

Die Ukrainerin Amalia Bulhakova ist froh, im Coiffeursalon arbeiten zu dürfen. So könne sie zumindest vorübergehend nicht daran denken, was in ihrer Heimat zurzeit passiert.
Ramona Kobe

Über 100 Arbeitsbewilligungen für Flüchtlinge aus der Ukraine konnte das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit seit Mitte März erteilen. Das teilte die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich am 28. April mit. In der Regel handle es sich um normale Angestelltenverhältnisse, ein Teil der erlassenen Arbeitsbewilligungen betreffe Praktika zum Berufseinstieg. «Die allermeisten Ukrainerinnen und Ukrainer hoffen auf eine rasche Rückkehr in ihre Heimat und suchen nach ihrer Flucht nicht als erstes eine Arbeitsstelle», lässt sich Volkswirtschaftsdirektion Carmen Walker Späh zitieren. «Es freut mich aber, dass über hundert Schutzsuchende in unserem Kanton einen Arbeitsplatz und damit auch eine berufliche Perspektive gefunden haben.»

Nicht im Kanton Zürich, sondern im thurgauischen Schönenberg arbeitet seit Ende April die Ukrainerin Amalia Bulhakova – im Coiffeursalon Haarmonie der Winterthurerin Sanella Dupcevic. «Als ich von der Mutter eines ehemaligen Schulkollegen erfahren habe, dass diese Amalia und ihre Familie bei sich aufnehmen wolle, war für mich schnell klar, dass ich ihr die Möglichkeit geben möchte, bei uns im Salon zu arbeiten», erzählt Dupcevic. Das trifft sich gut, denn: Die Ukrainerin hat bereits früher als Coiffeuse gearbeitet. «Sie kennt das Handwerk und macht ihre Arbeit sehr gut.»

Mann träumt von Reise in die Schweiz

Bulhakova zeigt sich extrem dankbar, in der «Haarmonie» eine Beschäftigung gefunden zu haben: «Ich mag die Arbeit und bin froh, die viele freie Zeit für etwas Nützliches einsetzen zu können.» Zudem könne sie dann zumindest für einen Moment nicht daran denken, was in ihrer Heimat passiert. Dort kämpft ihr Mann zurzeit aufgrund gesundheitlicher Probleme zwar nicht an der Front, kann aber jederzeit zurückgerufen werden.

Die 35-Jährige hingegen konnte mit ihren beiden Kindern sowie ihrer Schwester und Mutter mit dem Auto fliehen. Zuerst in den Westen der Ukraine, dann weiter nach Polen, Tschechien, Deutschland und letztendlich in die Schweiz. «Es ist Zufall, dass wir hier gelandet sind», erzählt die Ukrainerin. Es gefällt ihr aber bereits nach wenigen Wochen so gut, dass sie sich vorstellen kann, hier zu bleiben. Am liebsten mit ihrem Mann. «Er träumte schon als Kind davon, einmal in die Schweiz zu reisen. Ich hoffe, dass er bald nachkommen kann.»

Bedürfnis nach Banalem

In Schönenberg besucht Bulhakova zweimal pro Woche einen Deutschkurs. Die Sprache sei nach wie vor das grösste Hindernis, sagt Sanella Dupcevic, zumal ihre neue Mitarbeiterin auch kaum ein Wort Englisch spreche. So verständigen sie sich zurzeit über eine Übersetzungsapp. Das klappe zwar recht gut, brauche aber viel Zeit. «Das stört die Kunden überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sie zeigen Amalia gegenüber viel Solidarität», so die Winterthurerin. «Manchmal spuckt das Handy aber komische Sätze aus», ergänzt Geschäftspartnerin Suzana Stojanovic. Ihr hat Bulhakova soeben die Haare gewaschen. «Eine Stunde pro Woche bringen wir ihr die ‹Schweizer Sitten› bei», erzählt Stojanovic. Weil Haareschneiden eben nicht gleich Haareschneiden ist. «Wir pflegen andere Gewohnheiten.» In der Ukraine gehe alles viel zackiger, erzählt Bulhakova und lacht. «Hier ist alles so langsam.»

Sind mit der Arbeit ihrer neuen Mitarbeiterin (Mitte) zufrieden: Suzana Stojanovic (links) und Sanella Dupcevic.

Sind mit der Arbeit ihrer neuen Mitarbeiterin (Mitte) zufrieden: Suzana Stojanovic (links) und Sanella Dupcevic.
Ramona Kobe

Und teurer. Das musste sie schnell feststellen. Dann etwa, als sie ihre Gelnägel auffrischen lassen wollte. «Flüchtende haben auch Bedürfnisse nach ganz banalen Dingen wie eben Maniküre», sagt Sanella Dupcevic. Deshalb könnten sich Ukrainerinnen bei Bulhakova die Haare vergünstigt machen lassen. «Das gemeinsame Schicksal verbindet.» Weiter wünscht sich die Ukrainerin, obwohl sie sich in Schönenberg wohl fühlt, wie sie sagt, bald einmal in die «Stadt» zu gehen, nach Winterthur oder Zürich zum Beispiel. Das ist einfacher gesagt als getan, jetzt, wo sie einen fixen Arbeitsvertrag hat, fährt die Saloninhaberin fort. «Ich hoffe, dass wir zwischen Infoveranstaltungen, Deutschunterricht und Haareschneiden bald einen Termin finden, damit ich ihr diesen Wunsch erfüllen kann.»

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