Publiziert 03. Okt. 2022, 09:20
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Matthias Schöni im Interview

«Für Angst hatte ich in der Ukraine keine Zeit»

Letzte Woche kehrte Matthias Schöni von seiner Projektreise in die Ukraine zurück. Dort besuchte der Leiter des Hilfswerks «Licht im Osten» die Partner mitten im Kriegsgebiet. Ein Gespräch über Ausnahmezustände, berührende Begegnungen und neue Dimensionen.

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Ramona Kobe
Dank einer Übersetzerin konnte sich Matthias Schöni (r.) in der Ukraine mit den Betroffenen unterhalten.

Dank einer Übersetzerin konnte sich Matthias Schöni (r.) in der Ukraine mit den Betroffenen unterhalten.
zvg

Im März dieses Jahres reiste Matthias Schöni, Geschäftsleiter von «Licht im Osten», für einige Tage nach Rumänien und Moldawien, um die Partner des Winterthurer Missions- und Hilfswerks zu besuchen (84XO berichtete). Diese halfen den Flüchtlingen aus der Ukraine und beherbergten jede Nacht rund 2500 geflohene Menschen – hauptsächlich ältere Menschen und Mütter mit ihren Kindern. Nun, rund ein halbes Jahr später, kehrte Schöni zurück. Allerdings nicht in die Nachbarländer, sondern in die Ukraine selbst. Warum wagte der Winterthurer die Reise ins Kriegsland? «Ich wollte unseren ukrainischen Partnern zeigen, dass sie nicht allein sind und wir hinter ihnen stehen. Aber auch vor Ort hören und sehen, wie wir als Missions- und Hilfswerk aus der Schweiz tatkräftig durch den Winter helfen können.» 6000 Kilometer legte Schöni in 13 Tagen mit seinem Auto zurück, eine Übersetzerin half ihm, sich vor Ort zu verständigen. «Wäre ich in den letzten acht Jahre nicht immer wieder in der Ukraine gewesen, hätte ich diese Reise unmöglich antreten können.» Mittlerweile ist Schöni zurück in Winterthur. Mit 84XO hat der Hilfswerksleiter über seine Eindrücke im Kriegsland gesprochen.

Herr Schöni, Sie sind seit wenigen Tagen zurück in Winterthur. Wie geht es Ihnen?

Matthias Schöni: Ich lebe noch in zwei Welten. Es sind viele Eindrücke, die ich mit nach Hause genommen habe, wovon ich einiges noch nicht verarbeiten konnte. Es waren psychisch sowie physisch grosse Strapazen, die mich nachts wachhalten.

Und wie geht es den Menschen in der Ukraine?

Stellen Sie sich vor, ihr Mann kämpft an der Front oder ist im Ausland, um Geld zu verdienen, und Sie sitzen mit drei Kindern in einem Flüchtlingszentrum oder in einer winzigen Einzimmerwohnung. Es ist enorm schwierig. Die Wirtschaft ist um 50 Prozent eingebrochen, das Einkommen fehlt. Das Volk wird kaputtgemacht, das Land wirtschaftlich zerstört. Noch schrecklicher ist die Situation im Osten. Schulen, Frauenhäuser, Reha-Kliniken, Kirchen – vieles ist zerstört. Wer zurückgeblieben ist, in Bachmut sind das rund 40 Prozent, muss dankbar sein, wenn er noch lebt.

Warum werden diese Leute nicht evakuiert?

Im Donbass leisten unsere Partner Soforthilfe und evakuieren Menschen aus den bombardierten Dörfern und Städten. Doch es gibt Menschen, die sich weigern, ihr Haus zu verlassen und ausharren. Solche, die keine Perspektive, keine Verwandtschaft, kein Geld haben. Oft sind es alte Leute, die sich bereits mit dem Tod befassen.

Wie haben diese Leute auf Ihren Besuch reagiert?

Sehr erfreut. Aber auch erstaunt. In Dnipro und Saporischschja sei ich der erste Hilfswerkleiter gewesen, der persönlich vorbeigekommen sei, um zu helfen. Wir haben uns umarmt, in die Augen geschaut, zusammen gebetet.

Wie helfen die Partner von «Licht im Osten» in der Ukraine?

