Publiziert 07. Jan. 2023, 09:37
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Musiker Simon Winiger im Interview

Ein Sideman, der auch allein überzeugt

Als langjähriger Bassist von Marc Sway wurde er bekannt, jetzt geht Simon Winiger solo. Als Johnny Simon brachte er am 6. Januar sein Debütalbum raus – ein Mix aus echten Gefühlen, Tönen der Ewigen Stadt und vielen Instrumenten, alle selbst gespielt.

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Ramona Kobe
Simon Winiger, langjähriger Bassist von Marc Sway, wollte seine eigenen Geschichten erzählen. Entstanden ist das Soloprojekt Johnny Simon. Am 6. Januar erschien das Debütalbum des Winterthurers.

Simon Winiger, langjähriger Bassist von Marc Sway, wollte seine eigenen Geschichten erzählen. Entstanden ist das Soloprojekt Johnny Simon. Am 6. Januar erschien das Debütalbum des Winterthurers.
Ramona Kobe

Er ist ein Multitalent. Mit der Trompete als Neunjähriger begonnen, entdeckte Simon Winiger früh seine Leidenschaft für die Musik. Schnell kamen neue Instrumente hinzu. Von E-Bass und Gitarre über Piano bis zu Bluesharp oder Posaune – der Wahl-Winterthurer beherrscht sie alle. Und ist damit ein gefragter Sideman. Bereits während seines Jazz-Studiums in Luzern tourte er als Bassist mit Marc Sway und Lunik durch die ganze Schweiz. Auch Dodo oder Sina durften schon auf die besonderen Fähigkeiten des heute 41-Jährigen zählen. Doch Winiger wollte mehr. Mehr Kreativität. Mehr Eigenes. Entstanden ist aus diesem Bedürfnis sein Soloprojekt Johnny Simon. Seine ersten Singles veröffentlichte er im vergangenen Jahr, gestern Freitag, 6. Januar, erschien nun das Debütalbum «Sculptures», deren Plattentaufe er am 24. Februar mit Carole Brunner von «Ginger And The Alchemists» im Kulturkoller feiern wird. Mit 84XO hat der gebürtige Toggenburger über seine musikalische Ausdrucksweise, plötzliche Selbstzweifel und seinen Patchwork-Job gesprochen.

Simon Winiger, Sie sind nach Rom gezogen, um Ihre eigene musikalische Sprache zu finden. War Ihre Suche erfolgreich?

Simon Winiger: Ja. Allerdings brauchte es einen Schüsselmoment.

Und dieser war?

In Rom konnte ich mich nur mit mir selbst beschäftigen. Ich stand morgens auf, pröbelte, suchte Inspiration auf verschiedene Art und Weise. Das war nicht einfach, bin ich doch grundsätzlich ein Team-Player. Aber ich wollte meine eigenen Geschichten erzählen, und als ich die Töne der Stadt mit dem Handy aufnahm, zusammenschnitt und Beats daraus machte, wusste ich: Das ist der Sound dazu.

Ihr Italien-Aufenthalt war 2014, letztes Jahr erschienen die ersten Singles, gestern das Debütalbum. Wieso hat es so lange gedauert?

Kaum war ich zuhause, stand ich wieder als Bassist mit verschiedenen Künstlern auf der Bühne und wurde erstmals Vater – da blieb kaum mehr Zeit für mein Soloprojekt. Ausserdem kam der zweifelnde Musiker in mir zum Vorschein. Ich war plötzlich unsicher, ob das, woran ich während vier Monaten so intensiv gearbeitet hatte, auch tatsächlich gut war.

Wie konnten Sie diese Unsicherheit überwinden?

Die Pandemie hat geholfen. Weil ich keine Konzerte mehr spielen konnte, hatte ich auf einmal Kapazität, mich wieder um meine Musik zu kümmern. Ich hörte mir die Songs an und stellt fest, dass sie mir immer noch gefielen. Also nahm ich mir vor, sie fertig zu machen und endlich rauszubringen.

