Publiziert 21. Dez. 2022, 06:30
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Vor zehn Jahren sollte die Welt untergehen

Die Katastrophe, die nie stattfand

Am 21. Dezember 2012, also vor genau zehn Jahren, hätte die Welt untergehen sollen. Diese düstere Prophezeiung kursierte zumindest im Web. Markus Griesser blickt zurück - auf ein Ereignis, das ihn als Leiter der Sternwarte Eschenberg bewegte.

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red
Ein grösserer Asteroid fliegt nahe an der Erde vorbei. Das Foto-Teleskop zeichnet wegen seiner schnellen Bewegung eine Strichspur auf.

Ein grösserer Asteroid fliegt nahe an der Erde vorbei. Das Foto-Teleskop zeichnet wegen seiner schnellen Bewegung eine Strichspur auf.
Markus Griesser / Sternwarte Eschenberg

Genau zehn Jahre ist es her, als die Welt hätte untergehen sollen. Im Zentrum der düsteren Prophezeiungen stand damals der Maya-Kalender, der angeblich am 21. Dezember 2012 zu Ende gehen sollte. Zumindest wurde dieses Szenario damals in zahlreichen Medien thematisiert, auch bei uns. Im Internet wurde die Geschichte hochgekocht und hinterliess gerade bei Jüngeren ein mulmiges Gefühl. Martin Griesser, Leiter der Sternwarte Eschenberg, erinnert sich – an ein Ereignis, das ihn wochenlang auf Trab hielt.

Da das in Kulturen und Religionen verwendete Zeitsystem Kalender zwar stets einen definierten Beginn, aber nie ein Ende hat, blieb offen, warum ausgerechnet ein hoffnungslos veralteter und weitgehend unbekannter Kalender einer untergegangenen mittelamerikanischen Hochkultur auch für uns das letzte Stündlein auslösen sollte. Aber die damals übereifrigen Endzeit-Protagonisten legten noch ein Scheit in die brodelnde Gerüchteküche mit der Behauptung nach, auch ein riesiger Asteroid mit dem Namen «Niburu» sei im Anflug auf die Erde. Er werde uns mit seinem Einschlag in einen nuklearen Winter befördern. Natürlich wurde nicht erwähnt, dass das enge internationale Beobachtungsnetzwerk, zu dem seit 1998 auch die Winterthurer Sternwarte mit ihren leistungsfähigen Teleskopen gehört, einen so grossen Himmelskörper selbst in einer Distanz von mehreren hundert Millionen Kilometern schon Jahre vor seinem Einschlag entdeckt hätte. Aber eben: Finstere Gesellen in der NASA, so wurde behauptet, hielten nähere Infos zum anfliegenden Erdenstürmer zurück. Und als wäre damit noch nicht genug fabuliert, kursierten 2012 zusätzliche Gerüchte, alle Planeten stünden kurz vor Weihnachten in einer Reihe, die Erdachse werde kippen… Zudem drohe ein heftiger Sonnensturm.     

Bereits Monate vor dem angeblichen Welt-Ende wurde ich damals von beunruhigten Medienkonsumenten kontaktiert. In vielen Vorträgen auf der Sternwarte und auch in externen Veranstaltungen erläuterte ich die faktischen Zusammenhänge, beantwortete in angeregten Diskussionen unzählige Fragen und konnte etliche verunsicherte Gemüter mit gut belegten Argumenten etwas beruhigen. Auf der Sternwarte servierten wir im adventlichen Vorfeld jeweils heissen Tee und trockene Weihnachts-Guetzli, die wir kurzerhand in «Maya-Länderli» umgetauft hatten: Der skurrile Name passte eigentlich ganz gut in die absurde Situation.

Natürlich ging der 21. Dezember still vorüber: Nichts, aber auch gar nichts, was auch nur im Entferntesten an einen Weltuntergang hätte erinnern können, ist damals geschehen. Der abendliche Sternenhimmel präsentierte sich mit den paar Planeten und dem zunehmenden Mond gewohnt attraktiv.  Zurück blieb für mich − und daran erinnere ich mich auch nach zehn Jahren noch ganz genau − eine enorme Müdigkeit, die über die Feiertage hinaus anhielt: Die vielen Anfragen von in- und ausländischen Medien und auch der Rummel einer breiteren Öffentlichkeit waren doch auch mir stark an die Substanz gegangen.

Ich erinnere mich noch lebhaft an einen jungen Mann aus einem Nachbarkanton, den ich über Wochen hinweg in Dutzenden (!) von Telefonanrufen mit immer neuen «Fakten», die er im unerschöpflichen Web beim nächtlichen Surfen aufgeschnappt hatte, immer wieder zu beruhigen versuchte. Über Umwege konnte ich Angehörige dazu bewegen, dass sie ihn kurz vor dem 21. Dezember in die Notfall-Psychiatrie begleiteten. Denn er steigerte sich immer mehr in eine Aufregung hinein, der mir ernsthafte Sorgen bereitete. Das schönste Geschenk für mich war, als ich kurz vor Weihnachten von ihm einen letzten Anruf mit deutlich veränderter Stimmlage bekam, er mache sich nun keine Sorgen mehr. Ausschlaggebend ist damals wohl gewesen, dass am 21. Dezember, nichts, aber auch gar nichts Besonderes passiert ist…

Von Markus Griesser

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