Publiziert 02. Dez. 2021, 08:57
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Fokus Verkehr

Tempo 30 auf Hauptachsen erzielt nicht gewünschte Wirkung

Flächendeckendes Tempo 30 auf Nebenstrassen ist auch in Winterthur – im Sinne der Verkehrssicherheit – kaum umstritten. Anders sieht es punkto Hauptverkehrsachsen aus. Gemäss Studien nimmt die Lärm- und Klimabelastung mittels Temporeduktion nicht zwingend ab.

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George Stutz
Neu eingeführte Fahrbahnhaltestellen, wie an der Kanzleistrasse in Seen, führen zu mehr Stop-andgos des motorisierten Individualverkehrs und damit zu einer grösseren Lärm- und Klimabelastung.

Neu eingeführte Fahrbahnhaltestellen, wie an der Kanzleistrasse in Seen, führen zu mehr Stop-andgos des motorisierten Individualverkehrs und damit zu einer grösseren Lärm- und Klimabelastung.
George Stutz

Bis 2050 soll nach dem Willen des Stadtrats in Winterthur flächendeckend das Maximaltempo 30 gelten. Viele Nebenstrassen sind bereits heute mit Tempo 30 beschildert, später sollen diese auf eine maximal zulässige Geschwindigkeit von 20 km/h gesenkt werden. Dies primär im Zusammenhang mit der Verkehrssicherheit in Wohnlagen.

Es drohen Mehrkosten

Dass aber auch sämtliche Hauptverkehrsachsen künftig auf maximal 30 km/h gedrosselt werden sollen, stösst auf Unverständnis. Erst letzte Woche hat Stadtbus bekannt gegeben, dass bereits der neu eingeführte 30er-Abschnitt der Rychenbergstrasse dazu führe, dass mehr Busse, beziehungsweise Chauffeure, eingesetzt werden müssen, um den Fahrplan halten zu können. Dies wiederum führt zu jährlichen Mehrkosten im fünfstelligen Bereich. Wird der Zürcher Verkehrsverbund ZVV diese Mehrkosten jedoch nicht übernehmen, droht eine Ausdünnung des Stadtbus-Fahrplanes.

Nicht zwingend bessere Klimawerte

Umwelttechnisch gesehen, wies etwa die deutsche Wissenschaftsakademie Leopoldina bereits 2019 darauf hin, dass moderne Fahrzeuge bei 60 km/h die geringsten CO2-Emissionen aufweisen und so Tempo 30er-Zonen in der Stadt nicht zwangsläufig zu einer Schadstoff- und CO2-Reduktion führen würden. Bereits damals wurde darauf hingeweisen, dass eine Temporeduktion vor allem dann Sinn macht, wenn gleichzeitig der Verkehr flüssiger wird und ständige Stop-and-gos möglichst eliminiert werden.

Flüsterbeläge bis viermal so wirksam

Nicht von ungefähr wird der Aspekt des Klimaschutzes bei Tempo-30-Diskussionen denn auch öfters ausgeblendet. Neben dem (physikalisch begründbaren und erwiesenen) Plus in Sachen Verkehrssicherheit rückt sodann die Lärmreduktion in den Vordergrund. Auch diese ist wissenschaftlich erwiesen, hält aber gemäss Realmessungen nicht das, was versprochen wird. Denn vielfach argumentieren Tempo-30-Befürworter mit einer Reduktion von 3 bis 4 Dezibel. Wie Messungen an verschiedenen 30er-Strassen in Zürich ergeben, unterscheiden sich die berechneten Lärmreduktionen von den gemessenen Werten teils deutlich. Eine Reduktion um 3 Dezibel wurde nirgends erreicht, der Verkehrslärm ging im Durchschnitt um lediglich 1,49 Dezibel zurück. Eine Reduktion, die mit sogenannten Flüsterbelägen auch nach zehn Jahren noch gemessen werden kann. Lärmarme Beläge kommen, gemäss dem Bundesamt für Umwelt BAFU und im Vergleich zu einem normalen Belag, im Schnitt zu einer Reduktion von etwa 6 Dezibel – und dies nachhaltig um eine lange Zeitspanne hinaus. Dies entspricht einem Mehrfachen gegenüber der Lärmreduktion einer Tempodrosselung von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde.

  • Serie zu Verkehrsfragen
    Mit einer Serie zu Verkehrsfragen werden einige Aspekte beleuchtet. Damit soll eine öffentliche Diskussion zu mehrheitsfähigen Lösungen angeregt werden. Winterthur kann sich in Sachen Mobilität einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und an Attraktivität gewinnen, wenn es die verschiedenen Akteure schaffen, gemeinsam Lösungen und Kompromisse zu finden.