Publiziert 27. Nov. 2021, 09:00
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Mirijam und Florian Riekmann bereiten eine Europa-Tour vor

Umbau von Wohnmobil mit besonderen Vorzeichen

Eigentlich wollten Mirjam und Florian Riekmann erst im Jahr 2023 mit einem selbst umgebauten Van durch Europa touren. Jetzt ziehen das Winterthurer Paar ihre Reise vor, weil er an einer Krankheit leidet.

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George Stutz

Vor rund 15 Jahren war Florian Riekmann bereits mit einem Camper durch Europa getingelt. Damals mit einem alten VW-Bus T3. «Seither schlummerte der Traum in mir, dies irgendwann zu wiederholen, natürlich mit meiner Partnerin», sagt der 36-Jährige mit einem Seitenblick zu seiner Frau. Mirjam Riekmann war anfangs etwas skeptisch, konnte sich jedoch allmählich damit anfreunden – wenn schon – das zukünftige Reisemobil zusammen umzubauen und einzurichten. Das war, bevor die beiden 2019 geheiratet hatten. «Wir hatten uns damals einen groben Fahrplan mit Ferien- und anderen Ideen zurechtgelegt, die wir in den nächsten Jahren umsetzen wollten. Dazu zählte auch die Camper-Expedition, die wir auf 2023 terminiert hatten», so Florian Riekmann.

Eine einschneidende Diagnose

Als die Happiness Coach und Social-Media-Trainerin und der Erwachsenenbildner im Gastronomiebereich nach dem Lockdown anfangs vergangenem Mai im Restaurant Schlosshalde erstmals wieder auswärts essen gingen, überraschte Mirjam ihren Mann. Sie schlug vor, die grosse Reise ein Jahr vorzuschieben. Dies hatte seinen guten Grund: Kurz nach der Hochzeit war Florian krank geworden, im Herbst 2019 dann die einschneidende Diagnose: Multiple Sklerose (MS). «Die Krankheit ist unberechenbar. Gerade deshalb soll sie nicht der Grund sein, weshalb wir nicht unsere Träume verfolgen sollen. Darum war ich von Mirjams Spontanvorschlag sofort begeistert», erinnert er sich.

Der ehemalige Post-Lieferwagen entspricht in allen Belangen den Ansprüchen von Mirjam und Florian Riekmann.

Der ehemalige Post-Lieferwagen entspricht in allen Belangen den Ansprüchen von Mirjam und Florian Riekmann.
George Stutz

Obwohl die beiden auch in anderen Bereichen stets innovativ waren und sind, beispielsweise einst den Traum hatten, ein «Bed & Breakfast»-Hotel zu eröffnen und aus dieser Idee einen monatlichen Breakfast-Club lancierten, bedeutete das in der Schlosshalde neu aufgegleiste Projekt auch eine zusätzliche Ablenkung. «Vor allem freute ich mich, dass Mirjam nun ebenfalls Feuer und Flamme war, meinem langgehegten Traum entsprechend, einen Kastenwagen zu einem Reise-Van umzubauen», so Florian Riekmann.

Inspiration aus Youtube-Videos

Also machten sich die beiden daran, sich auf Youtube Inputs für ein optimales Reisegefährt zu holen. Schnell hatten sie die Eckdaten, die sie zur Suche des idealen Kastenwagens benötigten. «Wir hatten uns schnell einmal geeinigt, dass wir unsere Betten quer zum Fahrzeug stellen möchten. Da Florian 181 Zentimeter gross ist, soll auch das Bett mindestens so lang werden», sagt Mirjam Riekmann. Aber auch die Länge war in etwa vorgegeben, zudem musste das Fahrzeug technisch in Ordnung sein. Das Rennen machte schliesslich ein von der Post ausrangierter, aber erst siebenjähriger, 6,5 Meter langer und 2,5 Meter hoher Renault Master mit nur 81’000 Kilometern auf dem Buckel.

