Publiziert 23. Juni 2022, 07:36
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Stadtbus-Sprecherin nimmt Stellung

300 Dieselkilometer Anfahrt für grünen Stadtbus-Auftrag

Für den Unterhalt der Trolleybus-Oberleitungen beschäftigte Stadtbus Winterthur nicht etwa ein lokales Unternehmen, sondern eines, das extra mit zwei Lastwagen aus dem deutschen Heidelberg angereist war. Eine Stadtbus-Sprecherin erklärt die Hintergründe.

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George Stutz
Nächtlicher Einsatz des Heidelberger Unternehmens am Etzbergkreisel in Seen.

Nächtlicher Einsatz des Heidelberger Unternehmens am Etzbergkreisel in Seen.
George Stutz

Sonntagmorgens um 4 Uhr am Etzbergkreisel in Seen. Blinklichter zucken durch die Nacht und markieren einen Arbeitseinsatz an Oberleitungen des Netzes von Stadtbus Winterthur. Die Fahrzeuge sind jedoch nicht jene in Stadtbus-Farben mit angehobener, grosser Arbeitsplattform, sondern zwei orangene Lastwagen und ein Lieferwagen, alle mit Heidelberger Kennzeichen.

Stadtbus Winterthur setzt auf umweltgerechte Trolleybusse und beschäftigt ausgerechnet ein Unternehmen, das von weither mit dieselbetriebenen LKWs heranfährt? 84XO hat bei Marlen Schellmann, Projektleiterin Marketing und Kommunikation bei Stadtbus Winterthur, nachgefragt.

Weshalb werden für normale Unterhaltsarbeiten nicht Ihre eigenen Spezialisten eingesetzt?

Marlen Schellmann: Stadtbus hat nur ein kleines Oberleitungsteam, welches die planerische Ebene abdeckt und vor allem kurzfristige Reparaturen und Unterhaltsarbeiten operativ ausführt. Für grössere Unterhaltsarbeiten – beispielsweise bei Neureglagen und bei Fahrleitungsersatz – reichen die internen Ressourcen nicht aus. Da diese Arbeiten nicht regelmässig anfallen, werden sie extern vergeben.

Sind die Deutschen trotz weiten Anfahrtswegen also einfach günstiger?

Es hat eine öffentliche Ausschreibung gegeben. Das Unternehmen, welches insgesamt das wirtschaftlich Günstigste ist, also nach Vergleich von Qualitätskriterien und Preis, hat den Zuschlag erhalten.

Spielt es keine Rolle, dass mit drei schwereren Fahrzeugen aus Heidelberg hin- und zurückgefahren wird, obgleich Stadtbus gerade mit den Trolleybussen auf Nachhaltigkeit setzt?

Stadtbus verfügt über zu wenige Einsatzfahrzeuge, um die aktuellen Arbeiten vornehmen zu können. Die vorhandenen Fahrzeuge sind aber ebenfalls im Einsatz.

Wie viele Unterhalt-Spezialisten sind noch bei Stadtbus, soll der Unterhaltsbereich künftig ausgelagert werden?

Derzeit verfügt Stadtbus über zwei Oberleitungsspezialisten, die aber punktuell durch weiteres ausgebildetes Werkstattpersonal unterstützt werden. Eine Auslagerung ist nicht vorgesehen, dagegen ist nach dem Ausbau der Oberleitung der Linien 5 und 7 der Bestand neu zu justieren.

  • Schweizer Unternehmen arbeitet im Batterie-Betrieb
    Das Schweizer Traditionsunternehmen Kummler + Matter AG hat landesweit nicht nur die meisten Trolleybus-Netze gebaut und ausgebaut, es bietet auch deren Unterhalt an. Dazu setzt das im zürcherischen Dällikon beheimatete Unternehmen auf Nachhaltigkeit.
    Im Bereich Trolleybus-Fahrleitungen arbeiten die Teams zu 80 Prozent mit Hybridfahrzeugen, die ein bis zwei Nachtschichten im reinen Batteriebetrieb funktionieren. Dies schont nicht nur die Umwelt, sondern auch die Nerven der Baustellen-Anwohner. Trotz solchen Pluspunkten gegenüber vielen Mitbewerbern zeigt Stephan Güpfert, Geschäftsführer der Kummler + Matter AG, Verständnis für den Stadtbus-Auftrag an ein Unternehmen aus dem Raum Heidelberg: «Solche Arbeiten unterstehen dem öffentlichen Beschaffungsrecht und werden über eine öffentliche Submission ausgeschrieben und vergeben. Wir haben den mehrjährigen Wartungsvertrag bei Stadtbus leider im letzten Jahr knapp verloren. Den Steuerzahler freut das natürlich, da der Wettbewerb dadurch grösser ist und die Preise tendenziell sinken. Wir als traditionelles Schweizer Unternehmen sind dadurch immer gefordert an unserer Effizienz zu arbeiten, was auch gut ist und ein Unternehmen langfristig fit hält.»
    Güpfert unterstreicht die gute Zusammenarbeit mit Stadtbus und hofft auf die Gelegenheit, im Zusammenhang mit den geplanten neuen Trolleybuslinien 5 und 7 seinen geräuschlosen und CO2-neutralen Turmwagen in Winterthurer einsetzen zu dürfen.

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