Publiziert 16. Nov. 2021, 12:02
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Eine Tanzikone verabschiedet sich

«Ich habe 50 Jahre für das Kindertanztheater gelebt»

Nach 50 Jahren übergibt Claudia Corti ihr Lebenswerk, das Kindertanztheater Claudia Corti, in neue Hände. Yuriy Volk, der seit elf Jahren im Team ist, übernimmt. 84XO hat sie zum Interview getroffen.

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Ramona Kobe
Claudia Corti ist froh, in Yuriy Volk den «idealen Nachfolger» gefunden zu haben.

Claudia Corti ist froh, in Yuriy Volk den «idealen Nachfolger» gefunden zu haben.
Ramona Kobe

Claudia Corti (74) tanzt, seit sie denken kann. Nachdem sie ihre Karriere aufgrund eines Rückenleidens früh abbrechen musste, widmete sich die gebürtige Winterthurerin ihrem Wunsch, Kindern die Freude an der Musik, am Tanzen, an der Bewegung und Darstellung zu vermitteln und gründete das Kindertanztheater Claudia Corti. Nach 50 Jahren sagt die Tanzlehrerin nun Adieu. Yuriy Volk, der seit 2010 als Tanzpädagoge und Choreograph zum Erfolg des Theaters beiträgt, übernimmt.

50 Jahre Kindertanztheater Claudia Corti – wie hört sich das an?

Claudia Corti: Furchtbar lange! Die letzten 50 Jahre vergingen wie im Fluge. Es ist schön zu sehen, was ich auf die Beine gestellt habe und dass jedes Jahr eine Bühnenproduktion entstanden ist.

Dieses Jahr zeigen Sie «Der Zauberer von Oz». Die Produktion war ursprünglich für das letzte Jahr gedacht. Was waren die Pläne für das Jubiläumsjahr?

Claudia Corti: Eigentlich wollten wir ein grosses Fest machen. Ausserdem hätte ich gerne eine meiner eigenen Produktionen gezeigt, «Zeitmärchenzeit» zum Beispiel. Das Musical ist sehr aufwändig, und es wäre zum Abschluss nochmals eine Challenge gewesen. Aber dadurch, dass Yuriy Volk übernimmt, ist es für mich sowieso nicht die letzte Bühnenproduktion. Es geht ja weiter.

Wer von Ihnen beiden hat sich für «Der Zauberer von Oz» entschieden?

Claudia Corti: Wir besprechen immer zusammen, welche Produktion in Frage kommt. Yuriy kennt die Kinder und weiss, für welche Rollen sie sich eignen. «Der Zauberer von Oz» ist ein grosser Titel, den viele Leute kennen, die Geschichte dahinter aber nicht.

Die Premiere ist bereits passé. Waren Sie zufrieden?

Yuriy Volk: Sehr sogar. Die Rückmeldungen der Zuschauerinnen und Zuschauer waren fantastisch. Ich glaube, es waren alle froh, konnte wir die Bühnenproduktion, auf die wir zwei Jahre hingearbeitet haben, nun endlich vorführen.

Woran müssen Sie nun noch feilen bis am Samstag?

Yuriy Volk: Wir repetieren das ganze Programm in den Proben. Nach einer Premiere werden aber kaum noch Änderungen vorgenommen.

Claudia Corti: Das wäre nicht gut für die Kinder. Nach einer Premiere muss man das Stück so nehmen, wie es ist. Ich kann mich noch gut erinnern, wie meine Tanzlehrerin mich jeweils vor den Vorhang schupste und ich improvisieren musste. Das ist heute leider nicht mehr möglich, weil das ganze Programm auf die Sekunde genau durchgeplant ist.

Bedauern Sie das?

Claudia Corti: Auf eine Art schon. Ein bisschen Leben und Improvisation tut dem Theater gut. Die alte Art des Theaters, dieses Gemächliche, gibt es heute nicht mehr. Wir sind permanent im Stress. Deshalb haben wir nun seit zehn Jahren einen Time-Code, der uns hilft, Zeit einzusparen.

Yuriy Volk: Dieser ist knallhart! Die Tänze beginnen auf die Sekunde genau, das Licht sogar auf eine Viertelsekunde genau.

Claudia Corti

«Ich kann heute mit einem schönen Gefühl aufhören. Aber nur, weil ich mit Yuriy den idealen Nachfolger gefunden habe»

Claudia Corti, mit welchem Gefühl hören Sie jetzt auf?

Claudia Corti: Als ich die Bewegungsschule 1971 gegründet habe, war das damals ein grosses Bedürfnis von mir. Es war ein «riesen Chrampf». Ich habe 50 Jahre für das Kindertanztheater gelebt. Abschalten konnte ich nie. Aber das musste so sein, sonst hätte es nicht funktioniert. Ich möchte diese Zeit nicht missen und kann heute mit einem schönen Gefühl aufhören. Aber nur, weil ich mit Yuriy den idealen Nachfolger gefunden habe. Ansonsten wäre ich bereit gewesen, alles aufzugeben.

