Publiziert 29. Okt. 2022, 06:00
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Ladan Kalantar im Interview

«Ich finde es spannend, die Energien vor Ort in meine Musik einfliessen zu lassen»

Für ihre Musik reist Ladan Kalantar regelmässig in ihr Heimatland. Von den aktuellen Unruhen im Iran lässt sich die Winterthurerin nicht abschrecken. Im Gegenteil.

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Ramona Kobe
Am vergangenen Freitag trat Ladan Kalantar anlässlich eines Special-Events zum Abschluss der Ausstellung «Die Kunst des Ausstellens und des Feierns» in der Labüsch-Galerie auf.

Am vergangenen Freitag trat Ladan Kalantar anlässlich eines Special-Events zum Abschluss der Ausstellung «Die Kunst des Ausstellens und des Feierns» in der Labüsch-Galerie auf.
zvg

Bei ihr verbinden sich musikalischer Genuss und Einsichten in eine orientalische Hochkultur mit den täglichen Herausforderungen, einem Regime Grundrechte für das Volk und für die Frauen abzuringen. Am vergangenen Freitag trat Ladan Kalantar anlässlich eines Special-Events zum Abschluss der Ausstellung «Die Kunst des Ausstellens und des Feierns» in der Labüsch-Galerie auf. «Es war eine Achterbahn der Gefühle», blickt die Singer- und Songwriterin aus Winterthur auf ihren Auftritt zurück. Mit 84XO sprach die 34-Jährige über die Hürden, die iranische Künstlerinnen überwinden müssen, ihr Crowdfunding-Projekt und die Heilkraft der Musik.

Ladan Kalantar, Sie sind in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ihre Wurzeln haben Sie im Iran. Wie nehmen Sie die aktuellen Unruhen in Ihrem Heimatland wahr?

Ladan Kalantar: Ich war zuletzt im vergangenen Sommer in Teheran, damals gab es noch keine Proteste. Daher habe ich die Unruhen nicht selbst erlebt. Bekannte haben mir aber berichtet, dass die Stimmung sehr angespannt sei. Dennoch läuft ihr Alltag normal weiter. Die Proteste sind zurzeit punktuell und örtlich begrenzt. Man kann sich in der Stadt, wie eben Teheran, durchaus weitgehend frei bewegen und den Ausschreitungen fernbleiben.

Sie reisen regelmässig für Ihr Musik-Projekt in den Iran. Nächste Woche ist es wieder soweit. Eine gute Idee?

Ganz risikofrei ist meine Reise nicht. Der Iran ist grundsätzlich kein Land, das politisch stabil ist. Es gibt immer wieder Unruhen, worunter die Bevölkerung leidet. Ich will mich aber nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil: Ich finde es spannend, die aktuelle Stimmung und die Energien vor Ort aufzunehmen und in meine Musik einfliessen zu lassen.

Was wollen Sie mit Ihrer Musik erreichen?

Ich befasse mich mit Geschichten, die das Leben schreibt. Meine Musik soll Leute berühren und sie auf ihrer Gefühlsebene erreichen. Ich will auch, dass meine Lieder Botschaften vermitteln, die nachhallen und zum Nachdenken anregen. Ich beleuchte auch verschiedene gesellschaftliche Themen wie beispielsweise den Schmerz der Migration, den Verlust der Heimat und vieles mehr. Meine Messages sind sehr global und können unterschiedlich interpretiert werden. Als ausgebildete Psychotherapeutin weiss ich zudem, welche enorme Heilkraft Musik besitzt. Auch ich kann durch die Musik Erlebtes verarbeiten.

Sie nehmen Musik in Ihrer Heimat auf. Dabei haben Sängerinnen im Iran einen schweren Stand…

Das ist so. Leider. Alle Pop-Sternchen im Iran sind Männer. Bekannte Sängerinnen leben alle im Ausland, weil sie im Iran keine Konzerte für ein gemischtes Publikum geben dürfen. Es werden lediglich Konzerte von Frauen für Frauen abgehalten. Backing Vocals – natürlich verschleiert – sind auch bei gemischtem Publikum möglich. Ansonsten sind Frauen in der Musik vorwiegend in Orchestern als Instrumentalistinnen und Dirigentinnen vertreten. Sie können auch das Konservatorium besuchen und eine musikalische Ausbildung absolvieren. In anderen Bereichen der Kunst sind Frauen durchaus vertreten und sehr aktiv.

Musizieren Sie also illegal?

Nein. Es ist nicht verboten, mit einem Team zusammenzuarbeiten und Musik zu produzieren. Meine Musik werde ich im Ausland und nicht im Iran veröffentlichen. Daher ist meine Arbeit nicht direkt illegal. Meine Lieder werden über Streaming-Plattformen, Youtube und die sozialen Medien an die Zuhörenden gebracht. Denn über das iranische Staatsfernsehen oder das staatliche Radio kann ich meine Musik als Sängerin weder veröffentlichen noch promoten. Konzerte werde ich im Iran, solange sich gesetzlich nichts ändert, nie geben können.

Beschäftigt Sie das?

Nicht so sehr. Wir leben in einer globalisierten und digitalisierten Welt. Glücklicherweise hat die Gesetzgebung eines spezifischen Landes zumindest im Musikbusiness eine weniger grosse Macht als das Internet und die sozialen Medien. Die Iranerinnen und Iraner im Land können meine Musik jederzeit streamen und übers Internet hören.

Bislang haben Sie alles aus eigener Tasche bezahlt. Am Dienstag endete Ihr erstes Crowdfunding, 15'000 Franken kamen zusammen. Wofür benötigen Sie das Geld?

Die professionelle Produktion eines Debutalbums kostet Zeit, Energie und Geld. Es steckt sehr viel Herzblut in meinem Projekt. Zu einigen meiner Songs möchte ich gerne Musikvideos sowie weitere neue Tracks produzieren und damit mein Debutalbum fertigstellen. Ich habe das Glück, mit sehr motivierten, talentierten und kompetenten Menschen zusammenzuarbeiten, die an mich und meine Musik glauben. Nachdem ich erfuhr, dass ich meine Finanzierungsschwelle, auch durch die grosszügige Unterstützung meiner Familie und Freunde, erreicht hatte, buchte ich sofort meinen Flug nach Teheran, um einige meiner vielen Ideen weiter umzusetzen.

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