Publiziert 23. März 2022, 10:01

Peter Junkers Kolumne

Flugscham und Ausreden

Eigentlich wollte Peter Junker letzten Sommer nach Kos fliegen

G
George Stutz
Peter Junker ist Unternehmensberater und Dozent an einer Fachhochschule.

Peter Junker ist Unternehmensberater und Dozent an einer Fachhochschule.
zvg

Eigentlich wollte ich letzten Sommer nach Kos fliegen. Ausspannen, baden im Meer, Sonne geniessen. Ich verzichtete darauf. Weil ich seit einiger Zeit eine Scham mit mir herumtrage: die Flugscham. Seit mir bewusst ist, dass wir die CO2-Emissionen eindämmen müssen, trage ich dieses Schämen latent mit mir herum. Sobald ich fliege, ins Auto steige, anstatt Fahrrad oder ÖV zu benützen, steigt diese Scham in mir hoch. Sie verschwindet nicht einfach so, wie sie gekommen ist. Ausreden, warum ich trotzdem ins Flugzeug steigen könnte, lagern im Hinterkopf. Doch was will ich mir selber vormachen, aus welcher Schlinge will ich den Kopf ziehen? Die Ausreden überzeugen mich nicht mehr. Keine Lust mehr, mich selbst zu belügen.

Also ein Leben ohne Ausreden? Nein! Mit ihnen habe ich mich doch so völlig selbstverständlich durchs Leben geschlagen wie mit den täglichen drei Mahlzeiten. Den Fussballmatch verloren? Der Trainer hatte kein Konzept. Zu spät gekommen? Der Bus blieb stecken. An der Fahrprüfung durchgefallen? Mein Fahrlehrer ist eine Niete. Die ausgeschriebene Stelle nicht bekommen? Sie haben meine Genialität nicht erkannt. Meine Kinder schlecht erzogen? Schau dir doch mal die Mutter an… Nun, mit Lügen und Ausreden lässt sich die eigene Version der Wahrheit schaffen. Wissenschaftler sagen, kleinere Ausreden und Notlügen seien unabdingbare «Schmiermittel» unserer Gesellschaft. Ausreden haben zugenommen, seit es Internet und Handy gibt. In ein E-Mail verpackt, fallen uns Ausreden leichter. Und dem Gegenüber muss ich dabei nicht mal in die Augen sehen. Die Notlüge kommt, in eine Kurznachricht verpackt, nur klitzeklein daher. Wenn Ihnen diese Kolumne nicht so gut gefällt, müssen Sie berücksichtigen, dass ich für das Schreiben viel zu wenig Zeit gehabt habe. Hätte ich etwas früher beginnen dürfen, dann stünde hier eine sensationelle Kolumne. Keine Ausrede!

Peter Junker, Unternehmungsberater und Dozent an einer Fachhochschule