Publiziert 13. Okt. 2021, 22:37
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Bericht

Beste Voraussetzungen und trotzdem Stau und Unfälle?

Winterthur hätte schweizweit die besten geografischen und topografischen Voraussetzungen für ein bestens funktionierendes Verkehrssystem. Trotzdem stauen sich die Autos und Velofahrer klagen über fehlende Schnellrouten und zu wenig Sicherheit. Was läuft falsch?

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George Stutz
Winterthur: Im Bereich der A1 und auf Stadtgebiet kommt es eigentlich jeden Tag, vor allem zu Stosszeiten, zu Staus.

Winterthur: Im Bereich der A1 und auf Stadtgebiet kommt es eigentlich jeden Tag, vor allem zu Stosszeiten, zu Staus.
Karte: mapz.com

Die sechstgrösste Stadt der Schweiz hat vier Autobahnausfahrten, zehn Bahnhöfe, ein dichtes Busnetz und liegt nahe am Flughafen. Alle anderen Schweizer Städte mit mehr als 30’000 Einwohnern haben entweder einen See, einen breiten Fluss, eine Hanglage oder die Landesgrenze, oder gleich mehrere dieser Faktoren, die zwar für Lebensqualität sorgen können, aber verkehrstechnisch Probleme bringen. Mit sieben Bahnlinien ist Winterthur
national, international und über die S-Bahn auch regional in alle Richtungen verbunden.


Kürzeste Wege zum Bahnnetz
Der Hauptbahnhof im Stadtzentrum, neun weitere Bahnhöfe auf Stadtgebiet und zehn in den umliegenden Gemeinden ergeben flächendeckend die kürzest möglichen Wege zum Bahnnetz. Und dazwischen fährt alle paar Minuten ein Bus, der, wo es auch geht, priorisiert wird und mit einer international kaum übertroffenen Fahrplan-Stabilität glänzt. Durch die Autobahnen A1 und A4 ist Winterthur an alle Wirtschafts- und Ferienregionen angeschlossen. Die Autobahn umschliesst die Stadt zu etwa zwei Dritteln, mit vier vollwertigen Aus- und Einfahrten, die auch innerstädtisch als Verbindungen genutzt werden. Und der internationale Flughafen ist sowohl per Auto als auch per Bahn in etwa 20 Minuten erreichbar, ohne dass Winterthur unter Fluglärm ernsthaft zu leiden hätte. Und die Arbeitsplatz-, Wirtschafts- und Freizeitmetropole Zürich ist genauso schnell erreichbar.
Alles in allem also perfekte Voraussetzungen für viel Mobilität und ein schnelles Vorankommen von A nach B. Trotzdem sind in den Stosszeiten regelmässig nicht nur die Autobahn rund um die Stadt herum, sondern auch die Hauptverkehrsachsen innerhalb der Stadt verstopft und es entstehen grosse Zeitverluste für den Individualverkehr genauso wie für den Bus. Und die Velofahrer müssen sich ihren Weg teilweise mühsam durch Kolonnen oder Ausweichverkehr suchen. Dadurch entstehen Sicherheitsprobleme und das Wohlbefinden aller Verkehrsteilnehmer leidet. Ausserdem ist Stau ein negativer Wirtschaftsfaktor und kostet uns Jahr für Jahr Milliarden wie verschiedene Studien zeigen.

  • Serie zu Verkehrsfragen
    Mit einer Serie zu Verkehrsfragen werden einige Aspekte beleuchtet. Damit soll eine öffentliche Diskussion zu mehrheitsfähigen Lösungen angeregt werden. Winterthur kann sich in Sache Mobilität einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und an Attraktivität gewinnen, wenn es die verschiedenen Akteure schaffen, gemeinsam Lösungen und Kompromisse zu finden.