Auf der Suche nach einer beheizten Halle

Für die ersten Umbauten steht dieser nun wochenendweise in einer Garagenhalle im Zürcher Oberland. Mirjam und Florian Riekmann suchen nun aber dringend eine geeignete, beheizte Halle im Raum Winterthur, in der sie die nächsten Umbauten und Installationen in Angriff nehmen möchten.

  • Mirjam und Florian Riekmann nehmen Informationen zu einer beheizten Halle im Raum Winterthur entgegen per Telefon unter 078 786 35 66.

Nachdem sie für die Entfernung der Seitenverkleidungen sämtliche Nieten durchboren mussten und nun das erste Seitenfenster eingesetzt wurde, hilft ein Freund demnächst, die beiden Dachluken einzubauen. Zudem kleiden die beiden jetzt die Innenseiten der Wände mit Kork ein, ehe alle Stromleitungen gezogen werden müssen. Danach wird Schafwolle isoliert und schliesslich der Innenbereich wohnlich verkleidet.

Ein besonderes Augenmerk gilt der Stromversorgung. «Da wir vielfach auch an schönen Orten, wo erlaubt, frei übernachten werden und da kein Stromnetz zur Verfügung haben, muss sich unsere Innenraum-Batterie beim Fahren selbst aufladen, da unser Kühlschrank zwingend ständig funktionieren muss», erklärt Florian Riekmann.

Der Van wird auch zum Krankenzimmer

Auch wenn sie sicher ab und zu auf ihre Etappenziele oder andere besondere Ereignisse anstossen werden – gekühlt werden muss primär Florians Medizin. Einmal pro Monat braucht er diese über eine Infusion verabreicht. «Sicher könnten wir die Reiseroute so planen, dass wir dann immer bei einem Spital vorbeifahren könnten, das ist aber mühsam und in gewissen Ländern wahrscheinlich auch schwierig. Daher ist unser Ziel, dass auch ich ihm die Infusion, wenn und wo nötig, stecken kann», so Mirjam Riekmann.

Mit ihrem Projekt wollen Mirjam und Florian Riekmann auch andere ermuntern, zwischenzeitlich mal aus dem Alltag auszubrechen und sich eine Auszeit zu nehmen.

Mit ihrem Projekt wollen Mirjam und Florian Riekmann auch andere ermuntern, zwischenzeitlich mal aus dem Alltag auszubrechen und sich eine Auszeit zu nehmen.
George Stutz

Das sympathische Paar denkt an alles, was ihre unter den gegebenen Umständen noch speziellere Camper-Reise möglichst angenehm machen wird. Dabei bringt Mirjam eher Wünsche ein, währenddem Florian angedachte Möbel auch schon mal aus Karton schneidet, um sie dann im Modell in Position zu bringen. «Letzthin stellten wir unsere Gartenstühle ins Fahrzeug, weil wir dachten, diese möglicherweise auch als Innenbestuhlung einsetzen zu können. Als wir uns hinsetzten und es auch mit der kleinsten Beinfreiheit vorbei war, mussten wir erst einmal laut lachen, ehe wir umplanten», sagt Mirjam Riekmann.

Noch seien sie aber trotzdem im Fahrplan, und wenn es dann eng würde, könne Florian im Februar noch ein paar verbleibende Ferientage dafür einsetzen. Gekündigt haben sie nicht nur ihre Wohnung auf Ende März, sondern auch ihre Stellen. Allerdings kann Mirjam ihren Job im Social-Media-Bereich auch unterwegs ausüben. «Das gibt uns zusätzliche Freiheiten, so dass wir je nachdem etwas früher heimkehren könnten oder unsere Reise und damit die Auszeit auch noch etwas verlängern könnten», sagen beide, währenddem sie in bester Teamarbeit – und als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht – sichtlich mit Spass und Vorfreude die nächste Korkplatte um den Radkasten unterhalb ihres künftigen Schlafbereiches kleben.

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