Yuriy Volk, Sie kamen im August 2010 als Tanzpädagoge dazu. Was lösen diese Worte nun bei Ihnen aus?

Yuriy Volk: Um meine Gefühle beschreiben zu können, muss ich etwas ausholen. Als ich meine erste Vorstellung von Claudia gesehen habe – das war im Jahr 2008 – hielt ich nichts von privaten Tanzschulen. Doch als der Vorhang aufging, war ich hin und weg. Die Kinder haben eine Energie verbreitet, die ich mit Profis noch nie verspürt habe. Es war unglaublich.

Wie ging es weiter?

Yuriy Volk: Ich wollte von Claudia wissen, wie sie das schafft. Mittlerweile weiss ich es: Erfahrung. In den letzten zehn Jahren habe ich enorm viel gelernt. Deshalb fühle ich mich jetzt sicher, das Lebenswerk von Claudia Corti zu übernehmen. Auch deshalb, weil das ganze Team bleibt, das super zusammen funktioniert.

Claudia Corti: Ich habe früh gesehen, dass er gut choreographieren kann, dass er viel Erfahrung als Tänzer mitbringt und viel Fantasie hat. Ich muss nur noch den Faden loslassen, Yuriy kann das auch ohne mich. Ich bin gespannt, wie er sich schlagen wird. Nächstes Jahr werde ich zuvorderst im Publikum sitzen.

Mit kritischem Blick, nehme ich an…

Claudia Corti: Nein. Das kann ich ganz wegstecken. Er hat seine eigenen Ideen, seine eigene Art zu führen. Wenn er mich fragt, was mir nicht gefällt, werde ich ihm das ehrlich sagen. Was aber nicht heisst, dass das Publikum die gleiche Meinung hat. Es ist für uns jedes Jahr eine Überraschung, wie die Produktion ankommt.

Claudia Corti: ‹Der Zauberer von Oz› ist ein grosser Titel, den viele Leute kennen, die Geschichte dahinter aber nicht.»

Claudia Corti: ‹Der Zauberer von Oz› ist ein grosser Titel, den viele Leute kennen, die Geschichte dahinter aber nicht.»
zvg

Gibt es etwas, das Sie anders machen werden als Ihre Vorgängerin, Herr Volk?

Yuriy Volk: Nein, das wäre ein Fehler. Das Kindertanztheater hat sich in den letzten 50 Jahren stetig weiterentwickelt. Das möchte ich nicht kaputt machen. Natürlich wird es technologische Fortschritte geben, was automatisch Änderungen mit sich bringen wird. Die Philosophie und der Stil aber bleiben erhalten.

So auch der Name Kindertanztheater Claudia Corti. War das von Beginn her klar?

Yuriy Volk: Für mich schon, ja. Das war sogar mein Wunsch.

Claudia Corti: Yuriy kann das Theater jederzeit umbenennen, das macht mir nichts aus. Ich denke aber, der Name kommt ihm zugute. Es ist ein Brand, den man auch ausserhalb der Region kennt.

Was werden Sie an Ihrer Kollegin vermissen?

Yuriy Volk: Claudia Corti ist eine Schatzkiste. Sie hat unheimlich viel Fantasie, ein Auge fürs Detail und ein tolles Gefühl für die Kinder. Mit einem Blick sieht sie, ob ein Kind begabt ist, welche Rolle zu ihm passt, ob es überfordert ist. Dafür brauche ich noch 40 Jahre.

Yuriy Volk

«Claudia Corti ist eine Schatzkiste. Sie hat unheimlich viel Fantasie, ein Auge fürs Detail und ein tolles Gefühl für die Kinder»

Frau Corti, Sie haben von Dornrösschen über Peter Pan, Pinocchio bis hin zu Heidi viele bekannte Märchen aufgeführt. Welches war Ihre Lieblingsproduktion?

Claudia Corti: Es ist wie bei den Kindern: Ich kann nach all den Jahren nicht sagen, welches ich am liebsten habe. Es gibt aber ein Stück, das mir sehr am Herzen liegt: «Die Moldau». 18 Mädchen haben den Fluss dargestellt und sich 20 Minuten zu dieser wunderschönen Musik bewegt. Das kam super an, auch bei mir. Ich habe in meinem Innern gemerkt: Das ist etwas vom Besten, das ich je gezeigt habe.

Wofür hatten Sie in den letzten Jahren zu wenig Zeit, das Sie jetzt nachholen werden?

Claudia Corti: Ich werde öfter Konzerte, Theater, Opern besuchen. Zusammen mit meinem Mann. Ausserdem möchten wir nun endlich Italien, wo wir ein Haus haben, gründlich von oben bis unten bereisen. Dieses Land zieht mich magisch an, meine Wurzeln sind dort. Und Yuriy kommt jedes Jahr zu uns in die Ferien, so bleiben wir in Kontakt. Er ist Teil der Familie geworden.

Die nächste Vorstellung von «Der Zauberer von Oz» findet am kommenden Samstag, 20. November, um 17 Uhr im Theater Winterthur statt. Weitere Spielzeiten und Informationen finden Sie unter www.theaterwinterthur.ch.

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