Publiziert 15. Nov. 2021, 11:58
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Winterthurer Illustratorin Sophie Graff im Porträt

«Oft fehlt das Verständnis, dass Kreatives kostet»

Seit Anfang 2018 ist Sophie Graff selbstständige Illustratorin. Ihr jetziges Wirken hat die Winterthurerin unter anderem dem «Göde» zu verdanken, der legendären, aber nun geschlossenen Bar am Untertor.

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Michael Hotz
An ihrem Arbeitsplatz lässt die ansonsten gut organisierte Sophie Graff gerne das Chaos walten.

An ihrem Arbeitsplatz lässt die ansonsten gut organisierte Sophie Graff gerne das Chaos walten.
Michael Hotz

Ende September gingen die Lichter im Traditionslokal Gotthard für immer aus. Die Pandemie führte zur Schliessung des legendären «Göde», das jahrelang 24 Stunden geöffnet hatte. «Dass es nun geschlossen ist, finde ich mega schade. Dort trafen alle Schichten aufeinander, es war für mich wie ein zweites Zuhause», erzählt Sophie Graff, die die Bar am Untertor und ihre Stammgäste so gut kannte wie wenige andere. Rund zehn Jahre arbeitete sie dort im Service.

Das Lokal hat für die 32-jährige Winterthurerin, die in Steg aufgewachsen ist, nicht bloss einen nostalgischen Wert, weil sie dort gearbeitet hat. «Ich habe dem ‹Gotthard› viel zu verdanken. Es hat mir bei meinem Weg in die Selbstständigkeit oft geholfen», so Graff. Seit Anfang 2018 ist sie als selbstständige Illustratorin gemeldet, aber bereits zuvor war sie künstlerisch tätig. Für den Abschluss ihres Studiums als Illustratorin in Luzern verfasste Graff die Masterarbeit «24 Stunden für sie da – Beobachtungen aus einer Bahnhofbeiz», die später als Bildband erschienen – mit Skizzen sowie aufgeschnappten Zitaten und Szenen aus dem «Göde». Das Traditionslokal war auch einer ihrer ersten Auftraggeber, sie durfte regelmässig die Fensterscheiben bemalen. Dies fiel anderen Ladenbesitzenden auf, wodurch sie zu weiteren Aufträgen kam.

Graffs Engelsflügel im «Bolero»

Die klassische Mund-zu-Mund-Propaganda, sie funktioniert im Fall von Graff. «Ich werde oft gebucht, weil die Auftraggeber mich und meine Arbeit kennen», sagt sie. Sie macht für Gastrobetriebe und Läden sehr viele Wandmalereien – sogenannte Murals. Für die Burger-Kette Holy Cow hat Graff, die in Vevey geboren ist, die Wände der Filialen in Basel und Genf gestaltet. Die Engelsflügel im Club Bolero stammen ebenfalls aus ihrer Feder. Und jüngst hat die Winterthurer Illustratorin den Garderobenbereich der Naturspielgruppe Chugel-Näscht im glarnerischen Schwanden in ein Tierreich verwandelt.

Zu Beginn ihrer Selbstständigkeit störte Sophie Graff die Unsicherheit, ob sie Aufträge erhält. «Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt.»

Zu Beginn ihrer Selbstständigkeit störte Sophie Graff die Unsicherheit, ob sie Aufträge erhält. «Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt.»
Michael Hotz

Über die Jahre hat Graff in ihrer Selbstständigkeit gelernt, auf ihr Können zu vertrauen – und darauf, dass immer wieder Aufträge reinkommen. «Zu Beginn störte mich die Unsicherheit, mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt. Jetzt geniesse ich diese Freiheit.» Sie müsse einfach stets ihre Arbeit gut machen, dann werde sie auch in Zukunft wieder gebucht.

Wenn ein neuer Auftraggeber auf sie zukommt, ist es für Graff wichtig, dass sie sich mit diesem versteht. «Ich muss die Person gut einschätzen können, um nachzuvollziehen, was sie sich vorstellt. Wenn das nicht klappt, lehne ich den Auftrag ab.» Bis anhin habe sie aber nur gute Erfahrungen gemacht. Die Menschenkenntnis, die sie sich über die Jahre als Servicekraft erarbeitet habe, helfe ihr dabei.

Mehr Praxis im Studium

Natürlich muss auch Graff Akquise betreiben, um an neue Aufträge heranzukommen. Während ihres Masterstudiums sei sie gut unterstützt worden, was das Selbstmarketing betreffe. «Es hätte aber durchaus noch mehr sein können. Kunstschaffende stehen oft alleine da, wenn sie sich selbstständig machen», sagt die Winterthurerin, die nebenbei Teilzeit die Fächer Zeichnen und Malerei am gestalterischen Vorkurs sowie Erwachsenenkurse in Illustration an der Gestaltungsschule Firstfloor in Zürich unterrichtet.

«Kunstschaffende stehen oft alleine da, wenn sie sich selbstständig machen»

«Mir ist es wichtig, den Teilnehmenden möglichst viel aus der Praxis mitzugeben. Denn in den Studiengängen kommt das oft zu kurz.» Wissen über das Nutzungsrecht beispielsweise sei entscheidend. «Ich werde nämlich nicht unbedingt für meinen Aufwand entlöhnt, sondern hauptsächlich dafür, dass ich die Rechte an meinen Designs und Werken abtrete», erklärt sie. Man müsse die handelsüblichen Preise kennen, um den Kreativmarkt nicht zu zerstören. «Oft fehlt das Verständnis, dass Kreatives kostet. Das stört mich.»

Gemeinschaftsatelier im alten Busdepot

An ihrer Arbeit liebt Graff die Abwechslung und die Freiheit. «Ich arbeite gerne für mich alleine.» Die Selbständigkeit verlange aber auch Durchhaltewillen und Disziplin. «Mir hilft es, mir mit einem geregelten Arbeitsalltag einen Rahmen zu geben.» Früher habe sie von zu Hause aus gearbeitet, jetzt nicht mehr. Zwischen 8 und 8.30 Uhr steht Graff auf und trinkt dann drei Kaffees, mindestens. Anschliessend macht sie sich meistens zu Fuss in ihr Atelier im alten Busdepot auf, das sie mit mehreren Kunstschaffenden teilt. Sie wohnt nur wenige Gehminuten davon entfernt. Im Atelier erledigt sie all ihre Aufgaben, auch das, was an Administrativem so anfällt. «Ich nehme die Arbeit nicht nach Hause.» Im Atelier tobt sich Graff dafür richtig aus. «Mein Arbeitsplatz ist ein ziemliches Chaos. Daneben bin ich aber sehr organisiert.»

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