Publiziert 24. Juli 2022, 11:00
8472

Kurzfilm von Konstantin Shishkin

Von Moskau nach Seuzach

Seuzach erhält einen eigenen Film. Darin geht es aber nicht um die 7500-Seelen-Gemeinde, sondern um eine tragische Familiengeschichte aus Russland. In seiner Diplomarbeit behandelt Regisseur Konstantin Shishkin das «Tabuthema» Tod und die Erinnerung an die eigenen Vorfahren.

R
Ramona Kobe

Tiefer Winter 1975 in einem Vorort Moskaus. Ein kleiner Junge stapft dick eingepackt durch den Schnee ins Dorf runter. Seine Aufgabe: einen Arzt anrufen, der sich um seinen Grossvater kümmern kann. Dieser hat eine schwere Erkrankung an der Galle und braucht medizinische Versorgung. Doch auch der Dorfdoktor kann nicht mehr viel tun für den betagten Russen und rät der Familie, mit ihm ins Krankenhaus zu fahren. Erneut ist es der Enkel, der ins Dorf geschickt wird, um dem Grossvater dicke Wollsocken zu besorgen, die während seines Spitalaufenthalts für warme Füsse sorgen sollen. Ohne seinen Auftrag zu hinterfragen, macht sich der Junge auf den Weg. Nichtsahnend, dass er seinen Grossvater nie mehr lebend zu Gesicht bekommen wird.

Ob es ein Trick war, den Jungen wegzuschicken, damit er nicht sehen muss, wie sein Grossvater stirbt? «Gut möglich», antwortet Konstantin Shishkin. «Mit Kindern über den Tod zu sprechen, war in der Sowjetunion ein Tabuthema.» Der Junge in der Geschichte ist sein Vater, der alte Mann folglich sein Urgrossvater. «Mein Bruder hat unseren Vater vor ein paar Jahren gebeten, seine Erinnerungen an seine Kindheit in Moskau aufzuschreiben», erzählt Shishkin weiter. Nebst schönen Momenten, wie etwa dem gemeinsamen Fussballspielen in der Datscha − ein russisches Landhaus −, habe er sich eben auch an den Tag erinnert, an dem sein Grossvater gestorben sei. «Die Geschichte hat mich fasziniert», sagt der 26-Jährige. So sehr, dass er sich entschieden hat, die Geschichte zu verfilmen. Adaptiert an die Schweiz und die heutige Zeit. Denn: «Hier und heute ist das Sterben nicht mehr natürlicher Teil unseres Lebens. Es passiert weit weg im Altersheim oder im Spital − klinisch und spurlos», findet Shishkin, der an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Film studiert.

Berühmte Namen dabei

Sein Kurzfilm spielt allerdings nicht in Russland, sondern in Seuzach. «Im Haus meiner Grosseltern, wo ich aufgewachsen bin», erzählt Shishkin. Die 7500-Seelen-Gemeinde bei Winterthur hat seiner Diplomarbeit auch den Arbeitstitel gegeben. «Seuzach» handelt von einem zwölfjährigen Jungen, der seine Sommerferien nicht draussen mit Freunden verbringt, sondern mit seiner Mutter zum sterbenden Grossvater aufs Land fahren muss. Der Film spiele in zwei Zeiten; der Gegenwart und der Vergangenheit. «Nur so gelingt es mir, die Beziehung zwischen dem Grossvater und dem Jungen aufzuzeigen.»

Dabei versucht der Filmstudent, so viel wie möglich von den Erzählungen seines Vaters zu übernehmen. «Die Szene mit den Socken etwa kommt vor», verrät Shishkin. Oder eine Familienfeier, die den Charakter seines Urgrossvaters widerspiegle. «Während des Sommerfestes beginnt es plötzlich zu regnen. Alle rennen rein, nur der alte Mann, dieser Sturkopf, bleibt draussen sitzen.» Diese eine Szene müsse er noch drehen, der Rest sei im Kasten. «Die Feuerwehr Seuzach konnte ich für den künstlichen Regen bereits aufbieten», freut sich Shishkin. Was ihm noch fehle, sei eine Familie. Weil man mit Schauspielern so eine Szene nicht real genug nachstellen könne, suche er nun nach einer richtigen Familie, die in seinem Film mitspielen wolle. «Das ist aber einfacher gesagt als getan.»

Für eine der Rollen konnte er Charlotte Schwab gewinnen, die seit Jahren immer wieder im deutschen Fernsehen zu sehen ist.

Für eine der Rollen konnte er Charlotte Schwab gewinnen, die seit Jahren immer wieder im deutschen Fernsehen zu sehen ist.
zvg

Das musste der Halbrusse bereits feststellen, als er Schauspielerinnen und Schauspieler für die zu besetzenden Rollen suchte. Den ganzen letzten Sommer habe er damit verbracht, mit Flyern und in Theatergruppen den geeigneten Jungen – den Hauptdarsteller spielt Alexander Eisner – zu finden. «Ich wollte den richtigen Jungen für diese anspruchsvolle Rolle finden», so Shishkin. Die Mutter verkörpert Eveline Suter, bekannt aus der Schweizer Musical-Szene, Charlotte Schwab, seit vielen Jahren immer wieder im deutschen Fernsehen zu sehen, spielt die Frau des Grossvaters. Die Rolle des Grossvaters konnte er mit dem 85-jährigen Klaus-Henner Russius besetzen.

Über unlösbare Verknüpfungen sprechen

Fertig sein – inklusive Schnitt, Sounddesign und Tonmischung – soll der Kurzfilm, der am Ende zwischen 15 und 20 Minuten dauern wird, in rund einem halben Jahr. «Noch vor einem Monat gefiel mir der Film überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, beim Dreh Fehler gemacht zu haben», gesteht der Jung-Regisseur. Aber: «Zusammen mit meinem Editor Tim Egner haben wir Lösungen für die vermeintlichen Probleme finden können, sodass ich jetzt sehr zufrieden bin.»

So freue sich Konstantin Shishkin bereits, wenn die finale Version bei seiner Diplomfeier an der ZHdK gezeigt werde. Er hofft, dass ihn auch das eine oder andere Filmfestival ins Programm aufnehmen wird – oder gar das Schweizer Fernsehen Interesse daran äussert. «Und wenn nicht, geht auch keine Welt unter», meint der Zürcher. Er mache diesen Film nicht für grosse Zuschauergruppen. «Ich will eine Geschichte erzählen, die Menschen erlebt haben, die ich zwar nicht alle kannte, zu denen ich aber trotzdem einen engen Bezug habe», sagt Shishkin. Und er ergänzt: «Der Film ist eine wunderbare Möglichkeit, um über die unlösbare Verknüpfung aller Geschichten zu sprechen. Von unserer Geschichte, zu der unserer Eltern, derer zu ihren Eltern − und immer so weiter.»