Publiziert 25. März 2022, 15:45
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Matthias Schöni leistet mit «Licht im Osten» Flüchtlingshilfe

«Das Mädchen war nicht mehr fähig zu sprechen»

Matthias Schöni, Geschäftsleiter von «Licht im Osten», reiste kürzlich für einige Tage nach Rumänien und Moldawien, um die Partner des Winterthurer Missions- und Hilfswerks zu besuchen. Vor Ort erlebte er viel Solidarität mit den ukrainischen Flüchtlingen, sah aber auch deren Leid.

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Michael Hotz
Auf seiner Tour besuchte Matthias Schöni (M.) auch das Kindercamp im rumänischen Cimislia, in dem aktuell Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht sind.

Auf seiner Tour besuchte Matthias Schöni (M.) auch das Kindercamp im rumänischen Cimislia, in dem aktuell Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht sind.
zvg

Diese neun Tage wird Matthias Schöni wohl nie mehr vergessen. Der Missions- und Geschäftsleiter von «Licht im Osten» besuchte vom 2. bis 10. März in Rumänien und Moldawien die Partner der in Winterthur beheimateten christlichen Wohltätigkeitsorganisation. Diese helfen den Flüchtlingen aus der Ukraine. 2500 geflohene Menschen – hauptsächlich ältere Menschen und Mütter mit ihren Kindern – beherbergt «Licht im Osten» jede Nacht.

Von Hilfsbereitschaft berührt

Was Schöni an Positivem in Erinnerung bleibt, ist die grosse Solidarität der Rumäninnen und Moldawier. «Die herzliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft hat mich fasziniert und berührt.» Zuerst reiste er bei seinem neuntägigen Besuch in die rumänische Grenzstadt Sighet. Verschiedene Akteure der Flüchtlingshilfe sind dort vor Ort, «Licht im Osten» hilft in zwei Freikirchen und einem Ferienhaus für Sommerlager, die nun als Flüchtlingszentren genutzt werden. «In den Medien liest man viele schöne Botschaften aus Polen, wie sehr dort den Kriegsflüchtlingen geholfen wird. Das Gleiche habe ich in Rumänien erlebt», erzählt er.   

Fast noch grösser nahm Schöni die Solidarität in Moldawien wahr, wohin er nach dem Aufenthalt in Rumänien reiste. «Die Moldawierinnen und Moldawier geben einfach alles.» Im Südosten des Landes beobachtete der Geschäftsführer des Winterthurer Missions- und Hilfswerks, wie täglich bis zu 5000 Menschen aus der Ukraine die Grenze nach Palanca überquerten. Das östlichste Dorf der Republik Moldau ist für viele Flüchtlinge aus Odessa und aus der besonders umkämpften Stadt Mariupol die erste Anlaufstelle Richtung Westen. «Als ich das Durchgangszentrum an der Grenze besuchte, war es sehr kalt. Viele Mütter standen mit ihren Kindern lange draussen, weil erst ein Zelt als Unterschlupf aufgebaut war», erinnert sich Schöni.

Vom Krieg gezeichnetes Mädchen

Matthias Schöni ist schon seit 14 Jahren Leiter von «Licht im Osten». Entsprechend habe er schon viel Not, Leid und Ungerechtigkeit gesehen. «Krieg ist noch schrecklicher.» Besonders unter die Haut ging ihm ein kurzes Treffen mit einem zwölfjährigen Mädchen aus Dnipro. «Es war nicht mehr fähig zu sprechen. Noch heute sehe ich den traurigen, starren Blick des Teenagers vor mir.»

Die Mutter des Mädchens, die mit ihren beiden Töchtern geflohen sei, habe ihm unter Tränen erzählt: «Meine Kinder sollen dieses Elend von Bomben, Tod und Terror nicht weiter erleben müssen.» Für Schöni steht das Leid dieser Familie exemplarisch dafür, wie kriegsgeschädigt gewisse Ukrainerinnen und Ukrainer sind. «Tausende von Familien werden auseinandergerissen und haben Bombardierungen erlebt.»

Car bringt Flüchtlinge in die Schweiz

Rumänien und insbesondere Moldawien sind für die Flüchtlinge bloss die Drehscheibe, um danach weiter in ein anderes europäisches Land zu fliehen. Ein Grossteil verfügt über einen Kontakt, um bei Verwandten oder Bekannten unterzukommen. «Aber etwa 20 Prozent der Geflüchteten haben kein Geld und wissen nicht, wohin sie gehen sollen», sagt Schöni. «Licht im Osten» hat deshalb reagiert und bringt mit einem eigenen Car Flüchtlinge in die Schweiz. Letzten Donnerstag, 24. März, kam der Reisebus zum zweiten Mal in Zürich an.

Neben der Flüchtlingshilfe vor Ort und in der Schweiz leistet die Organisation auch Soforthilfe in der Ostukraine und beherbergt viele Flüchtlinge im Westen des Landes. Von Winterthur aus fahren immer wieder Lastwagen mit Nothilfsgütern an Bord nach Muchatschewe im ukrainischen Westen, nahe der Grenze zu Ungarn. Dort werden die Güter umverteilt auf andere Lastwegen und kleinere Fahrzeuge, in denen ukrainische Fahrer sie in den kriegsverzehrten Donbass bringen. In diesem Monat hat das Hilfswerk laut Schöni bereits 14 Lastwagen mit total 210 Tonnen an Hilfsgütern liefern können. Das meiste davon seien Lebensmittel.

Winterthurer Unterstützung erfuhr auch das Militärspital in der südukrainischen Stadt Saporischschja. Dort ist ein Rettungswagen des Kantonsspitals Winterthur im Einsatz, das «Licht im Osten» vermittelt hat.

Kritik am Westen

Die grosse Solidaritätswelle und die vielen Spenden in den westeuropäischen Ländern sind für Schöni ein schönes Zeichen von Menschlichkeit, sie haben für ihn aber auch einen bitteren Nachgeschmack. «In der Ukraine herrscht seit acht Jahren Krieg. Der Westen hat es verpasst, den Konflikt besser anzugehen», kritisiert er. Er habe den Angriffskrieg Russlands kommen sehen. «Man hätte Putin gut zuhören müssen, aber das hat man nicht gemacht.» Weil Schöni mit der Invasion gerechnet hatte, sorgte «Licht im Osten» bereits im Januar vor. Die Organisation stattete damals ihre Partner in der Ostukraine mit Notvorräten im Wert von 100'000 Euro aus. «Diese waren bei Kriegsausbruch ein Segen und sind es bis heute noch.»

Die Partner im Westen der Ukraine will Schöni bald wieder persönlich treffen. Ein Besuch ist für Ende April geplant. Obwohl die humanitäre Lage immer schlimmer wird, weiss er um den Durchhaltewillen der Ukrainerinnen und Ukrainer. Dieser habe ihn bei den Flüchtlingen in Rumänien und Moldawien sehr imponiert: «Sie ergeben sich nicht ihrem Schicksal. Sie wollen arbeiten und helfen. Und irgendwann wollen sie wieder nach Hause.»

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