Vorteile werden zu wenig genutzt
Woran liegt es also, dass Winterthur in der Disziplin Verkehr nicht brilliert, sondern ähnliche Probleme hat wie andere Grossstädte, die eigentlich viel schlechtere Voraussetzungen hätten? Sind die Verkehrsprobleme hausgemacht oder werden sie zumindest zu wenig konsequent gelöst? Würde Tempo 30 in der ganzen Stadt den Verkehr beruhigen oder erst recht ganz zum Erliegen bringen und sind leistungsfähige Hauptverkehrsachsen wirklich die beste Lösung, um Quartiere vom Schleichverkehr zu befreien? Wie erreichen wir eine nachhaltige Mobilität und die maximal mögliche Aufenthaltsqualität auf dem Weg ans Ziel, ohne uns alle über Gebühr einzuschränken?

Wichtige Entscheidungen stehen an
Die Stadt hat sich zum Ziel gesetzt, mehr Autofahrer aufs Velo oder in den ÖV zu bringen und bis in relativ wenigen Jahren CO2-neutral zu werden. Wie sollen diese Ziele erreicht werden, ohne dass über jede einzelne Massnahme emotional und grundlegend gestritten wird? Und kann der ÖV dieses Volumen überhaupt aufnehmen und transportieren? Und wo nehmen wir den Platz für all die Veloschnellrouten her? In der Stadt Winterthur werden in den kommenden Jahren wichtige Weichen gestellt und Verkehrs-Entscheide für die Zukunft gefällt. All diese Fragen und noch viel mehr stehen dabei zur Diskussion.

Winterthur: agil-mobil

Der Verein setzt sich zum Ziel, die Attraktivität des Standorts Winterthur durch eine zukunftsweisende Verkehrspolitik zu steigern.

www.agil-mobil.ch

Neue Führung für agil-mobil

Christian Modl, Rechtsanwalt und ehemaliger Geschäftsführer des KMU-Verbandes und der Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterhur, wurde neu zum Präsidenten des Verkehrsverbandes Winterthur: agil-mobil gewählt. Er löst damit Christoph Magnusson nach sieben Jahren ab.

Was bleibt Ihnen in Erinnerung?
Christoph Magnusson (Foto): Für die vielseitige Unterstützung meiner Arbeit bin ich dankbar, und ich schaue auf erfreuliche Erlebnisse wie die gewonnene PPVO-Abstimmung 2015 zurück, aber auch auf ganz viele kleine und grosse Baustellen, wo wir versucht haben, die Planung etwas in unserem Sinne zu beeinflussen.

Ist agil-mobil die Autolobby von Winterthur?
Wir haben in den letzten Jahren ein klares Profil aufgebaut, und wer uns fair beurteilt, muss uns zugestehen, dass wir faktenbasiert agieren und keine Autolobby sind – im Gegensatz zu anderen Verkehrsverbänden setzen wir uns halt für alle Verkehrsteilnehmer ein, also nebst Fussgängern und Velofahrern auch für Autos, Motorräder und LKW.

Wie sieht Ihr Fazit aus?
Meinem Nachfolger übergebe ich viele offene Projekte und laufende Verfahren, bei denen wir – besonders in letzter Zeit – immer wieder dem Bauamt auf die Finger klopfen mussten. Es ist nach wie vor sehr wichtig, dass wir uns für ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Verkehrsteilnehmer und genügend Verkehrsfläche einsetzen.

Und nun zum neuen Präsidenten: Weshalb haben Sie agil-mobil übernommen?
Christian Modl (Foto): Mich reizt es einfach, mit vielen verschiedenen Akteuren Lösungen zu suchen, und ich übernehme dieses Amt mit viel Freude, aber auch Respekt. Inhaltlich werde ich mich einarbeiten müssen, aber weil ich die meisten Personen schon kenne, sollte es mir leichtfallen, die richtigen Kontakte zu knüpfen.

Was wird die grösste Herausforderung sein?
Im Vordergrund steht für mich die Kommunikation. Intern und mit den anderen Verbänden funktioniert das bereits gut, und mit der Stadt wollen wir vor allem den frühzeitigen Austausch bei grösseren Projekten verbessern.

Was ist Ihr Ziel?
Ich hoffe, dass wir es schaffen, die guten Voraussetzungen in Winterthur für eine intelligente Mobilität und damit ein effizientes Vorankommen für alle beizubehalten beziehungsweise zu verbessern. Grundlage dafür ist eine zukunftsgerichtete, ideologiefreie Verkehrspolitik.