Publiziert 03. Juni 2022, 07:00
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Tanztheater für Kinder und Erwachsene

Schneewittchen neu getanzt

250 Tänzerinnen und Tänzer – Gross und Klein – vom Ballett- und Tanzstudio Elvira Müller zeigen am 10. und 11. Juni das Stück Schneewittchen im Theater Winterthur. 84XO war an einer der Proben dabei.

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Ramona Kobe

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Schneewittchen, eines der berühmtesten Märchen der Welt, wurde schon tausendmal erzählt, parodiert, vertont und verfilmt. Auch für das Ballett- und Tanzstudio Elvira Müller ist der Klassiker der Brüder Grimm Inspirationsquelle für die Aufführungen vom 10. und 11. Juni im Theater Winterthur. Die 1977 gegründete Tanzschule erzählt die Geschichte neu – mit viel Schnee, Spiegeln und Äpfeln, aber auch jede Menge Gefühl und noch mehr Herz. «Wir sind von den typischen Symbolen ausgegangen und haben die Geschichte an diesen aufgehängt», sagt Andrea Ritzman, die seit Jahren an der Tanzschule unterrichtet und das Stück zusammen mit Petra Barben – ebenfalls Lehrerin im Tanzstudio – einstudiert hat.

Die Produktion hätte bereits vor einem Jahr gezeigt werden sollen. «Wir haben nach einer bekannten Geschichte gesucht, die sich auch mit Corona-Massnahmen, etwa Abstand auf der Bühne, hätte erzählen lassen», sagt Ritzman. Das Konzept sei bereits fixfertig gewesen, als man entschied, die Aufführung auf diesen Juni zu verschieben. «Das Projekt hatten wir eigentlich beerdigt, aber irgendwie ist dieses Schneewittchen durchs Hintertürchen wieder reingeklettert.»

Jüngste Tänzerin ist dreijährig

Auf der Bühne stehen Ritzmann und Barben zusammen mit rund 250 weiteren Tänzerinnen und Tänzern von Klein bis Gross. Die jüngste Tänzerin ist drei Jahre alt, die älteste über 50. «Die grösste Herausforderung war, das Märchen so zu drehen und zu wenden, dass es sowohl für Kinder als auch Erwachsene attraktiv ist», erzählt Andrea Ritzmann. «Und natürlich, die Solisten-Rollen zu verteilen. Diese Aufgabe finde ich jeweils extrem schwierig, weil ich es nicht allen recht machen kann.»

Andrea RItzmann

«Die grösste Herausforderung war, das Märchen so zu drehen und zu wenden, dass es sowohl für Kinder als auch Erwachsene attraktiv ist»

Geübt haben die 25 Klassen seit den Sportferien mehrheitlich für sich, lediglich an zwei Wochenenden im Mai kamen alle zu den Turnhallenproben zusammen. Wer sich die Proben laut und chaotisch vorstellt, liegt falsch. War die Musik aus, war es mucksmäuschenstill in der Turnhalle des Schulhaus Mattenbach, nur das eine oder andere «Pssst» oder taktvolle Händeklatschen von Andrea Ritzmann war zu hören. Sie stand in der Mitte der Halle auf einem Tisch, gab letzte Anweisungen, zeigte den Jüngsten die Tanzschritte vor. «Es kommen unglaublich viele Charakteren zusammen», sagt die Tanzlehrerin. Die einen müsse sie pushen, andere wiederum fast bremsen. Weiter sei es wichtig, dass die Kinder während den Proben motiviert blieben. «Erwachsene auf der anderen Seite brauchen viel Zeit, bis sie volles Vertrauen und keine Hemmungen mehr haben.»

Gründerin nur noch im Hintergrund dabei

Die Aufführung Schneewittchen verkörpert die breite Stilpalette, die das Studio anbietet: Sowohl Ballett als auch Jazz und Hiphop wird während den rund zwei Stunden getanzt – als Schneeflocken und drei Blutstropfen etwa. Aber auch als Äpfel, Nebel oder Trauer verkleidet zeigen die Tänzerinnen und Tänzer ihre Choreografien. Die Kostüme sind alles Eigenproduktionen, die Aniela Kremser, die am Opernhaus Zürich als Schneiderin arbeitet, zusammen mit weiteren Helferinnen und Helfern genäht hat. Letztere schwirrten an den Proben zwischen den einzelnen Gruppen umher, um die letzten Änderungen an den Kleidern vorzunehmen, Frisuren mit Haarspray zu fixieren und Ballettschuhe zu schnüren.

Gründerin der Tanzschule Elvira Müller (links) hat zum ersten Mal nichts zur Produktion beigetragen. Die Regie führen ihre beide Tanzlehrerinnen Andrea Ritzmann (Mitte) und Petra Barben.

Gründerin der Tanzschule Elvira Müller (links) hat zum ersten Mal nichts zur Produktion beigetragen. Die Regie führen ihre beide Tanzlehrerinnen Andrea Ritzmann (Mitte) und Petra Barben.
Fotomontage: rk / zvg

Mittendrin war die Gründerin des Tanzstudios höchstpersönlich, die das Geschehen mit aufmerksamen Blick verfolgte. Elvira Müller gefiel, was sie sah. «Ich bin bereits sehr zufrieden.» Zum ersten Mal hat Müller, die an der Ballettschule des Basler Theaters ausgebildet wurde, nichts zur Produktion beigetragen und alles ihrem Team überlassen. «Was dieses zusammen mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet hat, ist überwältigend.» Nun gelte es, die Abläufe zu perfektionieren. Denn: «Auf der Bühne, wenn Bühnenbild und Licht hinzukommen, ist nochmal alles anders.» Sie selbst werde keinen der Auftritte verpassen: «Schliesslich bin ich nach wie vor die Chefin.»

Ein bisschen Lampenfieber muss sein

Nebst dem gesamten Stück von A bis Z wurde an den Turnhallenproben auch der Applaus geübt. Damit alle 250 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne Platz finden, wird nichts dem Zufall überlassen. Ganz vorne sitzen die Kleinsten, darunter die sechsjährige Leonie Kübler. Sie hat vor einem Jahr mit Tanzen begonnen. Am Stück Schneewittchen gefällt ihr alles. Und was ist schwierig? «Immer mit dem richtigen Fuss zu beginnen, damit die Schritte am Schluss aufgehen», sagt sie.

Als «Tännli» verkleidet stehen die jüngsten Tänzerinnen auf der Bühne.

Als «Tännli» verkleidet stehen die jüngsten Tänzerinnen auf der Bühne.
zvg

Wesentlich mehr Routine hat Sophia Mehlmann. «Nach elf Jahren Tanzunterricht weiss ich, dass ich mir nicht zu viel Druck machen darf. Fehler passieren. Wichtig ist, aus diesen zu lernen», sagt die 15-Jährige, der die Rolle des Schneewittchens zugesprochen wurde. Nervöser als bei anderen Aufführungen ist sie deswegen aber nicht. Ein bisschen Lampenfieber gehöre dazu. «Dieses verschwindet aber, sobald ich auf der Bühne stehe und die ersten Schläge der Musik ertönen.»

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