Publiziert 22. Sep. 2022, 09:00
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Dernière von «Himmel und Höll»

Ein doppeltes Adieu

Werner Bühlmann stellt mit «Himmel und Höll» ein letztes Mal die grossen Fragen des Menschseins. Mit der Dernière in der Stadtkirche gibt der Winterthurer sein Lebenswerk in neue, jüngere Hände.

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Ramona Kobe

Freude und Leid, Aufstieg und Fall, Tod und Neugeburt. Es sind die grossen Themen des Lebens, die Werner Bühlmann in «Himmel und Höll» behandelt. Es geht um die Entschlossenheit und die Kraft, dem Dunklen dieser Tage, die Liebe und den Mut zum Leben entgegenzusetzen. «Obwohl das Passionsspiel auf der Erzählung der Schwarzen Spinne beruht, könnte das Stück aktueller nicht sein», findet der Autor. Der Bezug zur Gegenwart ist aber nicht der eigentliche Grund, weshalb das Ensemble «Himmel und Höll» am 25. September in der Stadtkirche Winterthur nach mehreren Aufführungen 2018 und 2019 noch ein allerletztes Mal zeigt und die Marionetten, gross wie Menschen, nach drei Jahren Pause wieder aus ihren Koffern holt. «Corona hat uns keinen würdigen Abschluss erlaubt», erzählt der Theatermann. «Wir haben gespürt, dass bei allen Beteiligten noch extrem viel Energie vorhanden ist und wir nochmals auf die Bühne wollen.»

Für den 69-Jährigen ist es ein doppelter Abschluss. Er gibt sein Lebenswerk, das Tösstaler Marionettentheater, das er 1985 gründete und das ihm den Grundstein zu seinem Werdegang als professioneller Puppenspieler legte, in neue, jüngere Hände. An jemanden, der seit Kindheit ununterbrochen auf der Bühne steht und im Theater-Business kein Unbekannter ist: Seraphin Schlager. «Das Ganze war nicht geplant und ist rein zufällig passiert», erzählt Schlager. Er und Bühlmann hätten an der gleichen Strasse in Wülflingen gewohnt, wo sie sich erstmals über eine mögliche Übernahme unterhalten hätten. «Nach kurzem Überlegen wusste ich: Dieses Abenteuer möchte ich wagen.» Dann ging alles, nomen est omen, Schlag auf Schlag. Für «Himmel und Höll» liegt die Hauptleitung zwar noch bei Bühlmann, doch Schlager hat viele organisatorische Aufgaben übernommen und spielt mit dem «Teufelsbraten» und dem «Jungen Bauern» gleich zwei zentrale Rollen. Parallel dazu war der 30-Jährige jüngst mit seiner ersten eigenen Produktion, Ronja Räubertochter, in den Schlössern und Burgen der Region auf Tournee.

Begrenzung fördert Kreativität

Für Werner Bühlmann ist die Nachfolge ein grosser Glücksfall. «Seraphin ist unglaublich talentiert und schafft es, beim Publikum mit seiner frechen Art, Stücke zu schreiben, eine riesige Begeisterung auszulösen», lobt er seinen Kollegen. Dass Schlager fürs Theaterspielen brennt und nicht nur halbherzig bei der Sache ist, zeigte er auch beim Besuch von 84XO. Innert Sekunden wechselte er in die Rolle des «Teufelsbraten», der Gehilfe dunkler Mächte, setzte sich die grüne Maske auf und schrie von der kleinen Bühne aus ins (leere) Publikum. Plagend, schmeichelnd, verführerisch. «Ich war selbst grad ein bisschen überrascht, wie easy ich umstellen konnte», gesteht der Schauspieler. Anders als bei seinen sonstigen Auftritten − Schlager macht auch Musicals − seien die Ausdrucksmöglichkeiten im Puppenspiel enorm reduziert. Weder Mund noch Augen bewegen sich, einzig Kopf und Arme lassen sich steuern. «So zu spielen ist schwierig. Und doch ist erstaunlich, wie sich die Kreativität in der Begrenzung oft am besten ausleben lässt.»

Für die Dernière von «Himmel und Höll» wird Werner Bühlmann (r.). nicht mehr auf der Bühne stehen, sondern das Stück von der ersten Reihe aus geniessen.

Für die Dernière von «Himmel und Höll» wird Werner Bühlmann (r.). nicht mehr auf der Bühne stehen, sondern das Stück von der ersten Reihe aus geniessen.
Ramona Kobe

Rund 40 Personen sind in der Produktion insgesamt involviert; den neun Puppen und ihren Schauspielern steht ein Sing- und Sprechchor gegenüber. Zentrale Akteure des Stücks sind nebst Schlager die Schauspielerin Susanne Odermatt in ihrer Rolle als «Lindauerin» sowie der Musiker Matias Lanz, der für «Himmel und Höll» neben der Orgel mit seinen überraschenden Cembalo-Improvisationen zu begeistern weiss − präsent, lebendig und voller Leichtigkeit.

Alles begann mit einem Taschenmesser

Auch Bühlmann schlüpft im Atelier in Rikon noch einmal in die Figur des «Alten Bauern». «Das ist eine Ausnahme», macht er klar. Er sitze am kommenden Sonntag in der vordersten Reihe und geniesse das Spiel. «Fast wie ein Trainer an der Seitenlinie des Fussballfelds, schliesslich ist Theater ein Mannschaftssport. Keiner schiesst die Tore allein, zuletzt der Regisseur», sagt der Puppenspieler lachend, der als Kind bei GC spielen wollte. Aus seinem Kindheitstraum wurde nichts. Stattdessen hat er dank eines Geschenks seiner Mutter eine andere Passion entdeckt: Mit seinem ersten Taschenmesser schnitzte er zuerst Rindenschiffchen, später die ersten Masken.

Auch die neun Holzfiguren, die allegorischen Sinnträger in «Himmel und Höll», hat Bühlmann selbst geschnitzt, ursprünglich für eine Produktion des Schweizer Fernsehens. Durch die ausdrucksstarke, theatrale Bemalung seiner Tochter Mimi Bühlmann und anderen Kostümen sind ganz neue Figurentypen entstanden, erzählt der gebürtige Oberländer. «Ich würde die Marionetten gern nochmals umbauen», verrät er und blickt fast schon verlegen zu seinem Nachfolger. «Zusammen mit Seraphin nochmals ein Stück zu schreiben, wäre ein grosses Geschenk.»

Die Dernière von «Himmel und Höll» findet am Sonntag, 25. September, um 19 Uhr in der Stadtkirche Winterthur statt. Der Eintritt ist frei.

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