Publiziert 19. Jan. 2023, 08:37
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Besetzte Stefanini-Häuser

«Diese Forderung sprengt den Handlungsspielraum»

Die Besetzer ehemaliger Stefanini-Häuser wollen von der Besitzerin SKKG statt Gebrauchsleihverträgen die Schenkung.

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George Stutz
Sichtbare Unzufriedenheit der Hausbesetzenden an der General-Guisan-Strasse.

Sichtbare Unzufriedenheit der Hausbesetzenden an der General-Guisan-Strasse.
George Stutz

Der 2018 verstorbene Sammler und Immobilien-Grossbesitzer Bruno Stefanini nahm es mit der Instandhaltung seiner Liegenschaften bekanntlich nicht so genau. Von seinen Dächern fallende Ziegel und Zerfallserscheinungen, vorab seiner Altstadtliegenschaften, hatten nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Behörde geführt. Politiker prüften in diesem Zusammenhang 2009 gar eine – später klar abgelehnte – Enteignungsinitiative. Gleichzeitig aber sorgte Stefaninis spezieller Umgang mit seinen Immobilien dafür, dass viele seiner rund 1300 Winterthurer Wohnungen äusserst günstigen Wohnraum boten. Einige Häuser werden gar bis heute kostenlos genutzt. Denn: Während die Bewohner dieser ziemlich heruntergekommenen Gebäude, etwa an der General-Guisan- oder an der Zürcherstrasse, von «selbstverwalteten Häusern» sprechen, sind diese «Selbstverwalter» in Tat und Wahrheit Besetzer und Besetzerinnen. Diese wurden durch Bruno Stefanini und werden heute durch die Verwalterin seines Erbes, die SKKG, bis auf Weiteres noch toleriert.

Die umfänglichen Sanierungen laufen

Die Immobilienverwaltungsfirma der SKKG ist die Terresta AG. Diese hat vor zehn Jahren mit den Liegenschaften Steinberggasse 1-5 begonnen, erste Altstadthäuser zu sanieren. Total wurden seither bereit 80 Wohnungen saniert. Den bisherigen Mietern wurde eine Zwischenlösung und auch die Möglichkeit geboten, nach dem Umbau zu einem moderat höheren Mietzins wieder in ihre angestammten Wohnräume zurückzukehren. 75 Prozent der Bewohnenden haben davon Gebrauch gemacht. Mittelfristig sollen sukzessive weitere SKKG- Liegenschaften von sanft saniert bis abgerochen und neu aufgebaut werden, dort wo eine Sanierung keinen Sinn mehr macht.

Die von Sanierungen betroffenen Mieter und Mieterinnen würden jeweils weit im Voraus informiert, schreibt Hans Rupp, Geschäftsführer der Terresta AG auf Anfrage. Mit den Besetzern der erwähnten Liegenschaften wurde auf deren Begehren hin das Gespräch gesucht, um die Nutzung der Liegenschaften zu klären. «Im letzten Herbst haben die Besetzer und Besetzerinnen unser Angebot, unbefristete Gebrauchsleihverträge für die besetzen Häuser zu vereinbaren, aber ausgeschlagen. Trotzdem sind wir weiterhin interessiert an einem gemeinsamen Austausch. Dies haben wir den Besetzerinnen und Besetzern entsprechend signalisiert.»

Deren ultimative Forderung sei jedoch, dass man ihnen die besetzten Liegenschaften integral schenken würden. «Dies sprengt die Grenzen unseres Handlungsspielraums schon nur aus rechtlichen Gründen, denn das Vermögen der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ist zweckgebunden», so Rupp. Gemäss dem Terresta-Geschäftsführer steht indes fest, dass der Wohnraum nach einer möglichen Sanierung nicht mehr kostenlos zur Verfügung gestellt werden könnte, dass künftig aber die Mieten auch dieser SKKG-Wohnungen unter dem marktüblichen Preisen liegen würden.

Die Furcht auf der Strasse zu landen

Von Seiten der Selbstverwalter, die als «Häuservernetzung Winterthur» gegen die «Vertreibung» kämpfen, werden die zuerst auf ein bis drei Jahre befristeten, in einem entgegenkommenden Schritt der Terresta unbefristeten Gebrauchsleihverträge nicht akzeptiert. In einer Stellungnahme argumentieren sie damit, dass sich Bruno Stefanini seinerseits keinen Deut um den Unterhalt seiner Immobilien gekümmert habe: «Hätten wir die von uns bewohnten Häuser nicht auf eigene Kosten unterhalten, wären sie längst zerfallen. Wir möchten angesichts der Wohnungsnot den von uns erhaltenen, günstigen Wohnraums retten.»

Gemäss der Besetzer und Besetzerinnen ist es zwar sympathisch, wenn die SKKG beziehungsweise die Terresta nach einer Sanierung die bisherigen Bewohner in die Wohnungen zurücklässt – vorausgesetzt diese können sich die höheren Mieten bei gleichzeitig sinkenden Nebenkosten leisten. Aber: «Uns Bewohnenden der selbstverwalteten Stefanini-Häuser wurde ein solches Angebot aber nicht unterbreitet. Die SKKG/Terresta möchte uns auf die Strasse stellen.»

Noch sind Kompromisse möglich

Sowohl die Hausbesetzer als auch die Terresta Immobilien- und Verwaltungs AG unterstreichen, dass sie weiterhin an einer konstruktiven und fairen Lösung, beziehungsweise an einem gemeinsamen Austausch interessiert sind. Hans Rupp versichert: «Wir bewirtschaften unser Portfolio nachhaltig und sozial verantwortungsvoll, daran halten wir fest.»

Für ein mögliches Entgegenkommen der Liegenschaftsbesitzerin SKKG müsste aber, aus neutraler Sicht gesehen, die «Häuservernetzung Winterthur» von ihren teils radikalen Forderungen, etwa einer Schenkung, abkommen.

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