Kam hinzu, dass Sie es satt hatten, immer nur im Hintergrund zu stehen und kaum Beachtung zu erhalten?

Nein, überhaupt nicht. Ich liebe es, Bass zu spielen. Doch es ist auch «nur» ein Handwerk, das ich erlernt habe. Das Bedürfnis, etwas ganz Neues, etwas Kreatives zu schaffen, wurde immer grösser. Ich nahm mir deshalb zum Vorsatz, in meinem Soloprojekt von A bis Z alles selbst zu machen.

Wie war es, plötzlich auf sich allein gestellt zu sein?

Es war ein Lernprozess. Nur schon um zu wissen, was mir gefällt. Im Team kannst du Begeisterung hochschaukeln. Also Solokünstler musst du deinem Bauchgefühl vertrauen.

Auf dem Album spielen Sie alle Instrumente selbst, an den Konzerten stehen Sie allerdings als Trio auf der Bühne. Wieso?

In meinem Kämmerchen kann ich problemlos für mich sein. Doch auf der Bühne brauche ich die Kommunikation mit anderen.

Sie beschreiben Ihre Musik als experimentelles Singer-Songwriting. Wie viel Ihres Studiums findet sich darin wieder?

Wer genau hinhört, vernimmt Töne, Akkorde und Strukturen, die aus dem Jazz kommen. Aber auch Indie- und Pop-Elemente sind zu erkennen. Es ist ein musikalischer Mix, ein Experiment eben.

Ihr Debütalbum gibts digital und als Platte. Warum haben Sie sich gegen die CD entschieden?

Ich kenne fast nur noch meine Eltern, die einen CD-Player besitzen (lacht). Heute hören die meisten Leute digital Musik. Und diejenigen, die gerne etwas in den Händen halten – Musikliebhaber wie ich – hören Vinyl. Deshalb war für mich klar: Dazwischen brauchts nichts.

Vor der Plattentaufe spielen Sie am 15. Januar im Rahmen des kulturellen Grossprojekts «Aurea Roma Est» mit Montefalcone in der Katholischen Kirche St. Marien in Oberwinterthur. Wie ist das Projekt entstanden?

Adriano Regazzin und ich stammen aus demselben Tal im Toggenburg, absolvierten gemeinsam das Jazz-Studium in Luzern und arbeiteten mit den gleichen Künstlern zusammen. Als ich erfuhr, dass auch er mehrere Monate in Rom verbracht hatte, um dort zu seiner eigenen musikalischen Ausdrucksweise zu gelangen, wusste ich, dass wir unsere Geschichten zusammenbringen müssen. Das Besondere daran: Wir werden von einem Streichquartett und einem Chor begleitet, der Lichtkünstler Walter Boos wird die Kirche von innen beleuchten und sie in einen stimmungsvollen Farbkosmos verwandeln.

  • Aurea Roma Est, 15. Januar, 18 Uhr, Kirche St. Marien, Winterthur

  • Plattentaufe, 24. Februar, 20 Uhr, Kulturkoller, Winterthur, Special Guest: Ginger And The Alchemists (solo)

Können Sie von der Musik leben?

Als Johnny Simon: Nein. Doch wer Musiker ist, hat einen Patchwork-Job. Nur mit Konzerten wird es schwierig, deshalb bin ich viel im Studio und unterrichte. Das bereitet mir genauso viel Freude.

Sie wuchsen in Dietschwil im Toggenburg auf. Wie kam es, dass Sie heute in Winterthur wohnen?

Über viele Umwege. Nach der Matura war ich für kurze Zeit im Ausland, dann für mein Studium in Luzern, ich wohnte in einer Musiker-WG im Appenzellerland und später viele Jahre in Zürich. Mit dem Kinderwunsch sind wir schlussendlich in Winterthur gelandet.

Eine gute Stadt für jemanden wie Sie?

Sehr! Das kulturelle Netzwerk ist gross. Man kennt sich, steht im Austausch und kann viel Inspiration sammeln.

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