Publiziert 26. Okt. 2022, 15:41
8400

Dem perfekten Kaffeearoma auf der Spur

«Du musst hören, was die Bohnen sagen»

Für guten Kaffee muss man nicht nach Italien reisen. Auch weil sich die Besitzer der Winterthurer Kaffeerösterei «l’amica» im Stiefel haben inspirieren lassen.

r
red
Maya Gogg bestellt für ihren Kaffee Bohnen aus der ganzen Welt.

Maya Gogg bestellt für ihren Kaffee Bohnen aus der ganzen Welt.
Gaël Riesen

Wer hätte gedacht, dass Kaffee nach Rum schmecken kann? Nicht, weil etwa Zuckerschnaps drin wäre, nein. Die Kaffeebohnen aus Kolumbien werden über drei Monate in alten Rumfässern gelagert. Im «l’amica» in Winterthur werden diese Bohnen anschliessend geröstet und dann verkauft.

Die Besitzer der Rösterei an der Wülflingerstrasse sind Maya und Marcel Gogg, die Idee stammt von einer Freundin in Norditalien. Maya Gogg versichert, dass der Kaffee da nicht unbedingt besser schmeckt. Es handle sich mehr um das Gefühl von Ferien und «o sole mio». «Der gleiche Kaffee schmeckt zu Hause vielleicht gar nicht mehr.

Dank Kaffee Auto verkauft

Die gelernte Konditorin und ihr Ehemann haben sich vor rund zehn Jahren entschieden, eine eigene Rösterei zu eröffnen. Eineinhalb Jahre nach der Eröffnung habe dann auch Marcel Gogg seinen Job als Lebensmitteltechnologe in einem Grosskonzern aufgegeben, um sich ganz der Kaffeerösterei zu widmen, erzählt seine Frau Maya. Seit einigen Jahren ist die Tochter der beiden mit an Bord und übernimmt unter anderem Kurierfahrten. Nebst dem Online-Shop und den Verkäufen im Shop bedient «l’amica» auch Grosskunden wie Cafés oder Autogaragen. Es sei wegen dem guten Kaffee sogar schon ein Auto verkauft worden, wie ein Kunde der Rösterei erzählt habe.

Sogar Regen nimmt Einfluss

«l’amica» ist eine Rösterei und eben kein Café, wie es sie schon zuhauf gibt. «Bei uns verweilt man nicht zum Käffele», erklärt Maya Gogg. Kaffee zum Mitnehmen gibt es dennoch. In der Rösterei kann Kaffee probiert, gekauft oder gleich einen Home-Barista-Kurs besucht werden, in dem die Teilnehmenden lernen, wie sie aus ihrer eigenen Kaffeemaschine zu Hause den besten Kaffee kriegen. Geht das Interesse am Gebräu über das Einführen einer Kaffeekapsel in die Maschine hinaus, ist die Kaffeerösterei ein spannender Ort.

  • Geheimtipps

  • Den Kaffee immer umrühren, sonst trinkt man ihn in drei Schichten mit Crema, Espresso und Wasser. So legt man auch Aromen frei.

  • Die Kaffeebohnen und das Pulver zu Hause nicht umleeren, sondern im Beutel lassen. Beim Umfüllen riecht es zwar herrlich, aber die Aromen sind dann bereits in der Luft und nicht mehr im Kaffeepulver.

  • Kaffeebohnen kann man einfrieren. So behalten sie den Geschmack besser. Aber Achtung: Nicht in den Kühlschrank stellen. Da nimmt Kaffee Fremdgeschmack auf.

«Als wir aufgemacht haben, boomten die Kapseln gerade», so Gogg. Jetzt gehe der Trend eher wieder weg von den Aluminiumkapseln. «Mütterchen wurden früher für ihren Filterkaffee oft belächelt, heute merkt man, dass man da ganz blumige Aromen herausbekommt.» Bei den Goggs wird Kaffee zu einer wahren Wissenschaft. Der Röstprozess in der stählernen Maschine, die hinter dem Tresen steht, dauert etwas weniger als 15 Minuten. Aber die Zeiten variieren ständig, so Maya Gogg. Die Dauer hänge sogar vom Wetter ab. Eine Bise, starker Regen oder gar ein verrusstes «Chämi» würden die Röstdauer beeinflussen. Automatisiert könne das alles darum nicht werden, es gehe nach Gefühl, so Gogg. «Du musst hören, was die Bohnen sagen.»

Espresso oder Cappuccino? Je nachdem

Die Bohnen für die Kaffeemischungen in der Winterthurer Rösterei kommen von Händlern aus Mailand, Triest und Zug. Die Bohnen selbst aus aller Welt: Südamerika, Australien, Jamaika und sogar aus Nepal. Die Lieferkette könne bei allen genau zurückverfolgt werden, so Gogg. «Das ist den Kunden heute wichtig.» Die exquisite Sorte aus Jamaika kostet dafür auch fast 90 Franken aufs Kilo. Gogg vergleicht das mit einem teuren Wein, der vor allem den Geniessern mundet.

  • So lernte unser freier Redaktor Gaël Riesen das Kaffeetrinken. Zum Kommentar.

Mit der Kaffee-Expertise der gelernten Barista hat sie natürlich auch nicht die gleiche Vorliebe für alle Kaffeesorten. «Für den Gusto trinken wir nur noch Espressi.» Deren seien es aber nicht mehr als vier täglich. Auch in der Rösterei steht der kleine italienische Kaffee im Vordergrund: «Wir sind keine Latte-Weltmeister, sondern Kaffeemacher. Wir versuchen den Kaffee perfekt herauszulassen.» In gewissen Situationen rät die Expertin dennoch zum Cappuccino: «Wenn man irgendwo nicht weiss, ob der Kaffee gut ist, dann nimmt man ein Milchgetränk. Ein Cappuccino verzeiht mehr.»

Von Gaël Riesen

Das könnte Sie auch interessieren