Publiziert 30. Aug. 2022, 07:55
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Zwei Winterthurerinnen an der EM

Tanzen auf vier Rädern

Sie sind amtierende Schweizermeisterinnen, starten für den Winterthurer Rollsportclub und nehmen an der EM im Rollkunstlaufen in Andorra teil, die heute Mittwoch beginnt: Lara Meyer und Alina Erb.

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Ramona Kobe
Lara Meyer (l.) und Alina Erb vom Winterthurer Rollsportclub starten an der EM im Rollkunstlaufen. Die Medaillen in Andorra aber stehen ausser Reichweite.

Lara Meyer (l.) und Alina Erb vom Winterthurer Rollsportclub starten an der EM im Rollkunstlaufen. Die Medaillen in Andorra aber stehen ausser Reichweite.
Fotomontage: ranierocorbellettiphotographie

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bereits Christian Meyer hat in jungen Jahren Rollkunstlauf gemacht. Seine Tochter Lara tut es ihm gleich – und startet kommende Tage an den Europameisterschaften in Andorra. «Ein spezielles Gefühl», sagt Christian Meyer. «Ich hätte nie gedacht, dass sie eines Tages Wettkämpfe im Rollsport bestreitet.» Er habe sie als Sechsjährige auf vier Rollen gestellt, damit sie lerne, Inlineskates zu fahren.

Heute gehört sie zu den besten des Landes. In Ihrer Alterskategorie ist sie amtierende Schweizermeisterin im Solotanzen – eine Disziplin, welche die 15-Jährige hierzulande wieder zum Leben erweckt hat, während etwa Italien oder Spanien seit jeher zu den Top-Nationen zählen. «Das Schulsystem in diesen Ländern lässt es zu, dass die Athletinnen und Athleten jeden Nachmittag trainieren können», erzählt Christian Meyer vom Winterthurer Rollsportclub. «Ausserdem wären wir weiter, hätten wir mehr Trainingsmöglichkeiten. Das ist unsere grosse Sorge.» Denn: Rollkunstlauf erfordert einen Holzboden. Solche Turnhallen sind in der Eulachstadt rar. Und zu klein, damit die Athletinnen ihre Küren komplett üben können. Eine mögliche Lösung aber ist in Sicht, wie Meyer verrät. «Wir testen im Moment den Boden in der Eishalle.» Auf diesem könnte der Verein im Sommer trainieren. «Noch nicht optimal, aber definitiv besser als die jetzige Situation.»

Rollschuhe versus Spitzenschuhe

Dass die Medaillen an den Europameisterschaften für Lara ausser Reichweite liegen, ist ihr bewusst. «Ich weiss, dass ich mit der Elite nicht mithalten kann», sagt die 15-Jährige. «Mein Ziel ist folglich, fehlerfreie Tänze zu zeigen und eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen.» Sie wird den Preisrichtern in einer ersten Runde die beiden Pflichttänze, ein Tango und ein Walzer, präsentieren, ehe sie ihre selbst zusammengestellte Kür zu Musik läuft. Auf diese freut sie sich ganz besonders. «Das Tänzerische liegt mir besser als Sprünge und Pirouetten. Ich liebe es, mit dem Publikum zu spielen.»

Lara Meyer

«Das Tänzerische liegt mir besser als Sprünge und Pirouetten. Ich liebe es, mit dem Publikum zu spielen»

Ihre Stärke im Ausdruck kommt nicht von irgendwo her: Seit sie vier ist, ist sie Teil von Claudia Cortis Kindertanztheater in Neftenbach, wo sie zuletzt die Löwin im Stück «Der Zauberer von Oz» spielte (84XO berichtete). Die Ballettstunden würden ihr beim Rollschuhlaufen zugutekommen. «Die Bewegungen sind ähnlich. Ausserdem bringe ich vom Tanzen Koordination und meine Vorliebe für das Aussehen mit», erzählt Lara Meyer. Beim Solotanz würden Frisur, Make-up und Kleidung massgeblich zur Bewertung beitragen. «Je mehr Strasssteinchen, desto besser.»

«Kribbeln im Bauch»

Meyer ist nicht die Einzige vom hiesigen Rollsportclub, die in Andorra an den Start gehen wird. Auch die drei Jahre ältere Alina Erb, die beim Winterthurer Verein Mitglied ist, aber in Lichtensteig trainiert, hat sich für die EM qualifiziert. Die amtierende Schweizermeisterin in der Pflicht und der Kür wird versuchen, ihre guten Platzierungen aus dem Vorjahr zu verteidigen. Im italienischen Riccione belegte die 18-Jährige den sechsten Rang in der Pflicht und den elften in der Kür. Was liegt 2022 drin? «Schwierig zu sagen», antwortet Erb. «Ich kenne die Startliste noch nicht.» Sie wisse von drei starken Läuferinnen aus Spanien und Italien, und auch, dass niemand aus dem deutschen Team in Andorra mit dabei sein werde. «Mein Ziel wird sein, eine gute Kür zu laufen und dafür zwischen 95 und 100 Punkten zu erhalten.»

Für Erb ist es bereits die vierte EM-Teilnahme; entsprechend routiniert zeigt sie sich kurz vor der Abreise. «Ich habe viel trainiert und fühle mich gut vorbereitet. Deshalb gibt es keinen Grund, nervös zu sein.» Ein spezielles Gefühl sei es aber dennoch. «Eine Europameisterschaft ist viel grösser als die anderen Wettkämpfe. Es gibt eine Eröffnungszeremonie, die Landeshymne wird gespielt. Da verspüre ich schon ein gewisses Kribbeln im Bauch.»

Ohne Worte Gefühle zeigen

Wie Meyer wurde die Sportart auch Erb in die Wiege gelegt: Ihre Mutter hat Eiskunst- und Rollkunstlauf gemacht. Mit sechs stand die gebürtige St. Gallerin erstmals auf Rollschuhen, nur wenige Monate später hat sie ihren ersten Wettkampf bestritten. Die grosse Leidenschaft war gefunden. «Es gibt wenige Sportarten, die so viele Bereiche – Musik, Tanz, Mimik, Kraft, Spannung und Ausdauer – miteinander verbinden», sagt Erb. «Ich muss nicht die Schnellste oder Stärkste sein, um zu gewinnen. Das mach diesen Sport einzigartig.»

Alina Erb

«Ich muss nicht die Schnellste oder Stärkste sein, um zu gewinnen. Das macht diesen Sport einzigartig»

Sie liebe es, sich zu Musik zu bewegen und den Zuschauenden ohne Worte, nur mit Mimik und Gestik, zu zeigen, was sie fühle. «Das Künstlerische zählt sicherlich zu meinen Stärken.» Aber auch ihre Konstanz macht die Athletin aus. Dank dieser habe sie einen guten Ruf. «Dieser wird wichtig sein, wenn ich auf internationalem Parkett mitmischen möchte.»

Ambitioniert, aber realistisch

Bis es so weit ist, dürfte es nicht mehr all zu lange dauern. Bereits jetzt läuft Erb – nach vielen Jahren Schweizer Durststrecke – wieder in die vorderen Ränge; an der letzten WM war sie in den Top-Ten, am Interland Cup 2021 belegte sie den 4. Platz. Ein internationaler Titel wäre zwar schön, aber auch surreal, wie sie sagt. «Ich will jede Saison mehr Schwierigkeiten zeigen und mich Jahr für Jahr verbessern.» Und Erb ergänzt: «Ich will zeigen, dass die Schweiz mit der Spitze mithalten kann.»

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