Publiziert 13. Juli 2022, 08:38
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Neuer Energieplan gibt zu reden

Gefordert werden einheitliche Tarife für städtische Abwärme

Der neue Energieplan sieht einen massiven Ausbau der Winterthurer Wärmenetze vor. Dabei wird Kritik laut, zumal dem Endnutzer für Quartierwärme bedeutend mehr Kosten auferlegt werden als für Fernwärme.

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George Stutz
Im Vergleich mit Liegenschaften, die Quartierwärme beziehen können, kann mit solchen, die im Wärmenetz der KVA liegen, viel Geld gespart werden.

Im Vergleich mit Liegenschaften, die Quartierwärme beziehen können, kann mit solchen, die im Wärmenetz der KVA liegen, viel Geld gespart werden.
George Stutz

Eines scheint klar: Für die ambitionierten städtischen Klimaziele im Gebäudebereich braucht es breit abgestützte, effiziente Lösungen, wie eben ein massiver Ausbau der Wärmenetze. Gleichzeitig bietet ein solcher vielen Hauseigentümerschaften eine patente und zahlbare Lösung, um die strengen Vorschriften des novellierten Energiegesetzes umzusetzen. Der entsprechend geplante Ausbau der Stadt erhält also auf den ersten Blick den Charakter eines Service public. Auf den zweiten Blick ist aber rasch eine Zweiklassengesellschaft unter all jenen auszumachen, die Fernwärme von der Kehrrichtverbrennungsanlage (KVA) oder aus einem der sechs Quartierwärmeverbünden beziehen. Fünf der Letzteren haben eine Holzschnitzelheizzentrale, der Quartierwärmeverbund Stadtmitte erhält Abwärme der KVA über den Heiligbergstollen.

Auf www.stadtplan.winterthur.ch können Liegenschaftseigentümer prüfen, welche Gebäudewärme in welchem Gebiet zur Verfügung steht. Allerdings ist gemäss dem zuständigen Stadtrat Stefan Fritschi im Moment noch der derzeitige Energieplan abgebildet. Der neue Energieplan muss noch vom Stadtparlament beraten und vom Regierungsrat genehmigt werden, ehe er voraussichtlich am 1. Januar 2023 in Kraft tritt und auf der besagten Online-Plattform aktualisiert wird. Bis dahin dürfte insbesondere das Preismodell für die Fernwärme und Quartierwärme zu diskutieren geben. Entsprechend wurden im Stadtparlament vor gut einer Woche eine von der GLP, den Grünen, der AL, der SP, der EVP und der FDP unterstützte Motion eingereicht.

Einheitliche Tarife verlangt

Darin wird unter anderem der historisch gewachsene Zustand mit separaten Finanzierungssystemen für jede einzelne der bestehenden Anlagen (KVA-Fernwärme und Quartierwärmeverbünde) als «reformbedürftig» bezeichnet. Verlangt wird, dass die Abgeltung von städtischen Versorgungs- und Entsorgungsleistungen durch gleichwertige Finanzierungssysteme und grundsätzlich einheitliche Tarife geregelt wird.

Stadtrat Stefan Fritschi meint zu geforderten einheitlichen Preisen für Fernwärme- oder Quartierwärmebezügen auf Anfrage: «Die Fernwärme ist finanztechnisch ein eigenständiger Eigenwirtschaftsbetrieb; die Quartierwärmeverbünde gehören zum Eigenwirtschaftsbetrieb Energie-Contracting. Eigenwirtschaftsbetriebe haben eine eigene, in sich geschlossene Rechnung. Jeder Eigenwirtschaftsbetrieb muss gemäss Gemeindegesetz des Kantons Zürich wirtschaftlich sein. Es dürfen also keine Quersubventionierungen gemacht werden.»

Der Vergleich mit dem ÖV

Nur weil sie das Pech haben, dass ihre Liegenschaften nicht im Bereich des Fernwärmenetzes liegen, müssen Quartierwärme-Bezüger also deutlich mehr für den Wärmebezug bezahlen? Weshalb kann kein einheitlicher Service public angeboten werden, wie etwa beim ÖV? Da haben im Kanton Zürich auch nicht alle Strecken den gleichen Mix an Transportarten (Bus, Bahn) und schon gar nicht die gleichen Kosten und den gleichen Kostendeckungsgrad und trotzdem kosten im ZVV alle Strecken- bzw. Zonenbillette gleich viel. Gemäss Stefan Fritschi befasst sich der Stadtrat aktuell mit der Beantwortung der Motion, die zugleich auch die Schaffung eines stadtweiten Profitcenters «Wärmeversorgung Winterthur» verlangt. Denn aktuell bestehen für den Bereich Fernwärme und die Quartierwärmeverbünde zwei eigenständige Eigenwirtschaftsbetriebe mit eigenen in sich geschlossenen Rechnungen. Ein Zusammenschluss brächte zusätzliche Synergien und wohl auch zusätzliches Sparpotenzial mit sich. Dazu möchte sich Stefan Fritschi noch nicht äussern: «Der Antwort des Stadtrates auf diesen Motionsteil soll nicht vorgegriffen werden.»

Ungleichheit betrifft auch Mieterschaft

Klar ist, dass eine Überarbeitung der Preismodelle hin zu ausgeglichenen Konditionen vielen Wärmenetzbezügern zugute käme, auch entsprechenden Mietern und Mieterinnen. Denn wie aus der beiliegenden Beispielrechnung einer Winterthurer Stockwerkeigentümergemeinschaft ersichtlich wird, müssten die Mieter und Mieterinnen von mit Quartierwärme beheizten Liegenschaften mit erheblich höheren Nebenkosten gegenüber jenen mit am KVA angehängten Wohneinheiten rechnen.

Kostenberechnung am Beispiel einer Liegenschaft mit 12 Wohneinheiten 
Der von einer Stockwerkeigentümergemeinschaft 84XO zur Verfügung gestellte, nachfolgende  Vergleich zeigt, dass die jährliche Preisdifferenz zwischen Quartier- und Fernwärme gemäss aktuellem Preismodell von Stadtwerk rund 10’000 Franken beträgt. Im Durchschnitt müssten bei Bezug von Quartierwärme also pro Wohneinheit jährlich Fr. 850.- mehr Nebenkosten berechnet werden, als wenn die Liegenschaft mittels Fernwärme beheizt werden könnte.

Kostenberechnung am Beispiel einer Liegenschaft mit 12 Wohneinheiten Der von einer Stockwerkeigentümergemeinschaft 84XO zur Verfügung gestellte, nachfolgende Vergleich zeigt, dass die jährliche Preisdifferenz zwischen Quartier- und Fernwärme gemäss aktuellem Preismodell von Stadtwerk rund 10’000 Franken beträgt. Im Durchschnitt müssten bei Bezug von Quartierwärme also pro Wohneinheit jährlich Fr. 850.- mehr Nebenkosten berechnet werden, als wenn die Liegenschaft mittels Fernwärme beheizt werden könnte.
zvg

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