Publiziert 08. Sep. 2022, 06:00
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100 Jahre Eingemeindung

Winterthurs Weg in die Gegenwart

Vor hundert Jahren wurde Winterthur zur Grossstadt. Was die Eingemeindung 1922 bedeutete, wie sich die Stadtkreise seither verändert haben und wie die Stadt den bestehenden Wachstum bewältigen will, ist aus dem Neujahrsblatt 2023 herauszulesen.

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Ramona Kobe

In der Nacht vom 31. Dezember 1921 auf den 1. Januar 1922 fand offiziell zusammen, was zusammengehört: Die Stadtgemeinde Winterthur schloss sich mit ihren bisher eigenständigen Vororten Töss, Veltheim, Wülflingen, Oberwinterthur und Seen zusammen. Aus knapp 27‘000 Einwohnerinnen und Einwohnern wurden 50‘000, aus Winterthur wurde Gross-Winterthur. Dass die Eingemeindung vor hundert Jahren keine Liebesheirat war, sondern eine längere Leidensgeschichte mit unzähligen Grundsatzpapieren, epischen Kantons- und Gemeinderatsdiskussionen und einer letztendlich überraschend deutlichen Abstimmung im Kanton Zürich, zeigt das Neujahrsblatt 2023 der Stadtbibliothek Winterthur auf – das erste Buch, das sich umfassend mit der Thematik beschäftigt, wie Peter Niederhäuser, Hauptautor der 360. Ausgabe, erzählt. «Eine Dissertation, die zehn Jahr nach der Eingemeindung erschien, behandelt primär die wirtschaftlichen Hintergründe.» «Geburtsstunde einer Grossstadt» hingegen stelle die hürdenreiche Geschichte der Stadtvereinigung in Wort und Bild dar. «Es ist quasi ein kommentiertes Bilderbuch zur Grossstadt Winterthur», sagt der Historiker.

Die insgesamt 160 Abbildungen, verteilt auf 184 Seiten, «machen dieses Buch aus», ist Niederhäuser überzeugt. Mit dem randabfallenden Format erhielten die qualitativ hochstehenden Bilder jenen Platz, den sie verdienen würden. Auch andere Dokumente wie Karten, Zeitungsartikel und Briefe, die der Winterthurer in den Archiven Zürichs und Winterthurs fand, werden gezeigt. Beispielsweise ein Stadtplan aus dem Jahr 1913, der das langsame Ausgreifen der Stadt mit dem Industrieareal Richtung Töss und den Wohnvierteln Richtung Veltheim zeigt. Oder ein Protestbrief der Einwohnenden der Weiler Töbeli, Tösswies und Bolstern, die mit einer Petition vom Regierungsrat die Zuteilung an die Gemeinde Zell-Kollbrunn verlangten.

Auswirkungen bis in die Gegenwart

Das Neujahrsblatt ist in vier Teile gegliedert. Die Geschichte der Eingemeindung, das theoretisch wichtigste, wie Niederhäuser sagt, kommt zu Beginn. «Das mag langweilig klingen. Auch ich war zuerst skeptisch.» Wenn man sich aber tiefgründig damit beschäftige, merke man, dass die Auswirkungen des Zusammenschlusses der Stadtkreise bis in die Gegenwart zu spüren seien. So gab es zwar 1972/73 im Zusammenhang mit der Schaffung des neuen Stadtkreises Mattenbach Anpassungen, aber erst 2021 wurde die Gemeindeordnung von 1921 auf eine neue, zeitgemässe Grundlage gestellt.

Weiter ging Niederhäuser für seine neueste Publikation der Frage nach, ob vor hundert Jahren tatsächlich eine grossstädtische Identität entstand oder die Vororte nicht vielmehr in einem nostalgischen dörflichen Selbstbewusstsein verharrten. Und auch, was der Zusammenschluss den Gemeinden brachte und ob das finanzielle Ungleichgewicht mit dem Zusammenschluss überwunden und ausgeglichen werden konnte.

Gross-Winterthur: Sechs
Gemeinden werden eine Stadt.
Ausschnitt aus der Postkarte
um 1912 zur Propagierung der
Eingemeindung, die den Grossraum Winterthur zeigt, mit den noch unbereinigten Grenzen.

