Publiziert 11. Jan. 2023, 08:18
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Neuerung im Strassenverkehr

«Das wäre auch gegenüber dem Taxigewerbe ein No-Go»

Weshalb können in Winterthur Fahrgemeinschaften nicht vom Bundesratsbeschluss profitieren? 84XO hat nachgefragt.

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George Stutz

Ginge es nach dem Bundesrat, so könnten Fahrgemeinschaften seit Jahresbeginn von Privilegien profitieren. Kreiert wurde ein neues Schild mit einem Mitfahrgemeinschaftssymbol (siehe Front-Hauptbild), das in Kombination mit dem Wort «ausgenommen» das Befahren von Busspuren oder umgehen von Fahrverboten ermöglichen sollte. Massgebend wäre sodann die auf dem Symbol angegebenen Mindestanzahl von Mitfahrenden. Verfügt ein Fahrzeug weniger als die beispielsweise angegebenen «3+» Sitzplätze, so wäre die Maximalanzahl Plätze ausschlaggebend. Theoretisch könnte also ein mit zwei Personen bestückter Zweiplätzer-Wagen sodann auch eine «3+»-Busspur befahren.

Mit diesen und weiteren Vorgaben zur Förderung des «Carpoolings» erhofft sich der Bundesrat einen Anreiz, damit die Fahrzeuge personell besser ausgelastet werden und dadurch weniger Autos die Strassen verstopfen und zudem ein Beitrag an den Klimaschutz geleistet wird. Eine Idee, die zwar vielerorts auf offene Ohren stösst, die sich jedoch, bis auf wenige Ausnahmen etwa im Tessin oder in Genf, nicht umsetzen lässt.

Es fehlt an Kapazitäten und am Nutzen

Auch in Winterthur fehlen die Kapazitäten, die nötigen Fahrspuren, der Platz, wie es auf schriftliche Anfrage bei der Stadt Winterthur und beim Tiefbauamt heisst. So habe sich der Stadtrat im Rahmen der Vernehmlassung mit dem Thema befasst und das Tiefbauamt eine mögliche Umsetzung grob geprüft. Das Fazit ist eindeutig: In Winterthur wird das Symbol «Mitfahrgemeinschaften» voraussichtlich kaum zum Einsatz kommen.

Aus städtischer Sicht schätzt der Stadtrat den Nutzen von Mitfahrgemeinschaften als gering ein. Mehr noch bestünde Gefahr, dass damit die Attraktivität des motorisierten Individualverkehrs (MIV) gesteigert würde, wie es in der entsprechenden Stellungnahme heisst. Der Stadtrat befürchtet weiter, dass die Förderung von Mitfahrgemeinschaften dem übergeordneten Ziel «Stadtverträgliche Mobilität zu ermöglichen» des Legislaturprogramms des Stadtrates, der Räumlichen Entwicklungsperspektive Winterthur 2040, dem Netto-Null-Ziel wie auch dem Gesamtverkehrskonzept des Kantons Zürich widersprechen würde.

Der Stadtrat schreibt weiter: «Aufgrund dessen unterstützt die Stadt Winterthur die Mitbenutzung der Busfahrbahn durch Mitfahrgemeinschaften nicht. Mit der Öffnung des ansonsten dem ÖV vorbehaltenen Fahrbahnstreifens für Mitfahrgemeinschaften wird im städtischen Raum Mehrverkehr generiert und der ÖV ausgebremst. Die Massnahme schmälert die Attraktivität des städtischen ÖV-Angebots: Es kann zu Stau und folglich zu mehr Verspätungen beim ÖV kommen. Das ÖV-Angebot soll jedoch gemäss der Räumlichen Entwicklungsperspektive Winterthur 2040 ausgebaut und gefördert werden. Die Mitbenutzung der Busfahrbahn durch den MIV verfehlt dieses Ziel.»

Busbevorzugung würde aufgehoben

Für das Tiefbauamt wäre das Öffnen von Busspuren oder eine Signalisation bei Parkplätzen an publikumsintensiven Orten grundsätzlich denkbar. Das Amt schliesst sich aber der Meinung des Stadtrates an, dass auf den wenigen vorhandenen Busspuren der Stadt eine eigene Carpooling-Spur aus strategischer Sicht nicht erwünscht sei, zumal die Busbevorzugung dadurch beeinträchtigt würde, dies auch im Hinblick von weiter zunehmenden Taktdichten seitens Stadtbus. Neben einer grossen Herausforderung punkto der technischen Machbarkeit (separate Signalgeber für den MIV und Knotensteuerung durch Mehrbelastung der Busspuren), führt die schwierige Überprüfbarkeit der Einhaltung des Regimes an, weshalb Winterthur vorderhand auf Carpooling-Fahrspuren und Parkplatzprivilegien für Fahrgemeinschaften verzichten werde, wie das Tiefbauamt schreibt.

Auch Taxis müssen sich weiterhin auf den Normalspuren durch den Verkehr quälen.

Auch Taxis müssen sich weiterhin auf den Normalspuren durch den Verkehr quälen.
George Stutz

Auch Taxi-Unternehmer Thommy Schönenberger kann dem Fahrgemeinschaften-Vorstoss des Bundesrates nicht viel abgewinnen: «Der Bund stellt sich das schon ein wenig einfach vor.» Würde Winterthur die Vorgaben des Bundes umsetzen und private Fahrzeuge auf den Busspuren gewähren, wäre dies für Schönenberger ein Affront gegenüber dem Taxigewerbe, denn: «Seit über 30 Jahren nehme ich immer wieder einen neuen Anlauf, dass die Taxis die Busspuren benutzen dürfen. Doch ich finde bei der Stadt Winterthur seither kein Gehör.»

Selbst für Taxis kein Platz auf Busspuren

Schönenberger rechnet vor: «Es ist bereits seit mehreren Jahren so, dass wir die Kundschaft ab 16 Uhr in der Region Töss nicht mehr fristgerecht bedienen können.» Der Fahrer brauche leer rund 25 bis 30 Minuten bis nach Töss. «Wenn dann der Kunde so viel Geduld hat zu warten und dann ‹nur› in der Region Töss wieder aussteigt, hat der Fahrer etwa eine Stunde für eine Zwölffranken-Fahrt aufwenden müssen. So gesehen müssen wir, ob leer oder mit weniger als drei Personen, die Busspuren benützen dürfen. Laut Stadtbus würden jedoch der Busverkehr nur schon mit einer Busspurenbenutzung durch Taxis zusammenbrechen.»

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