Publiziert 08. Aug. 2022, 15:58
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Corrado Filipponi zu den Gefahren beim Wandern

«Die Vernunft gehört in jeden Wanderrucksack»

Der Winterthurer Reise-Journalist Corrado Filipponi ist während der Pandemie durch die ganze Schweiz gewandert. Der 54-Jährige sagt, was für möglichst gefahrloses Wandervergnügen beachtet werden muss.

G
George Stutz


Berichte über tragische Wanderunfälle mit Todesfolge haben in den letzten Wochen merklich zugenommen. Vor allem das Alpsteingebiet mit dem beliebten Ausflugsziel Aescher stand diesbezüglich regelmässig im Fokus. Zuletzt stürzte am Nationalfeiertag eine 31-jährige Mutter mit ihrer fünfjährigen Tochter zwischen Aescher und Altenalp in den Tod.

Überschätzen viele ihre Wanderfähigkeiten oder sind zurzeit einfach mehr Wandernde denn je in den Berggebieten unterwegs, was zu zusätzlichen Gefahrenmomenten führt? 84XO hat den Winterthurer Reise-Journalisten Corrado Filipponi befragt. Der 54-Jährige war während der Pandemie von seiner Haustüre weg rund 2000 Kilometer durch die Schweiz gewandert und bewältigte dabei 65’000 Höhenmeter. Der besagte Weg zum Aescher zählt allerdings nicht zu den zuletzt absolvierten Wanderungen Filipponis, wie er sagt: «Die Gegend von der Ebenalp zum Seealpsee oder den Säntis kenne ich besser. Von Bekannten, die zuletzt beim Aescher waren, weiss ich aber, dass der Wanderweg dort nicht explizit als gefährlich eingeordnet werden kann. Es ist im steinigen Gebirge aber immer so, dass ein Fehltritt einen Sturz auslösen kann und man mit dem Kopf beispielsweise auf einem Stein aufschlagen kann.»

Mehr Wanderer führen zu mehr Unfällen

Die Häufung von Wanderunfällen ordnet Filipponi vor allem dem momentanen Boom zu, die Ferien in der Schweiz zu verbringen und sich in der Natur zu bewegen. «Es sind zurzeit sehr viele Wanderer unterwegs, dies trägt deshalb auch zur Häufung von Unfällen bei. Denn, mehr Wanderer bedeute auch, dass mehr Personen schlecht ausgerüstet oder einer der entsprechenden Wanderung nicht angepassten Fitness unterwegs sind.»

Auch er habe auf seinen Wanderungen immer wieder gestaunt, dass selbst auf Höhenwegen Leute in leichten Schuhen, ja sogar Flip-Flops unterwegs seien, oder offensichtlich nicht über eine genügende Trittsicherheit verfügten, sagt Corrado Filipponi. Aus seiner Sicht ist es zwingend, sich vor einer Wanderung genügend zu informieren. «Wanderführer gibts zu kaufen oder sind online einsehbar. Dabei wird in sechs Schwierigkeitsstufen von T1 (leicht mit gut gebahnten Wegen ohne Absturzgefahr, gelb markiert, auch mit Turnschuhen geeignet) bis T6 (meist weglos, sehr exponiert mit Kletterstellen und meist nicht markiert) unterschieden. Wichtig ist, die eigenen Fähigkeiten richtig ein- und nicht zu überschätzen und aufgrund dessen die Routen zu planen.»

Gute Ausrüstung und Rücksichtnahme

Weiter appelliert Filipponi aber auch an die Verantwortung sich selbst und den anderen gegenüber: «Rücksicht nehmen auf andere, wenn möglich keine Steine auslösen oder zur Seite kicken, um weiter unten Wandernde zu gefährden, sich aber auch nicht zu schade sein, umzudrehen, wenn die Herausforderungen nicht mehr dem Können entsprechen, sind neben einer guten Ausrüstung wichtige Voraussetzungen für ungetrübten Wandergenuss.» Der Wanderexperte empfiehlt denn, neben gutem, festem Schuhwerk, stets warme Kleidung inklusive einer Kappe und ein trockenes T-Shirt in den Rucksack zu packen. Je nach Witterung seien auch ein Sonnenhut, Sonnencreme, ein dünnes und ein dickeres Paar Ersatzsocken, Pflaster für eventuelle Blasen, bei Kniebeschwerden Wanderstöcke und etwas Proviant wie salzhaltige Nahrung und genügend Wasser unentbehrlich. Dazu auf genügend Akku im Smartphone achten, um damit nicht nur unvergessliche Fotos zu schiessen, sondern bei Notsituationen einen Hilferuf absetzen zu können. Fürs Handy empfiehlt es sich zudem, vorzeitig Apps, etwa mit der entsprechenden Wanderkarte, runterzuladen.

«Natürlich sind die Vorkehrungen immer der bevorstehenden Wanderung anpassbar. Für eine einfache, kurze Familienwanderung der Töss entlang brauchts nicht dieselbe Ausrüstung wie für einen Ausflug zum Sternenberg und von dort auf die Hulftegg, die Strahlegg, das Schnebelhorn oder eben eine Säntis- oder Alpsteintour. Immer im Gepäck dabei sein sollte die nötige Ration Vernunft», so Filipponi. Man bewältige nach einer ersten Joggingrunde ja auch nicht gleich einen Marathon. Man solle am Morgen unter Berücksichtigung der aufgeführten Punkte einfach mit einem rundum guten Gefühl loslaufen können: «Das sind die besten Voraussetzungen, um einen unvergesslichen und möglichst unfallfreien Wandertag erleben zu können.»

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