Publiziert 29. Aug. 2022, 08:24
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Winterthurerin wird 100

«Dä Künzle muess nid cho, ha meh Freud am Guetschi»

Edith K. feiert heute ihren 100. Geburtstag. 84XO hat die Winterthurerin in ihrer Wohnung besucht, wo sie seit 70 Jahren lebt.

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George Stutz
Edith K. (r.) stösst mit ihrer Vertrauensperson Sandra Corsi auf ihren 100. Geburtstag an.

Edith K. (r.) stösst mit ihrer Vertrauensperson Sandra Corsi auf ihren 100. Geburtstag an.
George Stutz

«Ich chume grad» ruft Edith K. aus einem Nebenzimmer ihrer Dreizimmerwohnung am Heiligberghang, in der sie seit 70 Jahren wohnt. Aufgewachsen war die am 29. August 1922 geborene Winterthurerin an der Jonas-Furrer-Strasse. «Da wohnten nur Eisenbähnler, die Häuser an der Irchelstrasse bestanden noch nicht, da konnten wir im Winter bis zu den SBB-Gleisen runterschlitteln», erzählt sie, nachdem sie mit ihrem Rollator ihre Stube betreten, sich auf dem Sofa niedergesessen und kurz an ihrem Geburtstagssekt genippt hatte.

«Ja», kichert sie, der Stadtpräsident habe sie angerufen und heute zu ihrem Geburtstag vorbeikommen wollen, aber: «Dä Künzle muess nid cho, ha meh Freud am Guetschi.» Ihre Augen funkeln schelmisch. Nicht durchwegs eine Brave gewesen zu sein und viel lachen, nennt sie denn auch einen der Gründe, weshalb sie mit 100 Jahren geistig noch so fit ist. Geschenke mit Ausnahme des städtischen Gutscheins möchte sie auf keinen Fall, viel lieber wird sie, die einst verheiratet war, aber kinderlos blieb, ihre Liebsten um sich haben und zu einem Essen ein paar Tage nach ihrem Geburtstag einladen.

Geburtstagsessen bei den Lieblingswirten

Bereits einige Tage davor möchte sie ihre Wohnung im zweiten Obergeschoss verlassen – ohne Lift ein nicht ganz einfaches Unternehmen. «Aber» sagt sie, «ich möchte im Restaurant dann eine Schöne sein und deshalb zum Coiffeur gehen.» Und an ihrem grossen Einladungstag will sie es sich nicht nehmen lassen, selbstständig am Rollator die steile Strasse hinunter zur Brasserie Rössli an der Technikumstrasse zu gehen. Den Wein und das Menü habe sie mit den beiden Wirten Carmine und Bruno Bernardo bereits ausgewählt, verrät sie: «Die sind grossartig, rufen mich auch sonst immer wieder an und bringen mir in regelmässigen Abständen und eigenhändig ein kleines Menü in meine Wohnung.»

Carmine Bernardo hatte ihr auch schon angeboten, sie im Rollstuhl einmal durch die Altstadt zu schieben, wo sie schon eine Ewigkeit nicht mehr war. Edith K. winkt ab: «Ich habe ja das Barockhäuschen und andere Blicke auf die Stadt hier in meiner Wohnung.» Sie zeigt auf die Bilder in ihrem Wohnzimmer und ergänzt: «Ich möchte gar nicht sehen, was sich in Winterthur in den letzten Jahren alles verändert hat. Ich möchte die Stadt so in meinem Gedächtnis behalten, wie ich sie wahrgenommen hatte, als ich noch durch die Gassen laufen konnte oder als ich bis vor zehn Jahren mit meinem schnittigen Honda ausgefahren bin.»

Ins Alters- und Pflegeheim in die Ferien

Unterwegs war sie auch vor zwei Jahren, als es nach zwei gut überstandenen Corona-Infizierungen zur Reha ins Alters- und Pflegeheim Böndler nach Bauma ging. «Wir dachten, dass es ihr dort gefallen und sie dann auch gleich dort ihren Lebensabend unter etwas einfacheren Umständen geniessen könnte als in ihrer Wohnung», erinnert sich Sandra Corsi, die sich regelmässig liebevoll um Edith K. kümmert.

Die Seniorin schwärmt heute noch vor allem von der hochstehenden Küche im Böndler. Trotzdem kehrte sie damals zurück nach Winterthur. «Ich bin jetz so lange hier und möchte nicht noch umziehen.» Kurz vor dem Abschied verrät die Jubilarin dann doch noch einen Geburtstagswunsch: «Gerne würde ich dieses Jahr noch einmal ein paar Tage nach Bauma in die Ferien fahren.»

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