Publiziert 14. Juni 2022, 08:20
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Winterthurer am 100-Kilometerlauf

Als selbst Singvögel auf den Keks gingen

Thomas Raths meisterte in Biel seinen ersten 100-Kilometerlauf. Der gebürtige Winterthurer hat mit 84XO über die mentale Herausforderung gesprochen.

G
George Stutz
Die Nacht durchgelaufen und es deutlich unter 13 Stunden geschafft: Thomas Raths im Ziel in Biel.

Die Nacht durchgelaufen und es deutlich unter 13 Stunden geschafft: Thomas Raths im Ziel in Biel.
zvg

Nachdem er jahrelang – mitunter bei den Winterthurer Letten Tigers – Handball gespielt hatte, wollte sich Thomas Raths sportlich verändern. «Ich wollte einfach mal etwas anderes machen, und da mir das Laufen vorher schon passte, bin ich eben mit mit einem Kollegen ab und zu joggen gegangen», erinnert sich der am Bodensee wohnende Winterthurer.

Das war vor fünf Jahren. Zu Beginn schaffte er gerade mal fünf Kilometer ohne Pause. Am letzten Freitag auf Samstag legte er das 20-Fache zurück: Raths startete erstmals an den Lauftagen von Biel, am bekanntesten 100-Kilometerlauf. Seit 2017 hatte sich der heute 47-Jährige kontinuierlich gesteigert. Über die Halbmarathondistanz des Frauenfelder Waffenlaufs, seinen ersten Zürich Marathon 2019, den Rheinquellen-Trail mit 40 Kilometer Länge und 3000 Höhenmeter bis zum verrückten 100er-Projekt.

Die Krisen der Nacht

Auch wenn Raths zur Hauptprobe vor rund drei Wochen 67 Kilometer gelaufen war, stand er am letzten Freitagabend kurz vor 22 Uhr mit viel Vorfreude, gleichzeitig aber auch riesigem Respekt vor dem Start. «Ich war froh, als es endlich los ging. Durch die Stadt Biel wurden wir von vielen Zuschauern richtig getragen, sodass ich viel zu schnell anlief», blickt Raths zurück. Ab Kilometer 20 durfte ihn ein Kollege per Velo begleiten. «Das war wichtig, zumal es da bereits stockfinster war und sich der anfängliche Pulk der Laufenden stark in die Länge gezogen hatte. Ohne Begleiter wäre ich auf mich alleine gestellt gewesen», so Raths.

Die Nacht ohne sichtbare Abwechslung durch wechselnde Landschaften hatte er etwas unterschätzt, bei Kilometer 40 kam die erste grössere Krise, bei Kilometer 55 der ‹Hammermann›. «Das war hart, alles hatte geschmerzt. Du bist nur noch mit dir selbst beschäftigt, selbst der Kollege, der es mit seinem Zureden nur gut meinte und etwas später die singenden Vögel, die immer wieder gleichen Food-Stände, alles hat genervt. Ich brauchte fortan stets Zwischenziele, auf die ich mich freuen konnte», erinnert sich Raths an die auch mental riesige Herausforderung.

Ein unvergesslicher Zieleinlauf

Ab Kilometer 60 stand alle fünf Kilometer auch seine Freundin unterstützend am Wegrand. Raths schleppte sich weiter, ging etwas gemächlicher, um danach aber wieder ins Joggen überzugehen: «Ich musste einfach vorwärtskommen, ich wollte trotz allem durchbeissen, das hinter mich bringen. Auch wenn mein Fuss anschwoll, sich erste Blasen bildeten.»

Er hatte sich vorgenommen, ab dem 95. Kilometer nur noch zu geniessen. Dieser Zustand stellte sich erst 200 Meter vor dem Ziel ein. «Für das Zielfoto wollte ich mich noch einmal von meiner besten Seite zeigen, danach waren die Glücksgefühle, der Stolz, es geschafft zu haben, unbeschreiblich. Gleichzeitig war ich nur noch kaputt, schaffte gerade noch ein Bier zu trinken und war froh, danach auf dem Rückweg nur noch liegen zu müssen», erzählt er. Laufen wird er die nächste Zeit nicht mehr. Er lacht: «Mein nächstes herausforderndes Projekt wird sein, in zehn Tagen beschwerdefrei das Albanifest besuchen zu können.»

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