Publiziert 13. Nov. 2022, 09:00
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Dominic Deville im Interview

«Rampensäue kann man nicht heranzüchten»

Wer sich traut, darf sich auf der Casinotheater-Bühne versuchen. Satiriker Dominic Deville sucht mit seinem Format «Rampensau» monatlich Talente, die etwas präsentieren wollen. Ein Gespräch über den inneren Sauhund, grosse Egos und Menschen, die alles auf eine Karte setzen.

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red
Dominic Deville: «Rampensäue sind eine fast ausgestorbene Gattung in Zeiten, in denen sich jeder nach aussen hin perfekt zu inszenieren versucht, um keine Angriffsfläche zu bieten.»

Dominic Deville: «Rampensäue sind eine fast ausgestorbene Gattung in Zeiten, in denen sich jeder nach aussen hin perfekt zu inszenieren versucht, um keine Angriffsfläche zu bieten.»
Aissa Tripodi

In seiner eigenen Late-Night-Show «Deville» gibt er sich eloquent, pointiert und charmant ironisch. Jeden Sonntagabend wirft Dominic Deville im Schweizer Fernsehen einen Blick auf aktuelle Geschehnisse – und zwar amüsant-provokativ. Im Casinotheater Winterthur rückt er zudem junge Kabaretthoffnungen ins Rampenlicht. Jüngst erhielt der 47-Jährige den renommierten Kleinkunstpreis «Salzburger Stier», weil sich der «charmant unverschämte Kabarettist» laut Jury zur «unverzichtbaren Stimme der Schweizer Politsatire» gemacht hat. 84XO hat Deville zum Interview getroffen.

Dominic Deville, das Format «Rampensau» gibt es schon eine Weile. Bis 2016 hat es Nik Leuenberger geführt. Oder waren auch Sie da bereits involviert?

Dominic Deville: Eigentlich ist es so, dass Pascal Mettler, Nik Leuenberger und ich damals die «Rampensau» gemeinsam im Casino etabliert haben. Dies, nachdem der «Böse Montag» im Theater am Hechtplatz in Zürich abgesetzt wurde und Pascal und ich einen anderen Ort für eine offene Bühne suchten – und diesen im Casinotheater Winterthur fanden. 

Was ist Ihre Motivation hinter der «Rampensau»?

Jungen Künstlerinnen und Künstlern und solchen, die es werden wollen, eine Bühne zu bieten. Ausserdem gibt es bei der «Rampensau» etwas, nachdem man ihm heutigen Theater- und Comedybetrieb lange suchen muss: Anarchismus, Spontanität und die Gefahr, grandios vor Publikum zu scheitern. Ein grosser Spass. Vor allem für das Publikum.

Welche Auftritte haben Sie bisher am meisten beeindruckt?

Alle Auftritte, die etwas Neues zeigen, die etwas wagen. Menschen, ja Rampensäue, die keine Angst kennen oder sich der eigenen Angst auch mal zu versagen stellen und alles auf eine Karte setzen. Dabei kann es sich um einen älteren Herrn handeln, der aus seinen eigenen Krimis vorliest, einen gehörlosen Trommelspieler, der das Publikum in seinen Bann zieht, eine Stand-up-Komikerin, die ihre Witze singend vorträgt oder eine junge Magierin, welche die «Rampensau»-Bühne nutzt, um für einen internationalen Wettbewerb zu üben.

Auch prominente «Rampensäue» sind ab und zu mal zu Gast, richtig?

Ja. Es ist schön, dass auch gestandene Künstlerinnen und Künstler immer wieder einmal die Gelegenheit nutzen, brandneues Material vor Publikum zu testen. Stefan Büsser, Gabriel Vetter, Joel von Mutzenbecher, Charles Nguela, Michael Elsener und Hazel Brugger haben schon bei unserer offenen Bühne vorbeigeschaut. Viktor Giacobbo sitzt meistens im Publikum und wacht über allem.

Die Vorführungen auf der Bühne sind ganz unterschiedlich, sagen Sie. Gibt es von etwas zu viel?

Für mich kann es nie genug Zauberer haben.

Was kam noch nie auf der Bühne vor?

Ich erwarte Tiernummern! Eine echte Rampensau auf der Bühne wäre der pure Wahnsinn.

Sie sind vor allem in der Comedy zuhause – schaffen es «Rampensäue» auch zu «Deville» ins SRF?

Genau aus diesem Grunde habe ich die «Rampensau» auch immer moderiert, obwohl ich kaum Zeit habe, während «Deville» auf SRF läuft: um Ausschau nach jungen, unverbrauchten Talenten zu halten. Ein Beispiel wäre Michelle Kalt, die ich von der Bühne weg für unsere Satiresendung «rekrutiert» habe. Als unsere TV-Anwältin ist sie nun bald drei Jahre mit im Boot.

Die Zuschauenden sitzen auch auf der Bühne, das schafft einen intimen Rahmen. Inwiefern?

Vorbeikommen und selbst erleben. Ich kann ein einzigartiges Kleinkunsterlebnis garantieren, welches man so selten woanders erleben kann. Und das zu einem unverschämt günstigen Eintrittspreis, soll ich von Viktor Giacobbo ausrichten.

Dominic Deville

«Für solch grosse Egos ist der Casinosaal genau richtig»

Wieso mietet man keinen kleineren Raum, sondern das grosse Casinotheater?

Für solch grosse Egos, die es auf die «Rampensau»-Bühne zieht, ist der Casinosaal genau richtig!

Was definiert eine Rampensau? Kann man das Rampensau-Sein auch erlernen?

Rampensäue sind eine fast ausgestorbene Gattung in Zeiten, in denen sich jeder nach aussen hin perfekt zu inszenieren versucht, um keine Angriffsfläche zu bieten. Eine richtige Rampensau kann nichts dafür, dass sie so ist, wie sie ist. Sie muss unbedingt gehegt und gepflegt werden, weil sie uns allen guttut und unser Leben ungemein bereichern kann, wenn man sich auf sie einlässt. Und nein: Rampensäue kann man nicht heranzüchten. Höchstens entdecken und fördern. Mit eben solchen Auftrittsmöglichkeiten, die das Casinotheater seit Jahren bietet. 

Wie kann man den inneren Sauhund überwinden und auf die Bühne stehen?

Man kann den inneren Sauhund nicht überwinden. Wenn er stark genug ist, überwindet er dich und zieht dich an der Leine raus ins Scheinwerferlicht.

Erhalten die Rampensäue eine (symbolische) Gage für ihren Mut?

Enthalten ist ein Büffet aus der Casinoküche, genügend Getränke sowie wertvolle Ratschläge von professionellen Rampensäuen wie mir, die man getrost in den Wind schiessen kann. Oder sich zu Herzen nimmt und seinen Weg auf der Bühne weitergeht.

Die nächste Ausgabe von «Rampensau» findet morgen Montag, 14. November, um 20 Uhr im Casinotheater Winterthur statt.

Interview: Gaël Riesen

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