Publiziert 17. Apr. 2022, 09:00
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Ehrenamtliche Dienste für Ukrainerinnen

Doulas rund um Winterthur begleiten Schwangere auf der Flucht

Knapp 1000 Geflüchtete aus der Ukraine kommen täglich in der Schweiz an. Darunter auch einige Schwangere. Doula-Geburtsbegleiterinnen rund um Winterthur möchten diesen die Chance geben, ihr Kind geborgen gebären zu können und begleiten die Frauen vor, während und nach der Geburt. Drei Doulas erzählen.

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Ramona Kobe
Setzen sich für geflohene Schwangere aus der Ukraine ein: die Doulas Raffaela Heil, Ina Zindel und Kerstin Häuselmann (von links).

Setzen sich für geflohene Schwangere aus der Ukraine ein: die Doulas Raffaela Heil, Ina Zindel und Kerstin Häuselmann (von links).
Ramona Kobe

Sie gingen um die Welt, die Bilder von Evgeniy Maloletka. Der ukrainische Fotojournalist hielt mit seiner Kamera fest, wie eine Schwangere von Rettungskräften durch die Trümmer der zerstörten Geburtsklinik in Mariupol abtransportiert wurde. Die Aufnahmen stehen sinnbildlich für das Grauen des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands. Und auch dafür, was Tausende von Frauen in der Ukraine derzeit erleben: Weil Gesundheitseinrichtungen nicht mehr zugänglich oder zu beschädigt sind, um zu funktionieren, müssen sie in U-Bahn-Stationen, Luftschutzbunkern oder anderen Kellern entbinden. Privatsphäre, Respekt, medizinische Versorgung – Fehlanzeige. 15'000 Babys sind gemäss eines Berichts des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA seit Kriegsbeginn bereits auf die Welt gekommen, 80'000 weitere sollen in den nächsten drei Monaten geboren werden. In der Ukraine selbst oder auf der Flucht. Und wohl auch in der Schweiz, wo täglich knapp 1000 Geflüchtete ankommen.

Nur: Was passiert mit Schwangeren, wenn sie einmal hier sind? Diese Frage beschäftigte Kerstin Häuselmann, nachdem sie vom Angriff auf die Geburtsklinik in Mariupol gehört hatte. Häuselmann leitet die Regiogruppe «Doula rund um Winterthur» , die zum Doulaverband Schweiz gehört. «Doulas kümmern sich vor, während und nach der Geburt um werdende Mütter und stehen ihnen und ihren Partnern mental und kontinuierlich zur Seite», erklärt die Winterthurerin. Dabei würden sie weder Hebamme noch Arzt ersetzen, sondern unterstützen diese, wo nötig. «Ziel ist es, der Frau als Team zu dienen.» Ihre Kollegin Ina Zindel, die wie Häuselmann die Ausbildung zur Doula-Geburtsbegleiterin 2019 abschloss, fährt fort: «Wir möchten unsere Dienste allen Frauen ermöglichen, unabhängig von Einkommen oder Kultur. Weil die Begleitung noch nicht von der Krankenkasse anerkannt wird, machen wir das in akuten Fällen eben ehrenamtlich.»

Die eigenen Grenzen kennen

So auch für Flüchtende aus der Ukraine. Mit Flyern macht «Doula rund um Winterthur» auf ihre ehrenamtlichen Dienste aufmerksam. Die grösste Herausforderung im Moment sei, schwangere Ukrainerinnen überhaupt erreichen zu können. Nebst den Flugblättern organisieren die Geburtsbegleiterinnen am Donnerstagnachmittag, 12. Mai, einen Info-Nachmittag im Familienzentrum Winterthur. In erster Linie gehe es darum, Schwangere mit dem «Schweizer System» vertraut zu machen und ihnen aufzuzeigen, welche Geburtsmöglichkeiten es hierzulande gebe, erklärt Raffaela Heil, die seit 2020 ebenfalls als Doula tätig ist. «Zudem wollen wir noch mehr in Erfahrung bringen, wie man in der Ukraine entbindet.» Das Land sei sehr medizinisch orientiert. «Frauen gehen in der Regel für die Geburt ins Spital», so Heil.

