Publiziert 26. Nov. 2021, 12:00
8400

Winterthurer Mentalcoach der Unihockey-Frauennati

«Mentale Stärke ist der Schlüssel zum Erfolg»

Als Goalie- und Mentalcoach bei der Unihockey-Nati der Frauen steht der Winterthurer Jakob Lieske ab kommendem Samstag an der WM im schwedischen Uppsala im Einsatz. Mit 84XO hat der ehemalige Spieler des HC Rychenberg und der Schweizer Nati über die Rolle der Psyche gesprochen.

R
Ramona Kobe
Als Jakob Lieske selbst noch Unihockey spielte – beim HC Rychenberg und in der Nationalmannschaft – war das Bewusstsein für mentale Aspekte im Spitzensport ein anderes.

Als Jakob Lieske selbst noch Unihockey spielte – beim HC Rychenberg und in der Nationalmannschaft – war das Bewusstsein für mentale Aspekte im Spitzensport ein anderes.
swiss unihockey / Fabian Trees

Er hat selbst viele Jahre beim HC Rychenberg und in der Schweizer Nationalmannschaft Unihockey gespielt und einige bekannte Goalies zu den Besten der Welt gemacht. Nebst den beiden Torhüterinnen Lara Heini und Monika Schmid kümmert sich Jakob Lieske auch um die mentalen Angelegenheiten im Nationalteam der Frauen. «Nach der WM in Bratislava haben wir festgestellt, dass wir im mentalen Bereich Steigerungspotenzial haben», sagt der Winterthurer, dessen Bruder den HCR zusammen mit einem Kollegen gegründet hat. Wie er die mentale Stärke der Schweizerinnen trainiert und wie er ihre Chancen an der bevorstehenden WM in Schweden einschätzt, verrät Lieske im Interview.

Jakob Lieske, hat sich der mentale Aspekt im Spitzensport verändert seit Ihrer Zeit als aktiver Spieler?

Jakob Lieske: Nein. Das Bewusstsein hat sich verändert. Heute weiss man, dass mentale Stärke der Schlüssel zum Erfolg ist. Deshalb wird sie trainiert, denn eine gute Physis und technische Fertigkeiten allein reichen längst nicht mehr.

Wie finden Sie diese Entwicklung?

Sie bringt Vor- und Nachteile. Es ist wie immer eine Frage der Balance. Jede Spielerin soll deshalb selbst entscheiden können, wie viel Raum die mentale Betreuung einnehmen soll.

Seit der WM 2017 in Bratislava arbeiten Sie mit den Frauen der Unihockey-Nati als Mentalcoach zusammen. Wie muss man sich das vorstellen?

Mit der ganzen Mannschaft spreche ich über generelle mentale Angelegenheiten. Zusätzlich biete ich den Spielerinnen individuelle Gespräche an. In diesen versuchen wir, zunächst eine Auslegeordnung zu machen, um anschliessend eine Lösung für das Problem zu finden. Meistens ist ein Muster ersichtlich. Ich habe aber keine Zauberformel, jede Spielerin hat ihre eigene, individuelle Geschichte. Das ist extrem spannend. Dieser Dialog im Vorfeld eines Turniers soll dazu führen, dass die Spielerinnen in den wichtigen Momenten mentale Stärke zeigen können. Während einer Partie etwas zu sagen, bringt nichts. Mentale Stärke entsteht über viele Jahre.

An der Heim-WM 2019 in Neuenburg haben die Schweizerinnen das Halbfinalspiel gegen Tschechien mit vier Toren in den letzten zwei Minuten gedreht. Wie haben sie das (mental) geschafft?

Die ganze WM-Kampagne war super. Weil es ein Heim-Turnier war, stand uns in der Vorbereitung mehr Zeit und Geld zur Verfügung. So konnten wir intensiv arbeiten. Als ich den Spielerinnen während der Partie in die Augen schaute, habe ich nie Zweifel gesehen. Nie. Ich weiss gar nicht, ob sie realisiert haben, dass sie mit vier Toren hinten lagen. Das ist mentale Stärke.

War diese Willensstärke auch Ihnen zu verdanken?

