Publiziert 27. Sep. 2022, 15:37
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Podiumsdiskussion im alten Busdepot

Winterthur meint: Die Katar-WM kann kommen

Der Verein «fussballkultur.ch» hat am Montag eine Podiumsdiskussion über die bevorstehende Fussball-WM im alten Busdepot durchgeführt. Der Grundton auf der Bühne war überraschend positiv.

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red
Der Verein «fussballkultur.ch» lud am Montag zu einer angeregten Diskussion ins alte Busdepot.

Der Verein «fussballkultur.ch» lud am Montag zu einer angeregten Diskussion ins alte Busdepot.
zvg

Nach einer einstündigen Podiumsdiskussion im alten Busdepot über das umstrittene Thema einer Fussball-Weltmeisterschaft in Katar wird in der Diskussionsrunde die letzte Frage an die Experten auf der Bühne gerichtet. «Könnt ihr als Privatpersonen mit gutem Gewissen die WM am Fernseher verfolgen?», fragt ein Herr aus dem Publikum. Immer wieder steht im Vorfeld des Turniers ein Boykott im Raum – aus ethischen Gründen.

Lorenz Nydegger vom Verein «fussballkultur.ch» entgegnet, er könne das Turnier mit gutem Gewissen verfolgen. Guido Tognoni, Fussball- und Medienexperte, ehemaliger Fifa-Mitarbeiter, der auch drei Jahre als Berater in Katar gearbeitet und gelebt hat, sagt: «Ich werde die WM schauen. So viel ich kann.» Der Fussballkolumnist Etrit Hasler, der kurzfristig für den Präsidenten des FC Winterthur, Andreas Mösli, eingesprungen ist, hat seine Meinung bereits zuvor bekannt gegeben: «Es gibt immer gute Gründe, um eine WM zu boykottieren. Dennoch sehe ich nicht ein, warum es jetzt sein müsste.»

«Korruption ist halt einfach»

Im Verlauf des Abends wird immer wieder darauf verwiesen, dass andere Weltmeisterschaften schlimmer gewesen seien. Ein Zuschauer erwähnt sogar die WM 1978 in Argentinien, die mittels Militärregime durchgeprügelt worden sei und laut einigen Internetartikeln 40’000 Tote gefordert haben soll. Da sind die 6500 toten Gastarbeiter in Katar, die der englische «Guardian» schon vor über anderthalb Jahren ausgerechnet hat, eine fast nichtige Zahl.

Immer wieder wird auf der Bühne von allen Seiten erwähnt, dass die WM in Katar keineswegs schlechter sei als die Turniere zuvor. Ex-Fifa-Mitarbeiter Tognoni spricht zu den Bestechungsvorwürfen bei der WM-Vergabe Klartext: «Keine WM seit 1994 in den USA ist ohne Korruption vergeben worden.» Er selbst habe sogar den katarischen Fifa-Funktionär Mohamed bin Hammam am Telefon gehabt. Dieser habe sich für die Vergabe in sein Heimatland eingesetzt – auf korrupte Art. «Wir haben nur nach Regeln der Fifa gespielt», zitiert Tognoni den Katari.

Negative Aspekte und Verbesserungen

Weiter auf der Bühne sitzen auch Rita Schiavi vom Inspektionsteam der Unia und Natalie Wenger von Amnesty International, Projektleiterin Katar. Schiavi war mehrmals zur Inspektion beim Stadionbau vor Ort und versichert, dass die Sicherheitsvorkehrungen auf den Baustellen besser seien als hier in der Schweiz. Das Problem seien aber die Arbeitsbedingungen, entgegnet Wenger. «Man darf sich nicht blenden lassen von den Fortschritten, die Katar immer wieder proklamiert», gibt sie zu wissen. Die Vertreterin von Amnesty International hält von allen Experten auf der Bühne noch am ehesten an den negativen Aspekten wie den «horrenden Arbeitsbedingungen» fest. Gleichzeitig weiss aber auch sie Positives zu berichten: «Die WM in Katar ist die erste, die Verbesserung bringen könnte oder schon gebracht hat – was das Menschenrecht betrifft.»

Mehr Euphorie als Entsetzen

Immer wieder fallen unter den Experten Sätze wie «Ich bin auch der Auffassung, dass Katar alles andere als ein gutes Gastgeberland ist», «Die Stadien werden nachher verschrottet» oder «In Nepal landet täglich ein Flugzeug mit toten Gastarbeitern, die in Katar waren.» Aber irgendwie scheint das alles Nebensache zu sein. Eine Euphorie für den Riesen-Event ist trotz allem spürbar. Die verstorbenen Gastarbeiter werden relativiert und die Korruption wird als «Krankheit» bezeichnet. Aber als Teil eines Milliardengeschäfts wird sie auch in der Diskussionsrunde von «fussballkultur.ch» am Deutweg dennoch einfach irgendwie akzeptiert.

Zum Schluss der Podiumsdiskussion wird nochmals angepriesen, dass im alten Busdepot ein Public Viewing durchgeführt wird mit schweizerischem Essen und auch arabischen Mezzes – in Anlehnung an den Austragungsort. Wenn Freuler und Akanji im November über den Bildschirm flimmern, wird im alten Busdepot am Deutweg gute Stimmung herrschen und ethische Fragen wie Arbeitsbedingungen werden spätestens bei der ersten Schweizer Sensation kein Thema mehr sein.

Von Gaël Riesen

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