Bereits 23 volle Lastwagen wurden seit Kriegsbeginn aus der Schweiz in die Ukraine zu unseren Partnern geliefert, zehn Lastwagen sogar bis in den Osten der Ukraine. Wir versorgen in unseren Zentren tausende von Flüchtlingen und Umsiedlern mit Lebensmitteln, Hygienepaketen, Matratzen und Bettwäsche. Im Winter planen wir nun eine Aktion mit 75 Tonnen Teigwaren, Holzöfen und Holz.

Wie haben Sie den Krieg erlebt?

Das Land ist in einem Ausnahmezustand. Im Westen hat es kaum Autos auf den Strassen, dafür viele Militärfahrzeuge. An den Checkpoints wurde ich regelmässig kontrolliert. Ertönt ein Bombenalarm, schliessen die Läden, man kann nicht mehr tanken. Allerdings weiss man nicht, was die Sirene bedeutet. Weil die Russen schlecht zielen, können auch im Westen Raketen einschlagen. Das macht Angst.

Und im Osten?

Dort kam ich dem Krieg nochmals viel näher. In Saporischschja steht ein grosses Atomkraftwerk. Ich wusste: Wenn dieses in die Luft geht, bin ich mitten im Hotspot einer nuklearen Katastrophe. Ich spürte, wie das Land zugrunde geht. Auch durch die Erzählungen unserer Partner, die sich täglich riesigen Gefahren aussetzen.

Hatten Sie nie Angst?

Dafür hatte ich keine Zeit. Mein Körper funktioniert in diesen zwei Wochen einfach. Ich merkte erst auf dem Nachhauseweg, dass es die eine oder andere gefährliche Situation gab.

Zum Beispiel?

Zugegeben, ich war vielleicht auch ein bisschen naiv. Auf dem Weg zurück nach Dnipro, nach einem langen Tag mit vielen Begegnungen, fuhr ich über einen Staudamm. Ich beschloss, mein Auto zu parkieren und am Fluss zu spazieren, um meinen Kopf zu lüften. Dabei fotografierte ich den Damm – und eine Minute später standen zwei Soldaten mit Sturmgewehren neben mir. Sie begleiteten mich 500 Meter zurück zum Auto, wo meine Übersetzerin sass. Erst nachdem ich alle Fotos auf dem Handy gelöscht hatte, liessen sie uns weiterziehen. Das war ein mulmiger Moment.

Sie durften nicht fotografieren?

Nichts Strategisches, also keine Brücken, Militär-Checkpoints oder Armeefahrzeuge. Das wusste ich eigentlich. In dem Moment war ich ein bisschen zu mutig.

Sie haben viel Leid erlebt. Dennoch: Gab es auch schöne Momente?

Ja, definitiv. Mit dem Team in Saporischschja habe ich morgens gebetet, ehe wir das Nothilfezentrum öffneten. Es standen über 100 Hilfesuchende vor der Tür, mit denen ich berührende Gespräche führte. Es ist ein schönes Gefühl, Leuten zu helfen, die keine Perspektive haben, die nicht wissen, wie sie den Winter überleben sollen. Für solche Momente lohnt sich meine Arbeit.

Matthias Schöni

«In der Schweiz beschäftigt uns die Energiekrise, die Klimakatastrophe, Zinssorgen der Nationalbank. Diese Probleme kommen mir jetzt winzig klein vor»

Mit welchem Gefühl sind Sie zurück in die Schweiz gereist?

In der Schweiz beschäftigt uns die Energiekrise, die Klimakatastrophe, Zinssorgen der Nationalbank. Diese Probleme kommen mir jetzt winzig klein vor. Verstehen Sie mich nicht falsch, ein mehrstündiger Stromausfall wäre für die Wirtschaft fatal, aber wir würden ihn überleben. Im Osten der Ukraine geht es um Leben oder Tod. Die Dimensionen sind ganz andere.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Weil ich in ein Land ohne Krieg, in ein privilegiertes Leben zurückgehren durfte? Nein. Wir geben in der Ukraine alles, helfen, wo wir können. Wer so viel tut, muss kein schlechtes Gewissen haben.

Sie sind erst wenige Tage zurück in Winterthur. Planen Sie bereits die nächste Reise?

Ende November gehe ich erneut nach Moldawien. Und nächstes Jahr möchte ich ein Partnertreffen im Westen der Ukraine organisieren. So muss ich einerseits nicht mehr durch das ganze Land fahren, andererseits kann ich unsere Partner zumindest für ein paar Tage rausholen aus den Krisengebieten und ihnen einen Tapetenwechsel ermöglichen.

Weitere Informationen: www.lio.ch

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