Publiziert 01. Okt. 2022, 06:00
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Kleinhund gebüsst wie Mensch

Ein Hundeticket angeboten, aber 100 Franken verrechnet

Eve Jacobers Annahme, dass ihr French Mops «Indigo» gratis Bus fahren dürfe, war grundsätzlich richtig. Trotzdem erhielt ihr Hund eine Busse.

G
George Stutz
In der Hocke ihre ängstliche Hündin beschützend, fuhr Eve Jacober bisher auch im ÖV, wenn es denn die Platzverhältnisse zuliessen – unwissend, dass «Indigo» so nicht ohne Ticket hätte fahren dürfen

In der Hocke ihre ängstliche Hündin beschützend, fuhr Eve Jacober bisher auch im ÖV, wenn es denn die Platzverhältnisse zuliessen – unwissend, dass «Indigo» so nicht ohne Ticket hätte fahren dürfen
George Stutz

Zwar wohnt Eve Jacober nicht viele Gehminuten von ihrem Winterthurer Arbeitsort weg. Trotzdem aber zu weit, als dass ihn ihr French Mops auf seinen vier Pfoten bewältigen könnte. «‹Indigo› ist mit ihren zehn Jahren, vier überstandenen Tumoren und einer Destabilisierung der Wirbelsäule einfach nicht mehr genug fit», so Jacober. Kam dazu, dass sie am Dienstagmorgen letzter Woche einiges «Bagage» ins Geschäft mitnehmen musste, weshalb sie ihre Hündin, die sie vor einem Jahr von einer Kollegin übernommen hatte, auch nicht problemlos hätte tragen können. Deshalb nahm sie den Bus Linie 2, verteilte ihr Gepäck und ihren Hund im halbleeren Bus auch auf dem Nebensitz. «Als noch Leute zustiegen, nahm ich meine Taschen auf den Schoss und setzte «Indigo» zwischen meine beiden Füsse, sodass der Sitz neben mit frei wurde.»

Kaum hatte sie dies getan, wurde sie von einem Kontrolleur des ZVV aufgefordert, ihr Ticket vorzuweisen. «Ich zeigte ihm mein Online-Ticket in der SBB-App und sagte, dass ich «Indigo» nun auf meinen Schoss nehmen würde, da sie so legal gratis fahren dürfe. Er reagierte kaum, sagte nur, er löse mir gleich selbst ein Hundeticket. Ich war völlig überrascht, war ich mir doch sicher, dass eine Hündin mit einer Risthöhe unter 30 Zentimetern auf meinen Beinen sitzend kostenlos mitfahren dürfe», erzählt Eve Jacober.

Auch Kleinhunde brauchen Tickets

Was sie nicht wusste war, dass genannte Kleinhunde nur gratis auf dem Stadtbus-Netz fahren dürfen, wenn sie in einer Tasche oder einem Behälter transportiert werden. Frei auf dem Schoss von Frauchen oder Herrchen oder auf dem Boden sitzend sind sie kostenpflichtig wie die grösseren und grossen Hunde. Nachdem sie der Kontrolleur entsprechend aufgeklärt hatte, schaute Eve Jacober in der App nach dem vom ZVV-Mann «offerierten» Hundeticket. «Als ich den Nachweis genauer anschaute, traf mich der Schlag. Statt einem Hundeticket zum halben Fahrpreis eines Erwachsenenbillets, hatte er mir satte 100 Franken verrechnet – dieselbe Busse also, die auch einem menschlichen Schwarzfahrer bei erstmaligem Erwischen aufgebrummt wird.»

Fragwürdige Verhältnisse

Eve Jacober ärgerte sich: «Gepäckstücke, die 80 auf 100 Zentimeter Bodenfläche beanspruchen, Kinderwagen oder Kinder bis sechs Jahre fahren ohne irgendwelche Rahmenbedingungen kostenlos mit, bei einem so kleinen Hund wird jedoch abgezockt. Kommt dazu, dass «Indigo» aufgrund ihrer Beschwerden nur unter grossen Schmerzen in einer solchen Tasche sitzen würde, zumal sie aufgrund dessen auch sonst lieber steht als hockt.» Die Hundebesitzerin machte ihrem Ärger schliesslich mit einem Anruf beim ZVV Luft. Immerhin wurde ihre Busse um 40 Franken reduziert, weil man ihr – anders als der Kontrolleur – glaubte, dass sie nicht absichtlich, sondern aus purer Unwissenheit ihre Hündin nicht den Regeln entsprechend im Stadtbus platziert hatte. Aber auch, weil sie bisher nicht in der Schwarzfahrer-Liste des ZVV registriert war.

Der ZVV nimmt Stellung

84XO hat beim Zürcher Verkehrsverbund ZVV betreffend dem Vorgehen bei vierbeinigen Schwarzfahrern nachgefragt.

Es fällt auf, dass ein Hundehalter auf der Website von Stadtbus und auch auf entsprechendem Link zum ZVV nur mit Mühe die Transport-Bestimmungen findet…

Filip Stankovic*: Die entsprechenden Bestimmungen dazu sind schweizweit einheitlich und im Tarif 600. Die Richtlinien sind nicht vom ZVV, sondern von der gesamten schweizerischen ÖV-Branche beschlossen. Diese Bestimmungen sind zudem seit Jahren unverändert. Auf der ZVV-Seite finden Sie die Bestimmungen unter dem Suchbegriff «Hund».

Werden Hunde mit einer Risthöhe von weniger als 30 Zentimeter in einer Tasche transportiert, dürfen sie gratis fahren. Kann mein Hund also in einem Migros-Sack mit?

Lebende Tiere, also auch Hunde, gelten grundsätzlich nicht als Handgepäck, das kostenlos mitgenommen werden darf. Eine Ausnahme zu dieser Grundregel bilden zahme (ruhige) Tiere unter 30 Zentimeter Risthöhe, die kostenlos als Handgepäck mitreisen, wenn sie in einem tiergerechten Behälter mitgeführt werden. Eine Migros-Tasche fällt nicht in diese Kategorie.

Liegt es nicht im Ermessen der Kontrolleure in Fällen, wie beschrieben, auch mal ein Auge zuzudrücken?

Die Aufgabe des Kontrollpersonals in den Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs ist es, festzustellen, ob ein gültiger beziehungsweise teilgültiger Fahrausweis vorliegt.

*Filip Stankovic ist Mitarbeiter der Medienstelle des ZVV

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