  • Der Begriff «Doula» kommt aus dem Altgriechischen. «Doulos» bedeutet «der Diener», «im Dienst von» oder «zudienen». Doula ist eine abgewandelte, weibliche Bezeichnung und bedeutet «die Frau, die dient».

Obwohl die drei Doulas bislang zu keiner schwangeren Ukrainerin in der Schweiz Kontakt gehabt haben, können sie sich vorstellen, was auf sie zukommen wird. Gemäss Kerstin Häuselmann wird viel Feingefühl wichtig sein. So müsse etwa unterschieden werden, ob eine Frau die Kriegssituation in ihrer Heimat erlebt habe oder nicht. «Schwangere aus Krisengebieten nehmen ihren Körper nicht mehr wahr. Sie verspüren weder Hunger noch Durst, können kaum schlafen und haben Mühe, zur Ruhe zu kommen.» Ihre Aufgabe werde es deshalb sein, die Frau wieder mit den Bedürfnissen ihres Körpers in Verbindung zu bringen. «Und auch die Bindung zum Baby muss unter Umständen von Neuem geschaffen werden», ergänzt Ina Zindel. Wichtig sei auch, die eigenen Grenzen zu kennen, wie Raffaela Heil sagt. «Wir kennen die richtigen Anlaufstellen bei Problemen, lösen diese aber nicht selbst. Wir sind keine Psychologinnen.»

Sie sind sich bewusst, dass auch die Sprache ein Hindernis werden könnte und sie mit Übersetzerinnen zusammenarbeiten müssen. Aber: «Von der Sprachbarriere lassen wir uns nicht abhalten», sagt Häuselmann. «Empathie und Unterstützung haben ihre eigene Sprache, dafür braucht es wenig Worte.»

Geflohene Eritreerinnen begleitet

Es ist bereits das zweite Mal, dass sich die Regiogruppe für Flüchtende einsetzt. In ihrem jüngsten Projekt arbeitete sie mit jungen, geflohenen Eritreerinnen zusammen. Eine davon ist Misgana Haile, die vor kurzem erstmals Mutter wurde. Sie ist dankbar für die Doula-Begleitung, wie sie sagt. «In Eritrea gebären Frauen zuhause im Beisein von Mutter oder Grossmutter. Ärztliche Betreuung gibt es nicht.» Die Nachbarn würden draussen beten. In einem Spital zu entbinden, konnte sich Haile davor nicht vorstellen.

In ihrem jüngsten Projekt arbeitete die Regiogruppe «Doula rund um Winterthur» mit jungen, geflohenen Eritreerinnen zusammen. Eine davon war Misgana Haile (2. von rechts).

In ihrem jüngsten Projekt arbeitete die Regiogruppe «Doula rund um Winterthur» mit jungen, geflohenen Eritreerinnen zusammen. Eine davon war Misgana Haile (2. von rechts).
Ramona Kobe

Eine eritreische Ärztin habe in den Anfängen in Punkto Kultur und Sprache geholfen, sagt Kerstin Häuselmann. «Sie war eine wertvolle Schlüsselperson. Diese braucht es in der Begleitung von Geflüchteten – so auch jetzt bei den Ukrainerinnen.»

Berührende Begegnungen

Häuselmann, Heil und Zindel setzen sich intensiv mit der Thematik auseinander. Letztere erzählt von Texten, die in der Ukraine gebliebene Doulas auf Facebook veröffentlichten. «Sie arbeiten Tag und Nacht. Und das in einem Land, in dem die Arbeit einer Doula bis anhin von ärztlicher Seite her nicht sonderlich geschätzt wurde. Jetzt arbeiten sie Hand in Hand.»

Kerstin Häuselmann nahm an einem Zoom-Meeting teil, welches das EDN, das Europäische Doula Netzwerk, organisierte. Dabei hätten ukrainische Geburtsbegleiterinnen, die in Kiew, Mariupol oder Butscha leben, die Situation unter Tränen geschildert. «Diese Begegnungen, wenn auch per Zoom, haben mich sehr bewegt. Und auch etwas beschämt. Die Menschen dort geben, was sie haben. Unsere Aufgabe ist es, sie zu unterstützen.»

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