Ich kann es schlicht nicht sagen. Ich hoffe doch, dass meine Arbeit etwas gebracht hat. Fakt ist, dass sich die Spielerinnen nicht aus der Ruhe bringen liessen, obwohl wir keine gute Partie zeigten.

Kann man dieses «Wunder von Neuenburg», wie es die Medien gerne nennen, wiederholen?

Es ist passiert. Also kann man es auch wiederholen. Aber ganz ehrlich: So etwas geschieht sehr selten. Es braucht viele verschiedene Faktoren. Dass eine Partie im Unihockey so schnell kippen kann, ist schon «cheibe» spannend und macht die Sportart so attraktiv.

Sie sind auch Goalietrainer. Muss sich eine Türhüterin anders auf ein Spiel vorbereiten als eine Feldspielerin?

Nein, grundsätzlich nicht. Beide müssen am Tag X bereit sein. Ein Goalie hat aber eine spezielle Rolle.

Inwiefern?

Der Goalie ist immer auf dem Feld und kann nach einem Gegentor nicht einfach raus. Es ist zudem ein unverzeihlicher Job, was Fehler betrifft. Greifst du daneben, ist der Ball drin. Das ist für den Kopf schon herausfordernd.

Jakob Lieske

«Man stellt sich immer vor, dass wir in der Garderobe einen Voodoo-Tanz machen - das ist nicht so»

Am kommenden Samstag beginnt die Frauen-WM im schwedischen Uppsala. Wie schätzen Sie die Chancen der Schweiz ein?

Schwierig zu sagen. Wegen Corona lief eineinhalb Jahre praktisch nichts. Aber das Ziel muss schon ein Platz unter den ersten Drei sein.

Wo liegen die Stärken der Mannschaft?

Es hat junge, hungrige Spielerinnen und auch sehr erfahrene. Das ist ein guter Mix. Zudem stimmt die Mentalität, alle sind unglaublich leistungswillig.

Und wo sehen Sie Defizite?

Wir müssen noch mehr zusammenwachsen und eine Einheit werden. Auch physisch können wir noch einen Zacken zulegen.

Was für Tipps geben Sie den Spielerinnen im mentalen Bereich im Hinblick auf das Turnier?

In der unmittelbaren Vorbereitung und am Turnier selbst sind es Details. Manchmal braucht es nur ein Schlüsselwort von mir, damit die Arbeit, die wir im Vorfeld gemacht haben, im Kopf präsent ist. Man stellt sich immer vor, dass wir in der Garderobe einen Voodoo-Tanz machen – das ist nicht so. Kurz vor dem Spiel sage ich gar nichts mehr. Dann muss alles klar sein, sonst haben wir etwas falsch gemacht.

Jakob Lieske wird die Spielerinnen der Schweizer-Unihockey-Nati auch an dieser WM an der Bande anfeuern und unterstützen.

Jakob Lieske wird die Spielerinnen der Schweizer-Unihockey-Nati auch an dieser WM an der Bande anfeuern und unterstützen.
Screenshot: swiss unihockey

Wie lässt sich Ihre Rolle als Coach mit Ihrer Haupttätigkeit als Deutschlehrer vereinen?

Rein organisatorisch lässt es sich gut kombinieren. Lektionen können vor- und nachgeholt werden. Aber es steht und fällt tatsächlich mit der Schulleitung. Und diese kommt mir sehr entgegen.

Wissen Ihre Schülerinnen und Schüler Bescheid?

Ich weiss es nicht. Ich nenne jeweils keinen Grund für meine Abwesenheit. 2019 haben sich einige die WM im Fernsehen angeschaut, mitgefiebert und mich dann im Klassenzimmer darauf angesprochen. Das ist belebend für die Schüler-Lehrer-Beziehung. Sie merken, dass wir Lehrer auch nur Menschen sind, die ein normales Leben führen.

Das könnte Sie auch interessieren

Diese Website verwendet Cookies um die Verwendung dieser Website zu verbessern. Durch den Klick auf "Akzeptieren" geben Sie Ihr Einverständnis für sämtliche Cookies.