Publiziert 12. Juli 2022, 11:30
8400

FCW-Masseur Roque Pretel

Die Super-League-Premiere dem Ruhestand vorgezogen

Nach 27 Jahren als Masseur beim FC Winterthur geht mit dem Meisterschaftsstart am Samstag gegen den grossen FC Basel auch für den bald 65-jährigen Roque Pretel ein Traum in Erfüllung.

G
George Stutz
Im August wird er seine erste Rente erhalten, ist jedoch noch kaum ein bisschen müde: Roque Pretel lockert die Muskulatur Samuel Ballets

Im August wird er seine erste Rente erhalten, ist jedoch noch kaum ein bisschen müde: Roque Pretel lockert die Muskulatur Samuel Ballets
George Stutz

Um seine Eltern finanziell unterstützen zu können, hatte der in einem Inka-Dorf in Peru geborene Roque Pretel einst seinen schlecht bezahlten Buchhalter-Job in der Hauptstadt Lima an den Nagel gehängt und war einem Teil seiner zehn Geschwister via einem Aufenthalt in den USA nach Europa gefolgt. Von Hamburg, wo noch heute eine seiner Schwestern lebt, hatte es den talentierten Fussballer nach Winterthur verschlagen. Von Aushilfsjobs hatte er genug, stattdessen wollte er eine Funktion im Fussballbereich ausüben. Sportmassagetechniken hatte er sich bereits zuvor zugelegt. Auf der Schützi erhielt er Gelegenheit, seine Sporen abzuverdienen, erst zum Nulltarif, später für rund 300 Franken im Monat. Von Beginn weg war er aber beliebt bei den Spielern und Trainern und überzeugte auch das Klub-Umfeld von seinen Fähigkeiten, sodass er am 1. Juli 1995 seinen ersten Vertrag erhielt.

Unter der Tribüne geknetet und gelebt

«Die Zeit damals konnte man noch nicht mit den heutigen medizinischen Abteilungen der Klubs vergleichen. Ich war in den ersten fünf Jahren Masseur und Physiotherapeut gleichzeitig, hatte zudem die ganzen Abrechnungen mit den Krankenkassen zu bewältigen, das war eine sehr aufreibende Zeit», erinnert er sich. Sein Arbeitsort war zwischenzeitlich zugleich sein Zuhause. Roque Pretel massierte bereits damals im kleinen Raum im Garderobentrakt, wo er sich diesen Montagnachmittag unter anderem den Oberschenkeln von Offensivspieler Samuel Ballet annimmt und wohnte bis vor rund zehn Jahren nebenan in der Tribünenwohnung.

«Roque ist viel mehr als ‹nur› Masseur»

Seinen Masseur zu beschreiben, fällt Samuel Ballet nicht schwer: «Er besitzt solche Erfahrung, ihm zu vertrauen fällt leicht, er ist mehr als ‹nur› Masseur. Für mich ist er eine Vaterfigur, guter Kumpel, Motivator und vieles mehr.» Roque Pretel lacht: «Das ist das, was mir an meiner Arbeit so gefällt. Anders als bei einem Grossklub ist hier alles familiär. Seit drei, vier Jahren sind wir zudem mehr denn je ein eingefleischtes Team, die Jungs sind wunderbar. Die Zuständigen sind darauf bedacht, dass nicht nur fussballerische Qualität zählt, sondern auch die menschliche. Das macht den heutigen FCW aus, und deshalb bin ich überzeugt, dass wir damit auch in der Super League nicht nur Statisten sein werden.»

Er, der in all den Jahren auch mal ein Angebot des FC St. Gallen erhalten hatte, sich damals aber noch vor dem Wechsel in die oberste Liga scheute, «da in Grossklubs eine längerfristige Aufbauarbeit vielfach gar nicht möglich ist, da zuweilen die Staffs inklusive der Medizinabteilung einfach ausgewechselt werden», lebt nun seinen Traum, mit «seinem» FCW oben mitzuspielen. Seine 50-Meter-Sprints über den Platz zu liegengebliebenen Spielern nicht mehr vor 600 Zuschauern in Yverdon oder vor 500 in Vaduz, sondern auch mal vor 30’000 im «Joggeli» oder im Berner Wankdorf hinzulegen.

Die Sache mit dem Geniessen

«Eigentlich», sagt er noch, «wollte ich im Hinblick auf meine Pensionierung schon letzte Saison kürzertreten und nur noch bis September mittun. Aus September wurde Dezember, immer wieder ermunterten mich die Spieler, weiterzumachen.» Auch Assistenztrainer Dario Zuffi hatte ihn zum Weitermachen motivieren können. «Er sagte mir, ich solle die Challenge League mit dieser tollen Mannschaft, mit der zurückgekehrten Euphorie auf der Schützenwiese doch einfach noch etwas geniessen.»

Roque Pretel war von Beginn her beliebt bei den Spielern und Trainern auf der Schützenwiese.

Roque Pretel war von Beginn her beliebt bei den Spielern und Trainern auf der Schützenwiese.
George Stutz

Also blieb Roque Pretel und erlebte mit dem Aufstiegsrennen den bisherigen Höhepunkt seiner Masseur-Laufbahn. «Es war wahnsinnig was abging, auch mental. Traf einer das Tor, wie in vorentscheidenden Spielen etwa in Wil oder gegen Schaffhausen, nicht, so lag es auch an mir, ihn anderntags während der Massage wieder aufzurichten. Ich spürte beim Massieren auch die Verkrampftheit und Nervosität einzelner Spieler und versuchte sie zu lösen.»

Vorerst mal bis Dezember

Eine leichte Anspannung macht Roque Pretel auch jetzt, eine halbe Woche, bevor das grosse Abenteuer beginnt, aus. «Es ist aber eher die grosse Vorfreude, die sich auch im Trainingslager in Oberstaufen breit machte. Die neuen Spieler sind bestens integriert, der neue Trainer und der Staff leisten gute Arbeit – der Teamspirit ist für erneut grosse Taten bereit.»

Er selbst will vorerst bis Dezember weitermachen, nicht mehr wie in seinen Anfängen primär der Arbeit wegen, sondern aus purer Freude. Roque Pretel lacht: «Nach unserem 1:1 gegen den österreichischen Bundesligisten SCR Altach am letzten Samstag kam Dario Zuffi wieder zu mir und sagte: ‹Roque, versuch die Super-League-Saison einfach zu geniessen.› Das werde ich tun, als wenn es meine letzte Saison als FCW-Masseur wäre…»

Das könnte Sie auch interessieren