Publiziert 02. Okt. 2022, 06:01
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FC Stapo fehlt ein Sieg zum Aufstieg

Wenn der Dienstplan die Matchaufstellung bestimmt

Wieder könnte diese Saison ein rotweisses Winterthurer Fussball-Team von einer B-Liga in die oberste Klasse aufsteigen: Der FC Stapo Winterthur wirbelt die regionale Firmenfussball-Szene auf.

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George Stutz
Hobbykicker und Berufskollegen vereint und erfolgreich: Der FC Stapo.

Hobbykicker und Berufskollegen vereint und erfolgreich: Der FC Stapo.
George Stutz

Anlässlich der nationalen Polizei-Meisterschaften im Frühling von der D- in die C-Klasse aufgestiegen, den Gussli-Cup 2022 – das alljährliche Turnier der städtischen Verwaltungen – gewonnen und aktuell kurz vor dem Aufstieg im regionalen Firmenfussball aus der B- in die A-Liga: Der FC Stapo Winterthur reitet auf einer Erfolgswelle.

«Genau kann ich mir dieses Hoch auch nicht erklären. Wir sind einfach eine coole Truppe, die mit Freude und viel Einsatz ihrem Hobby frönt», meint Chefcoach Stefan Wagner. Wie alle seine Teammitglieder ist auch er bei der Stadtpolizei tätig. Bei seinen Matchvorbereitungen ist Kreativität gefragt, wie er erzählt: «Wir haben etwa 25 Spieler aus allen Stadtpolizei-Abteilungen und möglicherweise auch bald eine ehemalige FC-Winterthur-Spielerin in unserem Pool.» Wer an den Matches Zeit zum Mitspielen habe, entscheide jeweils der Dienstplan. «In jeder Partie wird deshalb die Aufstellung gehörig durcheinandergewirbelt. Nie spielen wir zweimal hintereinander in der gleichen Formation.»

Zeit, sich vor einem Matchtag etwas einzuspielen, bleibt den kickenden Polizisten ebenfalls nicht, denn trainiert wird nie. «Wir haben vor Jahren einmal den Versuch unternommen, einmal die Woche zu trainieren, da nahmen aber jeweils vier bis fünf Kollegen teil. Wir haben einige junge Spieler dabei, viele sind aber wie ich Familienväter. Schicht arbeiten, unter der Woche ab und zu an einem Match antreten und dann noch regelmässig ins Training fahren, liegt für viele einfach nicht drin», weiss Marco Guanziroli, mitunter Sport-Offizier bei der Stadtpolizei und ehemaliger Aktiver, etwa beim FC Töss.

Ein Ex-Profi im Mittelfeld

Routiniers wie Guanziroli und vor allem der ehemalige Ligue-1-Spieler, später bei Xamax Neuenburg Mitspieler von Haris Seferović und bis zum Karriereende beim FC St. Gallen und FC Aarau engagierte Stéphane Besle prägen die Mannschaft. «Wir haben aber auch solche, die deutlich weniger talentiert sind – bei uns sollen alle spielen, die Freude am Fussball haben. Ich setze jeweils auch bewusst alle auf dem Matchblatt Figurierenden ein», versichert Coach Wagner. Dabei spiele der Dienstgrad keine Rolle, alle haben dieselbe Ausgangslage. «Das ist ja mitunter das Schöne. Wir spielen zwar im Dress des FC Stadtpolizei und arbeiten alle dort, auf dem Platz spielt das aber absolut keine Rolle.» Da zähle einfach der Teamgeist und sicher auch der kameradschaftliche Austausch. «Diese Sportsfreundschaft verbindet auch in unserem Berufsalltag, man geht miteinander anders um.»

Sporturlaub «verdienen»

Wird dies auch von oberster Polizeistelle goutiert? Der Kommandant oder die zuständige Stadträtin seien bisher zwar noch nie an einem Spiel gewesen, sagen sie. Einen Zustupf an die Schiedsrichterspesen gebe es jedoch, und zudem können sich die Kicker, aber auch die Sportschützen, Unihockeyaner und andere Sportgruppen der Stadtpolizei Sporturlaube «verdienen»

Marco Guanziroli erklärt: «Einmal im Jahr findet ein freiwilliger Sporttest statt. Wer diesen besteht, erhält für sportliche Aktivitäten im Rahmen der Stadtpolizei stundenweise frei. Das heisst, wenn ich für einen Match etwas früher aus dem Dienst muss, brauche ich keine Ferien dazuzugeben.»

Im äussersten Notfall Spielertrainer

Und wie stets mit dem Respekt der Gegnerschaft? «Wir hatten auch schon Gegner, deren Zuschauer uns mit Pyros und Sprüchen provozieren wollten. Das nehmen wir locker oder zeigen eine entsprechende Reaktion auf dem Platz», sagt der Erfolgs-Coach, der früher auch mitkickte und dies im äussersten Notfall auch wieder tun würde. «Es bestand auch schon die Situation, dass Spieler einer Spezialeinheit dabei waren und ich während dem Match deren Piepser hüten musste. Wäre da der Alarm losgegangen, sie hätten einrücken müssen und wir so zu wenig Spieler auf dem Platz gehabt hätten, hätte ich die Fussballschuhe noch einmal geschnürt», so Wagner.

Den Saisonhöhepunkt in Griffweite

Zu seinen angenehmeren Aufgaben zählt mitunter, jeweils einen Spieler zu bestimmen, der für die Bierchen nach dem Spiel zuständig ist: «Gleich nach dem Match auf dem Platz oder später in einer Beiz anzustossen – egal, ob Sieg oder Niederlage – gehört auch bei uns einfach dazu.»

Langsam aber sicher kann der FC Stapo Winterthur aber auch schon den Champagner kühl stellen. Maximal noch drei Punkte sind in den verbleibenden Partien gegen Olympique Winterthur am 4. Oktober und gegen den Victoria Vitudurum FC am 11. Oktober zum Aufstieg nötig. «Erhalten wir bis dann bereits die von Keller Druckmesstechnik gesponserten neuen, rotweissen Trikots, würden wir in diesen ein allfälliges Aufstiegsfoto schiessen und etwas feiern», lacht Marco Guanziroli.

Ein paar Ligen tiefer würde der Aufstieg zwar gefeiert, ohne Menschenmenge vor dem Stadthaus und ohne hupendem Autokorso, aber nicht minder sympathisch wie der grosse Bruder von der Schützenwiese eben.

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