Publiziert 12. Apr. 2022, 17:26
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Jürg Altwegg im Interview

«Ziel ist eine möglichst schnelle, aber auch gelingende Integration»

Zurzeit kommen auch in Winterthur täglich Kriegsflüchtlinge, darunter viele Kinder, aus der Ukraine an. Schuldepartementsvorsteher Jürg Altwegg (Grüne) erklärt im Interview die Vorgehensweise und Herausforderungen bei der Einschulung der ukrainischen Kinder.

G
George Stutz
Flüchtlingskinder aus der Ukraine sollen möglichst rasch ihre Bildungslaufbahn fortsetzen können. Stadtrat Jürg Altwegg spricht über die Herausforderungen.

Flüchtlingskinder aus der Ukraine sollen möglichst rasch ihre Bildungslaufbahn fortsetzen können. Stadtrat Jürg Altwegg spricht über die Herausforderungen.
Fotomontage: rk / zvg

Flüchtlingskinder aus der Ukraine sollen möglichst rasch ihre Bildungslaufbahn fortsetzen können. Sobald ihr Aufenthalt gesichert ist, können sie so auch in der Region Winterthur die Schule besuchen.

Jürg Altwegg, ist bekannt, wie viele schulpflichtige Flüchtlingskinder aus der Ukraine sich zurzeit in Winterthur aufhalten?

Jürg Altwegg: Eine genaue Zahl ist nicht bekannt, da der Flüchtlingsstatus S in den ersten 90 Tagen keine obligatorische Meldepflicht vorsieht. Man geht zurzeit von etwa 200 Familien in Winterthur aus. Diese Zahlen ändern sich aber täglich.

Wie viele von diesen besuchen bereits Schulklassen?

Auch diese Zahl ändert sich stetig. Es sind momentan etwas mehr als 100 Kinder und Jugendliche eingeschult. Im Alter von Kindergarten und erste Primarstufe werden die Kinder in Regelklassen eingeschult. Ältere Kinder und Jugendliche werden zuerst in eine sprachfokussierte Aufnahmeklasse aufgenommen, bis die Integration in eine Regelklasse erfolgen kann.

Erhalten Sie von den Asylzentren die Angaben über die Anzahl Kinder und vor allem auch, welche Klasse diese besuchen?

Wir sind im engen Austausch mit dem zuständigen Departement Soziales.

Wie ist dies bei Kindern, die mit Angehörigen direkt nach Winterthur kommen und beispielsweise bei Bekannten unterkommen. Wie können diese registriert und eingeteilt werden?

Da, wie oben erwähnt, der Flüchtlingsstatus S während 90 Tagen keine Meldepflicht vorsieht, sind wir darauf angewiesen, dass die Gastgeber oder die Gastfamilien die Kinder bei uns oder bei den Kreisschulpflegen melden.

Jürg Altwegg

«Ein paar wenige Jugendliche erhalten zurzeit gymnasialen Fernunterricht aus der Ukraine. Wir hoffen, dass dieser aufrechterhalten bleiben kann»

Können zurzeit nur Primarschulkinder eingeschult werden oder auch Gymischüler oder gar Auszubildende?

Ein paar wenige Jugendliche erhalten zurzeit gymnasialen Fernunterricht aus der Ukraine. Wir hoffen, dass dieser aufrechterhalten bleiben kann. Die Winterthurer Berufsvorbereitung «Profil.» (10. Schuljahr) prüft momentan Möglichkeiten, Flüchtlinge aufzunehmen.

Werden die Kinder in bestehende Klassen integriert oder werden mit ukrainischen Kindern eigene Klassen gebildet?

Vom Kindergarten bis und mit erste Primarstufe werden die Kinder einer Regelklasse zugeteilt. Ältere Kinder und Jugendliche kommen zuerst in eine Aufnahmeklasse, wo der Fokus auf den Deutschunterricht gelegt wird. Wenn sie bereit sind, werden auch sie auf Regelklassen verteilt. Ziel ist eine möglichst schnelle, aber auch gelingende Integration.

Haben sich auch schon ukrainische Lehrpersonen gemeldet, die entsprechend bereits im Schuleinsatz stehen?

Wir und die Kreisschulpflegen haben einen entsprechenden Aufruf gestartet und sind dran. Was teilweise bereits umgesetzt wird, ist der Einsatz von ukrainisch sprechenden Personen, die an den Schulen als Übersetzende einspringen. Wir haben zu diesem Thema extra eine E-Mail-Adresse lanciert und sind froh wenn wir entsprechende Rückmeldungen erhalten. Bitte melden auf ukraine.dss@win.ch. Danke!

Das Stadtzürcher Schuldepartement versucht pensionierte Lehrpersonen temporär zu reaktivieren, um den Schülerzuwachs zu bewältigen. Wird dies in Winterthur ebenfalls praktiziert?

Ja. Die Rekrutierung von Lehrpersonen liegt aber in der Kompetenz der Kreisschulpflegen.

Stehen diese bereits in den Schulzimmern?

Mir sind mehrere Fälle bekannt, wo pensionierte Lehrpersonen jetzt wieder im Klassenzimmer stehen und unterrichten.

Jürg Altwegg

«Die Zuteilung der Schülerinnen und Schüler soll, wenn immer möglich, in eine Klasse an ihrem Wohnort erfolgen. Dies dient der Integration und ist auch gesetzlich so vorgesehen»

Der Lehrermangel war bereits vor der Flüchtlingswelle ein Thema. Wie kann Ihr Departement dies bewältigen, sollten wie erwartet noch viel mehr Flüchtlingskinder in Winterthur die Schule besuchen wollen?

Die Lehrpersonenrekrutierung und -einstellung liegt in der Kompetenz der einzelnen Kreisschulpflegen. Genügend Lehrpersonal stellt aber tatsächlich eine grosse Herausforderung für die Schulen dar. Denn die Pandemie ist ja auch noch nicht vorbei und sorgt immer wieder für Ausfälle.

Werden die Kinder nach Möglichkeit auf alle Schulhäuser verteilt, egal ob diese in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften stehen. Bestehen auch logistische Probleme, Schulbusse zum Beispiel?

Die Zuteilung der Schülerinnen und Schüler soll, wenn immer möglich, in eine Klasse an ihrem Wohnort erfolgen. Dies dient der Integration und ist auch gesetzlich so vorgesehen. Wenn die Einschulung in eine Aufnahmeklasse erfolgt, dann am Ort dieser Klassen. Es ist ganz allgemein aufgrund der Platzverhältnisse in Schulen immer denkbar, dass Kinder nicht ins nächstgelegene Schulhaus eingeteilt werden. Dann müssen Transporte ins Auge gefasst werden.

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