Publiziert 26. Okt. 2021, 19:37
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Fokus Verkehr

«Für Radfahrer unhaltbar»

Das Verkehrsprojekt Frauenfelderstrasse entspricht nicht der kantonalen «Richtlinie Velostandards».

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George Stutz
Mit der Verengung der Fahrbahn auf der stadtauswärtsliegenden Seite der Stadtrainbrücke bleibt für die Velofahrer bereits heute wenig Platz. Wie die rot eingezeichnete Markierung zeigt, wird gemäss der städtischen Planung die Situation in Zukunft noch zusätzlich verschärft.

Mit der Verengung der Fahrbahn auf der stadtauswärtsliegenden Seite der Stadtrainbrücke bleibt für die Velofahrer bereits heute wenig Platz. Wie die rot eingezeichnete Markierung zeigt, wird gemäss der städtischen Planung die Situation in Zukunft noch zusätzlich verschärft.
George Stutz

«Fundierte Kenntnisse der Eigenschaften von Velos und von Velofahrenden sind essentiell für die Planung einer guten Veloinfrastruktur. Das Velo ist ein eigenständiges Verkehrsmittel, das eine geeignete Infrastruktur benötigt. Dazu muss es von Beginn weg integral in die Planung und Projektierung einbezogen werden.» So lautet die Einleitung des am 1. September diesen Jahres von der Volkswirtschaftsdirektion, Baudirektion und Sicherheitsdirektion des Kantons herausgegebenen «Richtlinie Velostandards».

Dass die Belange und Platzbedürfnisse der Velofahrer in den Plänen des Tiefbauamtes − gut ersichtlich auch an den entsprechenden Farbmarkierungen auf der Frauenfelderstrasse − kaum berücksichtigt werden, stösst auf Widerstand und hat zu einer Einsprache von rund einem Dutzend Verbänden, Gruppierungen, aber auch Einzelpersonen geführt. Unter den Einsprechenden ist auch Pro Velo Kanton Zürich. Für Kurt Egli, Leiter der Pro Velo Regionalgruppe Winterthur, stimmt unter anderem die Fahrbahnaufteilung der Frauenfelderstrasse nicht: «Den Fussgängern werden richtige Flaniermeilen zugestanden, die restlichen Verkehrsteilnehmenden müssen auf der auf 9,5 Meter verschmälerten Fahrbahnbreite aneinander vorbeikommen. Insbesondere für die Velofahrer bedeutet die geplante Umgestaltung dieser Strasse nicht eine Verbesserung, sondern an manchen Punkten eine deutliche Verminderung der Sicherheit.»

Richtlinien verlangen breitere Radstreifen

Zieht man die kantonalen «Richtlinie Velostandards» herbei, so müssten die Radstreifen wohl noch breiter gekennzeichnet werden. Denn darin wird festgehalten, dass bei Steigungen/Gefälle von mehr als sechs Prozent oder bei einer Verkehrsbelastung von mehr als 600 Lastwagen oder Bussen pro Tag Radstreifen mit mindestens 1,8 Meter Breite markiert werden müssen. Bei einem Verkehrsaufkommen von 17’400 dürfte der Anteil der LKW und Busse über 600 liegen, genaue Zahlen dazu nennt der technische Bericht zum Projekt nicht.

Kurt Egli,<br>Geschäftsleiter Pro Velo Winterthur

«Die Frauenfelderstrasse muss insbesondere für die schwächsten Verkehrsteilnehmer sicher werden»

Wenig Platz zwischen Bus und Inseln

Zu den voraussehbaren, neuralgischen Problemzonen punkto Fahrradsicherheit zählen auch die vorgesehenen Fahrbahnhaltestellen von Stadtbus. Nicht nur, dass diese bezüglich der Priorisierung des ÖV an der Frauenfelderstrasse keinen einsehbaren Nutzen bringen − sie führen zu weiteren Nadelören für die Velofahrer. Wohl bleibt den Fahrradfahrenden zwischen dem haltenden Bus und den neuen Verkehrsinseln Raum, um zu überholen, auch dieser ist jedoch gemäss Kurt Egli zu knapp bemessen: «Das gesamte Projekt ist nicht auf die in Stadtzentren stark aufkommenden Cargobikes mit breiten Transportboxen oder Fahrräder mit Anhängern ausgerichtet.»

Die kantonalen Richtlinien verlangen auch hier, dass bei allen Veloverbindungen geprüft werden soll, ob mit dem Markieren von breiteren Radstreifen dem Veloverkehr mehr Sicherheit und Komfort verschafft werden kann. «Diese Prüfung hat seitens der Winterthurer Verkehrsplanung nicht stattgefunden. Sonst wäre dazu etwas im technischen Bericht gestanden. Und es hätte wohl auch ein anderes Projekt resultiert», stellt Kurt Egli fest.

Nicht nachvollziehbare Spurverengungen

Gefahrenpotenzial birgt aber auch die Abfahrt der Stadtrainbrücke in Richtung Oberwinterthur. Dort sieht die städtische Planung eine Verengung der MIV-Spur von 3,75 Metern auf drei Meter vor. Gleichzeitig soll der über die Brücke führende Radweg nach links in die Strasse hineingezogen werden (siehe Bild oben). Eine neue Insel in der Fahrbahnmitte macht zudem genau an der neuen Engstelle ein Ausweichen nach links unmöglich. Fahren LKW oder Stadtbusse mit Velofahrenden gleichzeitig auf die Verengung zu, sind die seitlich nötigen Sicherheitsabstände nicht einhaltbar und gefährliche Situationen auch hier voraussehbar.

Zusammengefasst ist das Projekt Frauenfelderstrasse nicht nur aus Sicht der Einsprechenden nicht auf die Bedürfnisse der Velofahrer ausgerichtet. Es entspricht in mancherlei Punkten auch nicht den neuen Velostandard-Richtlinien des Kantons.

  • Serie zu
    Verkehrsfragen
    Mit einer Serie zu Verkehrsfragen werden einige Aspekte beleuchtet. Damit soll eine öffentliche Diskussion zu mehrheitsfähigen Lösungen angeregt werden. Winterthur kann sich in Sachen Mobilität einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und an Attraktivität gewinnen, wenn es die verschiedenen Akteure schaffen, gemeinsam Lösungen und Kompromisse zu finden.