Publiziert 20. Mai 2022, 08:00
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Oxana Orel berät Flüchtende

«Als ukrainisch sprechende Russin will ich einfach helfen»

Die gebürtige St. Petersburgerin Oxana Orel berät im Treffpunkt Vogelsang Flüchtende aus der Ukraine. Für die Kunstmalerin ist es selbstverständlich, sich um die Alltagssorgen dieser Menschen zu kümmern.

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George Stutz
Oxana Orel gibt dem vierfachen Vater wertvolle Tipps für den Alltag in Winterthur mit.

Oxana Orel gibt dem vierfachen Vater wertvolle Tipps für den Alltag in Winterthur mit.
George Stutz

Oxana Orel wohnt im Thurgau, arbeitet in Winterthur und ist in ihrer Freizeit Kunstmalerin. «In St. Petersburg geboren, bin ich zwar Russin, besitze aber seit Jahren den Schweizer Pass», erklärt die 50-Jährige. Um besuchshalber in ihre Heimat reisen zu können, benötigt sie deshalb jeweils ein Visum. Im letzten Herbst beantragte sie ein solches, um im Frühjahr nach Corona ihre Familie wiedersehen zu können. Rund ein halbes Jahr später, am 24. Februar, wurde ihr die beantragte Einreiseerlaubnis zugestellt. «Exakt an dem Tag, als die russischen Truppen in der Ukraine einmarschiert waren. Obwohl ich meine Liebsten gerne wieder einmal gesehen hätte, ist die Reiselust einer grossen Wut und Ohnmacht gewichen», so Orel.

Unverständnis und Fassungslosigkeit

Dass die Armee ihres Volkes in das Land ihres Vaters einmarschiert war und da wahllos ganze Städte und deren Bewohner vernichtete, verurteilt sie aufs Äusserste und kann es nicht verstehen: «Ich habe auch hier in der Schweiz viele ukrainische und russische Freunde und Freundinnen, wir hatten und haben immer eine sehr schöne und vor allem total unpolitische Beziehung zueinander. Auch wenn es zuvor schon einige politische Spannungen zwischen den beiden Völkern gab, so wurden nun von einem Tag auf den anderen auch Keile zwischen die beiden Völker geschlagen, obwohl ja nicht wir Bewohnenden aus Russland und jene der Ukraine in den Krieg zogen, sondern nur deren Befehlshaber.»

Dass auf beiden Seiten so viele junge Männer getötet werden, ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht werden, viele Zivilisten so grausam sterben müssen und Millionen zur Flucht gezwungen werden, macht Oxana Orel fassungslos: «Mir war sofort klar, dass ich als Russin ein Zeichen setzen und den flüchtenden Ukrainerinnen und Ukrainern helfen wollte.» So stiess sie auf die Ausschreibung des Treffpunktes Vogelsang, das Ukrainerinnen und Ukrainern bei der Integration betreffend Alltagsproblemen, dem Bildungssystem, dem Suchen von Arbeitsstellen, der Zuständigkeit von Ämtern und Institutionen oder der Vermittlung von Deutschkursen hilft.

Flucht im Kugelhagel

Regelmässig empfangen Oxana Orel und weitere Mitarbeitende von Promin – eine Organisation, die Ukraine-Flüchtlingen bei der Integration hilft – im Aufenthaltsraum des Treffpunkts an der Unteren Vogelsangstrasse 2 Hilfesuchende. So auch am letzten Mittwochmorgen. «Letztes Mal waren gleichzeitig zwölf Ukrainerinnen und Ukrainer hier, heute sind es nur zwei», erzählt Orel und stellt ihre beiden Besucher vor. Ein junger Familienvater und seine Schwägerin, beide aus der stark umkämpften, von den Russen eingenommenen, nahe der Krim gelegenen Seehafenstadt Cherson. Mitte März ergriffen sie zusammen mit weiteren Familienangehörigen in zwei Autos die Flucht aus der von Bomben zerstörten Stadt. «Wir waren einen Monat unterwegs, kamen in den Kugelhagel russischer Soldaten, mussten kilometerlang über Feldwege von Stadt zu Stadt flüchten, ehe wir in Moldawien sicher waren», erzählt der Ukrainer. Als vierfacher Vater erhielt er die Erlaubnis, sein Land zu verlassen. Über Umwege gelangten die Flüchtenden nach Polen und etwas später nach Winterthur.

Hilfesuchende Erwachsene, traurige Kinder

Ein kirchliches Begegnungszentrum half ihnen schliesslich, in der Eulachstadt eine Bleibe zu finden. Heute leben die neun Familienangehörigen in einem Haus in Seen. Die Kinder besuchten letzte Woche erstmals Kindergarten und Schule und die Erwachsenen suchen Arbeitsstellen. Auch deshalb sind sie heute im Treffpunkt Vogelsang. «Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um ihnen beispielsweise beim Erstellen von Bewerbungen zu helfen», erklärt Oxana Orel.

Natürlich werde aber auch über ihre Sorgen, oder auch Erfahrungen in einer für sie in vielen Belangen fremden Welt gesprochen. Auf Ukrainisch fragt sie die beiden, was sie in der Schweiz am meisten beeindrucke. Sie seien unter anderem verblüfft, dass in einem friedfertigen Land wie die Schweiz, jedes Haus mit einem Luftschutzbunker versehen sei, antworten sie und erwähnen zudem die grosse Hilfsbereitschaft, auf die sie gestossen seien. Sie hoffen nun einfach, dass der Krieg so rasch wie möglich gestoppt werde und ihre Stadt und auch die Krim unter ukrainischer Flagge daraus hervorgehen werde. Spätestens dann wollen sie in ihre Heimat zurückkehren.

«So unfassbare Geschichten zu hören und in traurige, von den schlimmen Erlebnissen gezeichnete Kindergesichter zu schauen, geht mir emotional sehr nahe. Daher freue mich jedes Mal, wenn ich diesen Menschen ein paar Alltagssorgen nehmen kann. Und sei es nur, ihnen Tipps zu geben, wie sie für ihren Kinder etwas Ablenkung bieten können, wie die Müllentsorgung klappt oder wie lange sie mit ihren ukrainischen Autokennzeichen auf unseren Strassen verkehren dürfen», sagt Oxana Orel noch beim Abschied. Beim Kunstmalen wird auch sie selbst etwas Ablenkung finden und spätestens eine Woche später wieder mit neuem Elan ihren lobenswerten Anteil zugunsten der Geflüchteten leisten.

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