Gross-Winterthur: Sechs Gemeinden werden eine Stadt. Ausschnitt aus der Postkarte um 1912 zur Propagierung der Eingemeindung, die den Grossraum Winterthur zeigt, mit den noch unbereinigten Grenzen.
winbib

Stadtkreise im Fokus

Das 360. Neujahrsblatt solle aber mehr sein als nur eine Wiedergabe der Eingemeindung, findet Niederhäuser. So haben man bewusst die sechs Stadtkreise in den Fokus gerückt. Aus zwei Gründen. Erstens gehe gerne vergessen, dass die meisten der Vororte, wären sie eigenständig, «richtige» Städte innerhalb des Kantons wären. «Zweitens fehlen die einzelnen Stadtkreise in den beiden Büchern zur Stadtgeschichte, die 2014 zum 750-Jahre-Jubiläum des Winterthurer Stadtrechts herauskamen.»

Über Veltheim, Oberwinterthur, Seen und Wülflingen hat der Historiker selbst geschrieben, das Kapitel zur ehemaligen Winzergemeinde Töss hat Nadia Pettannice verfasst, das «Experimentierfeld» Mattenbach hat Miguel Garcia genauer unter die Lupe genommen. «Dabei werden nicht nur Verwaltungs- und Steuerproblematiken diskutiert», sagt Niederhäuser. «Wir wollen auch aufzeigen, was es für die Bevölkerung bedeutete, wenn die eigene Verwaltung plötzlich weit weg im Zentrum und nicht mehr im eigenen Dorf ist.» Denn während für viele Winterthurerinnen und Winterthurer – so auch für Stadtpräsident Mike Künzle, wie er im Vorwort schreibt – «die Stadt» das historische Zentrum sei, würden viele Wülflingerinnen, Oberwinterthurer oder Veltemerinnen im Gegensatz dazu nach wie vor vom «Dorf» als Synonym für die historischen Dorfkerne sprechen.

Grossstadt Winterthur in der Zukunft

Die plötzlich doppelt so grosse Stadtbevölkerung hatte auch Auswirkungen auf den öffentlichen Verkehr, die Trinkwasserversorgung oder das Schulwesen, wie Niederhäuser erläutert. «Tatsächlich gingen die Meinungen in der Frage der Zentralisierung des Schulwesens weit auseinander; dieses Thema war eines der am meisten diskutierten überhaupt.» Die Sozialdemokraten wünschten sich einen einzigen Schulkreis, dem hatte die bürgerliche Mehrheit etwas auszusetzen. Der Stadtrat selbst hatte drei Schulkreise vorgeschlagen. «Schliesslich wurde als ‹Kompromiss› die Bildung von Schulkreisen auf der Grundlage der ehemaligen Gemeinden beschlossen, wobei ausdrücklich die Möglichkeit einer späteren Zusammenlegung festgeschrieben wurde», so Niederhäuser. «Damit war niemand glücklich. Und doch hat das System hundert Jahre gehalten.»

Stadtbaumeister Jens Andersen

«Wir haben den Platz und die Mittel, um die Herausforderungen eigenständig stemmen zu können»

Auch die Zukunft ist im Neujahrsblatt 2023 ein Thema. «Winterthur wird weiterwachsen», schreibt Reto Westermann im letzten Kapitel. Bewältigen wolle die Stadt das Wachstum und die damit verbundenen Herausforderungen aber nicht durch die Fusion mit angrenzenden Gemeinden, sondern durch eine gezielte Entwicklung nach innen. «Wir haben den Platz und die Mittel, um die Herausforderungen eigenständig stemmen zu können», lässt sich Stadtbaumeister Jens Andersen im Buch zitieren. Sowieso spüre man von Seiten der in Frage kommenden Gemeinden aktuell keinen Bedarf, führt Mike Künzle aus. Ganz persönlich ist der Stadtpräsident aber der Meinung, dass ein Zusammenschluss oder zumindest eine wesentlich engere Zusammenarbeit über die Stadtgrenzen hinaus sinnvoll wäre, wie er schreibt: «Gerade wenn es in kleinen Orten immer schwieriger wird, alle Ämter zu besetzen, kann ein Zusammengehen mit Nachbargemeinden durchaus ein guter Lösungsansatz sein.»

Geburtsstunde einer Grossstadt. Hundert Jahre Winterthurer Eingemeindung. Mit Beiträgen von Andres Betschart, Miguel Garcia, Werner Huber, Beat Märki, Peter Niederhäuser, Nadia Pettannice, Regina Speiser und Reto Westermann. Erhältlich ab dem 9. September in der Stadtbibliothek Winterthurer und im Buchhandel.

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